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Alexander Kosenkow und der große Traum von Tokio

Für den Sprint-Oldie bahnt sich eine Premiere an: Der 44 Jahre alte Steinfelder will als "Guide" den sehbehinderten Marcel Böttger zu den Paralympics begleiten.

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Gemeinsam schnell: Marcel Böttger (links) und Alexander Kosenkow, hier bei den „World Para Athletics Championships“ im November 2019 in Dubai. Foto: Binh Truong/DBS

Gemeinsam schnell: Marcel Böttger (links) und Alexander Kosenkow, hier bei den „World Para Athletics Championships“ im November 2019 in Dubai. Foto: Binh Truong/DBS

Fast täglich trudelten neue Nachrichten aus Fernost ein. Nachrichten zu den Olympischen Sommerspielen in Tokio. Mal ging's dabei um den 100-Tage-Countdown, mal um schnelle Impfungen für die Teilnehmer, mal um den Fackellauf, mal um japanische Politiker, die die Diskussion um die Austragung der Spiele abermals anheizten. Und, und, und. Alexander Kosenkow versucht, auf dem Laufenden zu bleiben, alle News aus Tokio aufzusaugen, aber auch zu filtern.

Der Sprinter aus Steinfeld, inzwischen 44 Jahre alt, würde im Sommer gerne in Tokio an den Start gehen. „Das ist unser großes Ziel. Wir arbeiten hart dafür, dass es klappt“, sagt er. Viermal war Kosenkow schon bei Olympia – 2004 in Athen, 2008 in Peking, 2012 in London sowie 2016 in Rio de Janeiro. Kaum ein Athlet im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) hat so viele Erfahrungen gesammelt wie der Sprint-Oldie. Und dennoch bahnt sich eine Premiere für ihn an.

Kosenkow spricht von „uns“, von „wir“. Er läuft nicht mehr alleine; er ist ein Begleiter, ein sogenannter Guide, für einen sehbehinderten Sportler. Wenn Kosenkow also den Blick auf Tokio richtet, dann meint er die Paralympischen Spiele, die vom 24. August bis 5. September in Japans Hauptstadt stattfinden. Der Partner an seiner Seite, mit dem Kosenkow während des Sprints mit einem Bändchen am Handgelenk verbunden ist, heißt Marcel Böttger. Der 27-Jährige kommt gebürtig aus Kassel, lebt in Witten bei Dortmund, arbeitet tagsüber als Physiotherapeut und läuft für die BSG Bad Oeynhausen. „Eine gute Adresse im Para-Sport“, so Kosenkow.

7. Platz bei der Para-WM in Dubai 2019

Seit Anfang März 2019 bilden die beiden Sprinter ein Duo. Für Kosenkow ist es der zweite Job als Guide. Es begann an der Seite von Katrin Müller-Rottgardt, die wie Kosenkow für den TV Wattenscheid läuft. Zwar feierte das Duo bei der Para-EM 2018 in Berlin einige Erfolge, doch danach trennten sich die Wege. „Sie ist eine große Frau mit langen Schritten. Unsere Übersetzungen auf der Bahn passten irgendwie nicht zusammen, daher waren auch die Zeiten nicht so gut“, sagt Kosenkow.

Mit Böttger passte es besser – und zwar auf Anhieb. „Wir haben sofort gut zusammengefunden“, erzählt der Steinfelder und verweist auf eine frühe Bestzeit von 11,10 Sekunden über die 100 Meter. Bei der Para-WM 2019 in Dubai lief das Duo Böttger/Kosenkow auf den siebten Platz. Ein starkes Ergebnis. „Von über 20 Startern in unserer Klasse hatten nur zwei einen Guide“, so Kosenkow. Böttger gehört der Klasse „T/F 12“ an – für Athleten mit einer Sehkraft von zwei bis fünf Prozent. „In dieser Klasse kann man mit oder ohne Guide laufen, die meisten laufen alleine“, erzählt Kosenkow. Böttgers Sehkraft auf einem Auge liegt bei null Prozent, auf dem anderen bei zwei, für ihn kommt daher ein 100-m-Sprint ohne einen Guide nicht infrage.

2020 wurde das Sprinterduo von Corona ausgebremst. Die Hallen-DM im Februar in Erfurt konnte noch stattfinden (1. Platz über 60 m), danach folgte eine längere Pause, ehe es in der zweiten Jahreshälfte noch vier Wettkämpfe gab. In Zeven verbesserten Böttger/Kosenkow ihre 100-m-Bestzeit auf 11,06 sec. Es war der Lohn für die Arbeit im Training in Warendorf oder in Diepholz, die Harmonie beim gemeinsamen Sprint wurde immer besser. „Unser Lauf ist mit der Zeit immer flüssiger geworden“, verrät der Guide. Kosenkow, der als Bundeswehr-Zeitsoldat nach wie vor einen Platz in der Sportfördergruppe hat, fungiert inzwischen auch als Trainer von Böttger und freut sich: „Marcel fühlt sich sicher, er kann Vollgas geben.“ Böttger habe sich auch von einer zwischenzeitlichen Corona-Infektion gut erholt und wieder die alte Form.

Für Kosenkow selbst ist eine konstante 100-m-Zeit von 11,0 Sekunden auch „eine Herausforderung“, wie er sagt: „Ich trainiere täglich, aber natürlich nicht mehr mit der Belastung wie früher.“ Kosenkow, in seiner Glanzzeit dreimal Deutscher Meister über die 100 Meter und einmal über die 200 Meter, hat nach wie vor großen Spaß am Sprint und am Training. „Ich bin gesund, ich bin fit, mir tut nichts weh“, sagt der 44-Jährige, der früher zu den besten Kurvenläufern in Europa zählte und mit der 4x100-m-Staffel des DLV viermal EM-Silber gewann. Seinen letzten Einzelwettkampf hatte er im Sommer 2019 in Rhede. Eine 10,56 über 100 m. „Ganz okay für einen 42-Jährigen“, schmunzelt er. Jetzt als Ü-40-Athlet bei nationalen oder internationalen Senioren-Meisterschaften zu starten, ist für Kosenkow kein Thema. Er habe so viele Erfolge errungen, dass er jetzt im Alter keiner Medaille mehr nachzujagen brauche, hielt er unlängst mal fest.

Tipps vom Routinier: Alexander Kosenkow mit Marcel Böttger. Foto: Binh TruongDBSTipps vom Routinier: Alexander Kosenkow mit Marcel Böttger. Foto: Binh Truong/DBS

Sich mit Böttger für die Paralympics zu qualifizieren – das sei ein schönes Ziel. Noch ist nicht ganz klar, wie viele Läufer in der „T/F 12“ in Tokio starten dürfen. Entscheidend ist die Weltrangliste. „Wir liegen gerade auf Platz zehn. Wir müssen noch ein bisschen schneller werden. Ich glaub', in den Top 8 wären wir auf der sicheren Seite“, sagt Kosenkow. Er erwartet, dass Mitte Juni „der Cut bei den Zeiten“ gemacht wird, und ergänzt: „Wäre schön, wenn wir bis dahin noch zwei, drei gute Wettkämpfe machen könnten. Wir gucken von Woche zu Woche, ob sich etwas ergibt.“ Die Para-EM 2021 ist auf jeden Fall terminiert, sie steigt vom 1. bis 6. Juni im polnischen Bydgoszocz. Und klar ist auch: Bis dahin wird's noch viele News aus Tokio geben.

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