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Engelmann plant Ausbruch aus "Gefängnis"

Der Regionalliga-Torjäger aus Visbek spricht im Interview über seine Ambitionen mit Kultklub RW Essen und den Druck an der Hafenstraße.

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Neue Heimat: Regionalliga-Torjäger Simon Engelmann im Essener Stadion an der Hafenstraße. Foto: RWE/Peil

Neue Heimat: Regionalliga-Torjäger Simon Engelmann im Essener Stadion an der Hafenstraße. Foto: RWE/Peil

Herr Engelmann, vor anderthalb Wochen haben Sie Ihre neue Wohnung in Essen bezogen. Haben Sie den kürzesten Weg zum Stadion schon herausgefunden?

Noch nicht ganz. Der direkte Weg ist gerade etwas schwierig, weil da eine Großbaustelle ist. Ich muss ein bisschen außen rumfahren, das dauert aber nur zwei, drei Minuten länger. Ich bin in maximal sieben, acht Minuten immer beim Training. Und wir wohnen rund 800 Meter von der Innenstadt entfernt. Von der Lage ist es schon perfekt, wo wir etwas gefunden haben.

Nur knapp zehn Minuten zum Training – das klingt besser als gut eine Stunde von Bakum über die Dörfer nach Rödinghausen.

Ja, es ist auch wesentlich angenehmer, wenn man nicht jeden Tag zwei Stunden im Auto sitzt und das auch immer alleine. Ich hab' das jetzt drei Jahre gemacht. Es ist wichtig gewesen, dass ich nach Hause kann. Aber wenn ich zurückdenke, ist das schon viel Aufwand und auch irgendwie verschenkte Zeit mit den zwei Stunden pro Tag gewesen. Jetzt ist es auf jeden Fall deutlich entspannter.

In zehn Minuten zum Training – mit Auto oder mit dem Fahrrad?

Man könnte auch mit dem Fahrrad fahren. Das hab' ich bisher aber noch nicht gemacht.

Wie läuft ansonsten das Einleben in der neuen Wahlheimat?

Wir wohnen in einer Gegend, in der auch vier, fünf andere Spieler leben – auch mit Frauen und Kindern. Einige haben wir schon kennengelernt. Das macht es auch für Sandra und den Kleinen ein bisschen angenehmer, sich einzuleben und sich wohlzufühlen. Die ersten zwei Wochen waren auf jeden Fall sehr positiv. So kann es weitergehen.

Sie haben in Ihrer Zeit bei RW Oberhausen auch schon in einem Essener Stadtteil gelebt. Das dürfte einiges vereinfachen.

Auf jeden Fall. Ich war ja schon mal zwei Jahre hier, aber in einem anderen Stadtteil. Da war ich die meiste Zeit alleine, das war dann schon etwas anderes. Aber die eine oder andere Ecke kannte ich jetzt schon, das machte es schon etwas einfacher.

Wie wichtig war es für Sie und Ihre Familie, dass man in zwei Stunden bei den Omas und Opas sein kann – und umgekehrt?

Es war ja die ganze Zeit die Überlegung: Was machen wir? Wo gehen wir hin? Ingolstadt stand im Raum. Jetzt ist es Essen geworden. Damit kann ich leben, damit kann vor allem auch Sandra leben. Für sie war es extrem schwer, diesen Schritt zu gehen. In zwei Stunden kann uns jeder besuchen oder wir können mal heim fahren. Wir haben eine gute Lösung gefunden.

Zum Sportlichen: Wie war der Trainingsstart bei RW Essen?

Nach vier Monaten nur mit Läufen und ohne Mannschaftstraining war's eine extreme Umstellung und sehr anstrengend. Es macht auf jeden Fall Spaß, wieder richtig zu kicken. Da quält man sich gerne. Die ersten Eindrücke vom Team und vom Trainer waren positiv. Es macht Bock – und ich hoffe, wir können dann demnächst angreifen.

