Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Der Stachel sitzt tief – aber der Blick geht nach vorne

Stefan Niemeyer, Klubchef von Rasta Vechta, spricht nach dem Bundesliga-Abstieg über eine große Enttäuschung, wenig Standing, bessere Prozesse und die ProA-Ambitionen.

Artikel teilen:
Licht aus, Spot an: Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten. Für die ProA-Saison 2021/22 hofft Rasta auf die Rückkehr von Fans. Foto: Becker

Licht aus, Spot an: Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten. Für die ProA-Saison 2021/22 hofft Rasta auf die Rückkehr von Fans. Foto: Becker

Die finale Niederlage am grünen Tisch ist bereits ein paar Tage alt, aber so richtig verarbeitet ist die Wildcard-Prozedur ohne Happy End noch nicht – der Abstiegsschmerz ist groß, da hilft die katalonische Mittelmeersonne über Cambrils und Tarragona nur bedingt. Stefan Niemeyer, Klubchef von Rasta Vechta, gibt offen zu: „Der Stachel sitzt tief, die Enttäuschung hat sich noch nicht gelegt.“ Am Freitagnachmittag hatte Rasta im Rennen um die Wildcard für die Saison 2021/22 in der Basketball-Bundesliga den Kürzeren gezogen. Die Gießen 46ers, wie Vechta sportlicher Absteiger nach der Hauptrunde 20/21, bekamen den Vorzug und bleiben in der 1. Liga, Rasta muss dagegen runter in die 2. Bundesliga ProA.

Mit 5:10 hatte Rasta das Wildcard-Votum der BBL-Klubs verloren. Ein deutliches Ergebnis, das Niemeyer auch ein paar Tage danach schwer im Magen liegt. „Ja, das stimmt. Dass es so klar ausgegangen ist, ist auch eine große Enttäuschung.“ Der 60-Jährige ist im Gegensatz zum Meinungsbild im 46ers-Umfeld davon überzeugt, dass die Tabellensituation – Gießen lag als 17. mit 16:52 Punkten knapp vor Rasta (18./14:54) – keine große Rolle gespielt hat. Er sagt: „Es war nur ein Sieg Unterschied. Ich glaub', dass das für die meisten Vereine nicht entscheidend war.“

Rastas Klubchef erneuert dagegen seine Vermutung, dass die geografische Lage von Gießen entscheidend gewesen sei: „Für die meisten Klubs ist Vechta aufwändiger zu erreichen, da spielen die Kosten eine Rolle. Und als ländliche Region hast du halt wenig Standing, da muss man ehrlich sein.“ BBL-Gründungsmitglied Gießen, das nun seine 54. Erstliga-Spielzeit in Angriff nehmen kann, habe außerdem „mehr Tradition“ in die Waagschale werfen können. „Sie sind sehr gut vernetzt, das muss man dann akzeptieren“, so Niemeyer. Und mehr Erfahrung in einem Wildcard-Verfahren hatten die Hessen auch – sie marschieren bereits zum dritten Mal nach 2009 und 2012 als Tabellen-17. durch die Hintertür.


Rasta Vechta in der 2. Bundesliga ProA

  • 2012/13: Als Aufsteiger zum Aufstieg – Rasta marschierte von der ProB direkt in die BBL. Platz eins in der Hauptrunde (23:7 Siege). Playoffs: erst 3:0 gegen Ehingen, dann ein dramatisches 3:2 gegen Karlsruhe. Im Finale zweimal 84:78 gegen Düsseldorf.
  • 2014/15: Ein verkorkstes Jahr. Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit war riesig. Nur zwölf Siege, nur Platz zehn, Tristesse pur.
  • 2015/16: Starke Hauptrunde mit 27 Siegen in 30 Partien. Im Viertelfinale ein 3:0 gegen Nürnberg, im Halbfinale ein 3:0 gegen Gotha. ProA-Rekord mit 25 Siegen in Folge. Im Finale ist Jena besser.
  • 2017/18: Platz eins nach der Hauptrunde (27 Siege in 30 Spielen). In den Playoffs erst ein 3:0 gegen Hagen, danach ein 3:1 gegen Karlsruhe. Im Finale folgt der zweite Meistertitel (gegen Crailsheim).

