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Mit einer schrumpligen Rosine zu mehr Bewusstsein

Kolumne – Die Erkenntnis liegt auf den Geschmacksnerven. Essen sollte mehr sein als nur den Magen zu füllen.

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Vor drei Wochen habe ich meinen ersten Bildungsurlaub angetreten und mich zum Thema Stressabbau auf die wunderschöne Ostfrieseninsel Langeoog begeben. Klingt großartig, nicht wahr? War es auch.

Yoga, Meditation, Muskelentspannung, Strandspaziergang und Rosinen. Ja, Rosinen. Was haben aber jetzt Rosinen mit Stressabbau zu tun? Das fragte ich mich auch, als die Dozentin an jeden Teilnehmer eine kleine runzelige Rosine verteilte. Übrigens kam mein kleines Campinggadget in Form eines kleinen zusammenklappbaren Bestecks zum Einsatz, um die Übertragung von Corona durch das Reichen der Rosinen per Hand zu vermeiden. Das hat mich tatsächlich sehr erfreut.


Aber zurück zum Thema: Wir wurden gebeten, die Rosine zunächst nur anzuschauen. Miniklein und wirklich ganz schön runzlig. Ist ja auch klar, der Weintraube wird ja das Wasser entzogen, damit sie überhaupt zu einer kleinen, süßen Rosine werden kann. Und auch wir würden wohl schnell schrumpeln, würde man uns das Wasser nehmen.

Stille im Raum. Alle blicken auf ihre Rosine in der Hand und die ersten bekunden, dass bereits das Wasser im Munde zusammenlaufen würden, wenn man nur an den bevorstehenden Verzehr denke. Aber genießen war noch nicht erlaubt. Wir sollten zunächst die Rosine in den Mund nehmen und ihre Struktur mit der Zunge erfühlen. Witzig, da war noch gar nichts Süßes zu merken. Falten jedoch schon. Und die wurden wie von Zauberhand immer weniger und die Rosine immer größer.

Auch logisch, wenn man mal drüber nachdenkt. Wenn man Flüssigkeit, in diesem Fall Speichel, hinzugibt, wird wieder etwas runder, was mal richtig rund war. Nach dem Fühlen durfte dann endlich gekaut werden. Ein Fest nach der langen Warterei. Süß und unglaublich fruchtig, meldeten meine Geschmacksnerven zurück. Ja, das ist die Rosine, die ich kenne und eigentlich nicht mag. Aber das schmeckte richtig gut. Allein die Erwartung des süßen Erlebnisses machte den Moment noch spannender und der Bildungsurlaub wurde spätestens in diesem Moment für mich ein Erfolg.


Was soll das nun bringen? Für mich liegt das auf der Hand – oder auf den Geschmacksnerven. Wie oft hetzen wir beim Essen? Schnell eine Kleinigkeit hier, schnell ein Häppchen zwischendurch. Noch eben essen, bevor man verabredet ist. Im Restaurant die heiß geliebte Pizza wegatmen, weil man doch so unglaublich großen Hunger hat. Aber sollte Essen nicht wichtig für uns sein? Sollten wir nicht dankbar für jedes Geschmackserlebnis sein? Ich finde schon.

Essen kann einen meditativen Charakter einnehmen und uns im Alltagsstress kurz innehalten lassen. Wenn wir gucken, riechen, tasten und schmecken, wird Essen zum Erlebnis und alles andere muss einen Moment warten. Und es gibt noch einen schönen Nebeneffekt: Wenn man sich Zeit beim Essen lässt, merkt man auch, wenn man satt ist. Ich werde auf jeden Fall versuchen, bewusster zu essen und mich dabei weniger stressen zu lassen. Das Rosinenerlebnis wird mich immer daran erinnern.


Zur Person:

  • Anne Hartmann ist Diplompädagogin, wohnt in Vechta und betreibt einen Foodblog.

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