Angriff ist ein gutes Stichwort. Der Klubchef und der neue Coach Christian Neidhart machen kein Geheimnis daraus, dass der Aufstieg in die 3. Liga das Ziel von RW Essen ist. Das dürfte auch zu Ihren Ambitionen passen.

Ja, absolut. Ich hatte letzte Saison die Riesenchance, und wir als Truppe in Rödinghausen haben auch alles abgeliefert, was irgendwie ging. Eigentlich war alles klar, dass wir hochgehen können. Leider hat uns der Verein einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich bin nach Essen gekommen, um das hier umzusetzen. Der Verein will hoch, das ganze Umfeld. Und ich will das auch unbedingt umsetzen. Ich hoffe, dass ich an die Leistungen der letzten Jahre anknüpfen kann und wir das hier schaffen.

Moment der Entscheidung: Simon Engelmann bei der Vertragsunterschrift; links Essens Sportdirektor Jörn Nowak. Foto: RWEPeilMoment der Entscheidung: Simon Engelmann bei der Vertragsunterschrift; links Essens Sportdirektor Jörn Nowak. Foto: RWE/Peil

Der Traum von der 3. Liga lebt.

Nach dem letzten Jahr und der Möglichkeit, dass ich nach Ingolstadt hätte gehen können, dann die nicht beantragte Lizenz – das alles hat in mir noch was freigesetzt: 'Eigentlich hast du's drauf, aber es sollte bislang nicht sein.' Jetzt versuche ich es noch mal mit einem anderen Verein. 3. Liga – das ist etwas, was ich noch unbedingt schaffen will.

Die Welt hat im März eine Story über Sie gebracht mit dem Titel „Gefangen in der Regionalliga“. Wie ist es denn so im Gefängnis?

Ganz gut eigentlich. Wenn man am Ende des Tages auf die nackten Zahlen guckt, bin ich im elften Jahr in der Regionalliga. Es hat bisher nie wirklich sein sollen mit der 3. Liga. Ich hoffe, dass ich das in den nächsten zwei Jahren hier umsetzen und dann beweisen kann, dass ich auch höherklassig spielen kann.

Die großen Ambitionen des Klubs haben auch einen großen Druck zur Folge, eine hohe Erwartungshaltung. Eine neue Erfahrung für Sie, so hoch war der Erfolgsdruck vorher eigentlich noch nie.

Ja, das stimmt. Das ist für mich eine komplett neue Situation und sicher eine Herausforderung, dass ich zu so einem großen Verein komme, wo automatisch ein bisschen mehr Druck herrscht. Und dann noch die klaren Aussagen, dass man unbedingt hoch will. Auch für mich persönlich nach der letzten Saison: 26 Tore, Torschützenkönig. Die Fans haben eine gewisse Erwartungshaltung an mich, das ist mir klar. Aber ich glaube, mit meiner Erfahrung kann ich da ganz gut mit umgehen. Ich bin da momentan relativ gelassen.

Die Kollegen von „Reviersport“ haben berichtet, dass RW Essen in der Vergangenheit einige Topstürmer verpflichtet hat, die in ihren alten Klubs nach Belieben trafen, in Essen aber nicht mehr. Haben Sie Sorge, dass Ihnen das auch so gehen könnte?

Nein, auf gar keinen Fall. Ich glaube, ich kenne meine Stärken ganz gut. Ich kenne auch die Liga seit Jahren. Wenn ich so weitermache wie bisher und immer Gas gebe, im Training und im Spiel, dann werde ich auch in Essen meine Dinger machen, da bin ich mir sicher.

Erst Lotte, Verl, Oberhausen und Rödinghausen, jetzt Essen – Sie gehen in Ihre elfte Saison in der Regionalliga West. Mit dem BSV Rehden, dem SSV Jeddeloh oder dem VfB Oldenburg gibt's einige Nord-Viertligisten quasi um die Ecke. Was gefällt Ihnen so an der West-Staffel?