Für Rasta war's das erste Wildcard-Verfahren – entsprechend lehrreich waren die neun Tage zwischen der Bewerbung und der Niederlage bei der Abstimmung. „Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist sicher, dass im Profi-Geschäft jeder nur auf sich und seine Interessen und Vorteile schaut“, so Niemeyer. Dass Rasta während der Corona-Krise bereit war, als zehntes Team beim Finalturnier im Juni 2020 in München anzutreten und vier Monate später als Ausrichter eines Vorrundenturniers im BBL-Pokal einzuspringen, habe sich im Wildcard-Verfahren kaum ausgewirkt, so der Klubchef. „Es wird einem nicht gedankt“, hält Niemeyer ernüchtert fest: „Aber am Ende ist es müßig, über all das zu spekulieren. Gießen hat sich durchgesetzt, nur das zählt.“

Nun darauf zu spekulieren, dass Aufsteiger Heidelberg die Lizenz-Auflagen nicht erfüllen kann und es nach dem 30. Juni eine zweite Wildcard geben könnte, ist für Niemeyer kein Thema. Das war es vor Freitag nicht – und das ist es jetzt auch nicht: „Wir konzentrieren uns voll auf die ProA.“ Man sei bereits seit gut zwei Wochen in „klaren Diskussionen“, was die interne Organisation angeht. Niemeyer erklärt mit Blick auf einige Fehlentscheidungen in der abgelaufenen Saison: „Es gibt sicher Prozesse, die wir verändern müssen.“ Details nennt er nicht, aber es dürfte dabei auch um das Rekrutieren von Spielern gehen. Immerhin: Von „Beratung beim Scouting“ ist die Rede. Pedro Calles habe darauf viel Wert gelegt, so Niemeyer, Calles' Nachfolger Thomas Päch eher weniger.

Coach Derrick Allen, seit Ende März im Amt und ausgestattet mit einem Vertrag bis Juni 2022, obliegt es nun, den neuen Kader federführend zusammenzustellen. Die Wildcard-Entscheidung pro Gießen dürfte Bewegung in die Sache bringen. Ein Verbleib von Philipp Herkenhoff ist nahezu ausgeschlossen – der 21-Jährige steht bei einigen BBL-Klubs oben auf dem Transferzettel. Und Robin Christen wird nach OM-Medien-Informationen auch nicht zurückkehren, er soll bereits einen neuen Klub gefunden haben.

Mit Blick auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Klubs ist Niemeyer total entspannt. Er sagt: „Wir sind gut aufgestellt.“ 2017/18, als Rasta letztmals in der 2. Liga spielte, lag der Etat bei gut 2,3 Millionen Euro. Niemeyer geht davon aus, dass sich der Etat für Vechtas fünfte ProA-Saison „irgendwo bei 2,5 Millionen Euro“ einpendeln wird. Ein Budget, aus dem sich der Anspruch ableiten lässt, ganz oben mitspielen zu wollen? „Ja, natürlich. Aber der Wiederaufstieg wird nicht einfach“, sagt Niemeyer. Er weiß: Die Zahl der ambitionierten Zweitligisten ist gestiegen – und mit Bremerhaven, Trier, Hagen, Jena, Tübingen und den Artland Dragons gibt's sechs ProA-Klubs, gegen die Rasta bereits in der 1. Liga gespielt hat.

Was die Rückkehr von Fans in den Rasta-Dome angeht, hofft Niemeyer natürlich auf die alte Normalität. Eine 100-prozentige Auslastung wie vor Corona – das letzte Heimspiel vor 3140 Fans gab's am 29. Februar 2020 – ist aber vorerst unrealistisch. Niemeyer: „Ich hoffe, dass wir in dieser Saison zumindest auf 75 Prozent im Schnitt kommen.“ Er glaubt, dass die Ticket-Nachfrage „unverändert groß“ sein wird.

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Der Stachel sitzt tief – aber der Blick geht nach vorne - OM online