Es gibt schon deutliche Unterschiede zwischen der Regionalliga Nord und West. Im Norden betreiben es nur wenige Vereine professionell, die Spieler gehen alle arbeiten oder studieren und dann wird eher nachmittags oder abends trainiert. Ich hatte den Plan, in die Regionalliga West zu gehen, wo es einfach professioneller abläuft. Ich hatte ja ein kurzes Intermezzo in Cloppenburg. Ein halbes Jahr, das hat mir nicht ganz so gut gefallen. Mit Professionalität hatte das wenig zu tun. Die Strukturen im Westen sind anders, auch weil's hier viele Traditionsvereine gibt. Viele sind besser aufgestellt und arbeiten professionell.

26 Tore in 26 Spielen: Simon Engelmann (links), hier im Spiel gegen Aachen, schoss den SV Rödinghausen auf Platz eins der Regionalliga West. Der Klub stellte keinen Lizenzantrag für die 3. Liga. Foto: SVR26 Tore in 26 Spielen: Simon Engelmann (links), hier im Spiel gegen Aachen, schoss den SV Rödinghausen auf Platz eins der Regionalliga West. Der Klub stellte keinen Lizenzantrag für die 3. Liga. Foto: SVR

Sie haben das Intermezzo beim BV Cloppenburg angesprochen. Ihr neuer Coach Christian Neidhart hat auch eine BVC-Vergangenheit als Spieler und Co-Trainer. Haben Sie schon über den Niedergang Ihres gemeinsamen Ex-Klubs gesprochen?

Nein, das haben wir jetzt noch nicht. Ganz ehrlich: Ich hab' gar nicht gewusst, dass er auch mal in Cloppenburg war. Aber wir hatten ja auch schon vorher eine kleine Berührung über den SV Meppen miteinander, das war dann eher ein Thema.

Mit anderen Worten: Meppen wollte Sie auch verpflichten.

Ja, genau.

Dann hat Neidhart ja jetzt gekriegt, was er wollte.

Ja, das hab' ich ihm im Flachs auch schon gesagt: 'Wenn ich schon nicht nach Meppen komme, dann kommst du halt zu mir nach Essen.'

RW Essen ist Kult im Ruhrgebiet. DFB-Pokalsieger 1953, Deutscher Meister 1955, Europacup-Teilnehmer, sieben Jahre 1. Liga, große Namen wie Rahn, Basler, Hrubesch, Lippens, Rehhagel, Mill oder Özil, Höhen und Tiefen. Es muss etwas Besonderes sein, für so einen Klub zu spielen.

Auf jeden Fall. Wenn man sich hier in der Stadt aufhält, dann spürt man, dass sich jeder mit dem Verein identifiziert. Wenn man als Auswärtsmannschaft nach Essen gefahren ist, war hier immer was los. 10 000 Leute im Stadion, das ist einfach eine ganz andere Ebene. Sogar beim Training war ja immer was los, das ist einmalig für die 4. Liga. Aber wegen Corona spürt man diese Euphorie leider gerade nicht so.

Sie sprechen die Wucht der Fans an. Wie groß ist die Sorge, dass Sie das bei Geisterspielen gar nicht genießen können?

Natürlich wünschen wir uns, dass Anfang September, wenn wir starten, irgendwie Zuschauer da sein dürfen. Aber es ist auch wichtig, dass alle gesund bleiben, das steht an erster Stelle. Mit der Zeit wird dann die Normalität kommen. Ich gehe jetzt nicht davon aus, dass ich in meinen zwei Jahren, die ich hier Vertrag habe, die ganze Zeit vor einer leeren Bude spielen muss.

Sie spielen in Essen mit der Trikotnummer 11. Haben Sie schon ermittelt, ob's namhafte Vorgänger mit dieser Nummer gab?

Nein, ich hab' mich noch nicht intensiv damit beschäftigt, wer hier mal die Nummer 11 hatte.

Und wie sieht's mit einem Foto mit der Statue von Helmut Rahn vor dem Stadion an der Hafenstraße aus?

Auch das muss ich noch mal machen. Aber ich hab' ja noch ein bisschen Zeit dafür.

Die Regionalliga Nord ist geteilt worden. Die West-Staffel will indes eine normale Serie spielen.

Ich bin auch auf dem Stand, dass wir 21 Mannschaften und 40 Spiele haben. Das wird auf jeden Fall ein straffes Programm. Mitte August haben wir noch das Pokal-Halbfinale aus der letzten Saison. Vier Tage später wäre das Finale, eventuell noch DFB-Pokal, und der neue Pokal kommt auch noch dazu. Da werden von September bis Mai oder Juni viele englische Wochen kommen.

In der Vorbereitung gehört auch BW Lohne zu den Testspielgegner. Ein Klub, der sehr ambitioniert ist und die Regionalliga im Visier hat. Stimmt es, dass Sie ein Kandidat in Lohne waren?

Ich hatte von mehreren Stellen gehört, dass ich schon nach Lohne wechseln würde, dass ich dort hoch im Kurs stehe. Ich hab' aber nie mit einem Verantwortlichen von BW Lohne gesprochen. Was anderes kann ich dazu nicht sagen, und das war auch kein Thema für mich.

Abschließend noch eine kleine Kurve in die Clique. Mit Fabian Meyer und Dennis Jex wechselten zwei Ihrer besten Kumpels vom Landesligisten VfL Oythe zu RW Visbek in die Kreisliga. Welcher Transfer löste denn mehr Wirbel in der WhatsApp-Gruppe aus: Ihrer nach Essen oder Fabians und Dennis' nach Visbek?

Bei mir war's ja irgendwie abzusehen, dass ich noch mal den Verein wechsle. Dass Fabian, Dennis und Felix Diersen, der ja auch bei uns in der Clique ist, nach Visbek gehen, da war dann schon ein bisschen mehr los, was die Nachrichten angeht. Aber die waren ja auch zu dritt.


Steckbrief und Fakten:

  • Simon Engelmann (31), geboren am 22. März 1989, stammt aus Visbek.
  • Jugendzeit: Bei RW Visbek ging's los, später folgte der Wechsel zu BW Lohne.
  • Zweieinhalb Jahre Oythe: Im Januar 2008 wechselte er als A-Jugendlicher zum VfL Oythe. Mit 23 Toren schoss der 1,88 m große Mittelstürmer die Oyther 2009 zum Meistertitel in der Bezirksoberliga. Eine Etage höher traf er 25 Mal, Platz drei in der Oberliga.
  • Regionalliga West: Nach zweieinhalb Jahren bei SF Lotte (2010 bis Dez. 2012) und dem Nord-Intermezzo beim BV Cloppenburg (Rückserie 2012/13) spielte der Linksfuß noch für den SC Verl (2013 bis 2015), RW Oberhausen (2015 bis 2017) und den SV Rödinghausen (2017 bis 2020).
  • RW Essen: Ende Mai gewann Essen das Tauziehen um Engelmann. Er unterschrieb einen Zweijahresvertrag – mit Option auf eine weitere Saison.
  • Regionalliga-Bilanz: Engelmann kommt auf 280 Spiele in der 4. Liga und 120 Tore (7 für Lotte, 29 für Verl, 27 für Oberhausen und 57 für Rödinghausen).
  • Torschützenkönig: In der abgebrochenen Serie 19/20 war er mit 26 Toren in 26 Spielen der beste Schütze in allen fünf Regionalligen.
  • Marktwert: 175.000 Euro laut transfermarkt.de.
  • Privat: Seine Frau Sandra (geb. Rasche) stammt aus Bakum. Das Paar hat einen Sohn (Mats/15 Monate).
  • Berufliche Ausbildung: Vor zwei Jahren Bachelor-Abschluss in Wirtschaftsinformatik (Fern-Uni Hagen).

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