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Heinrich Engelmann ist der Herr der Uhren

Antike Uhren, Orchestrien, historische, automatische Musikinstrumente: Heinrich Engelmann aus Vechta sammelt und repariert historische Chronographen. Er bietet auch Führungen an.

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Heinrich Engelmann inmitten seiner größten Schätze. Er sammelt und restauriert historische Uhren. Foto: Wehring

Heinrich Engelmann inmitten seiner größten Schätze. Er sammelt und restauriert historische Uhren. Foto: Wehring

Er war im Fernsehen, in mehreren Tageszeitungen und in seiner Heimatstadt Vechta kennt man ihn sowieso. Heinrich Engelmann hat eine riesige Schwarzwalduhrensammlung und dazu noch sehr viele andere Uhrenmodelle. Aber nicht nur das: Er hat mittlerweile mehrere Hundert historische Uhren, die vornehmlich aus Frankreich, England, Österreich und Deutschland stammen, viele von ihnen sind aus dem 18. Jahrhundert. Sind alle Uhren in Betrieb, kann man zur vollen Stunde in der umfassenden Ausstellung sein eigenes Wort nicht verstehen, die verschiedenen Klänge sind beeindruckend. Apropos Klang: Die Sammlung von Heinrich Engelmann umfasst auch noch einige top-restaurierte Orchestrien, Phonographen und historische Musikanlagen.

Eine Leidenschaft, die von Schwarzwalduhren bis zu Jukeboxen reicht

1980 habe seine Leidenschaft begonnen, erinnert sich der pensionierte Malermeister noch ganz genau, er sei mit seiner Familie im Schwarzwaldurlaub gewesen, man habe an einem regnerischen Tag das Uhrenmuseum Furtwangen besucht. „Da habe ich die alte Küchenuhr aus Emaille wiederentdeckt, die ich aus meiner Kindheit kannte.“ Die hatte es ihm angetan, die Leidenschaft war entfacht. Damals habe wohl alles angefangen, blickt Engelmann zurück, das mit dem Sammeln und dem Restaurieren. Schwarzwalduhren, Flötenspieluhren, selbst spielende Orgeln, Spieldosen, Orchestrien, Grammophone, Phonographen und Jukeboxen. Dazu noch eine Sammlung seltener Schelllackplatten der Comedian Harmonists oder von Marlene Dietrich. Mit viel Liebe zum Detail, aber auch viel hintergründiger Recherchearbeit und Engagement hat er alle Gegenstände repariert und restauriert, sodass sie sich jetzt im Top-Zustand befinden. „Das erforderliche Holz- und Mechanikwissen habe ich mir angeeignet“, sagt er stolz und betont seinen Werdegang mit einem Augenzwinkern: „Früher war ich Handwerker, jetzt bin ich Kunsthandwerker.“


Der Artikel erscheint in der kommenden Ausgabe der PROMENADE am 25. November 2022.


Mit Präzision arbeiten und Spaß dabei haben: Heinrich Engelmann ist zu Recht stolz auf das Geschaffene. Selbst die historische Kuckucksuhr, die er sich vor 40 Jahren als allererstes vornahm, läuft noch wie am ersten Tag.

Alles ist bestens in Schuss: Heinrich Engelmann zeigt das Innenleben eines historischen Orchestrions. Foto: WehringAlles ist bestens in Schuss: Heinrich Engelmann zeigt das Innenleben eines historischen Orchestrions. Foto: Wehring

Viele Exponate sind in einem desolaten Zustand, wenn sie jahrzehntelang auf Dachböden oder in dunklen, feuchten Kellern versteckt wurden. Die Farbe abgeblättert, das Holz modrig, die Mechanik nicht mehr gängig. Für Heinrich Engelmann setzt hier die Herausforderung ein. Wenn wichtige Teile in der Mechanik oder am Gehäuse fehlen, baut der Tüftler sie originalgetreu nach, sodass Uhrwerk und Klanggehäuse wieder funktionieren. Mit einem guten Akustik-Gefühl gibt Heinrich Engelmann den Spielgeräten so ihren ursprünglichen Klang zurück.

Sein Buch liegt im "National Watch- and Clock-Museum in Pennsylvania aus

In ganz Europa gilt er als Fachmann auf dem Gebiet der Schwarzwalduhren, hat vor 10 Jahren sogar ein dickes Buch über seine riesige Sammlung geschrieben. „Danach haben mich Anfragen aus der ganzen Welt erreicht“, so Engelmann. Sein Buch liegt sogar im „National Watch- and Clock-Museum“ in Pennsylvania aus. Das Thema Schwarzwalduhren scheint in den USA auf Interesse zu stoßen, regelmäßig darf er Besuch von dort begrüßen und durch seine Ausstellung führen.

Viele der Uhren haben nicht nur eine bewegte Vergangenheit, sondern auch eine Geschichte zu erzählen. Foto: WehringViele der Uhren haben nicht nur eine bewegte Vergangenheit, sondern auch eine Geschichte zu erzählen. Foto: Wehring

Vor einigen Jahren hatte Engelmann wohl die größte Schwarzwalduhrensammlung in ganz Europa. Rund 600 Exemplare konnte der Vechtaer dann vor einigen Jahren an die Firma Junghans verkaufen, die im Schwarzwald zum Aufbau eines eigenen Museums beitrugen (www.junghans-terrassenbau-museum.de). Nachdem Platz geschaffen wurde, konnte Heinrich Engelmann inhaltlich seinen Aktionsradius erweitern und sammelt seitdem Uhren aus ganz Europa. Ein ganz besonderes Schmuckstück in der Sammlung ist eine Uhr, die etwa aus dem Jahr 1780 stammt. „Sie stammt ursprünglich aus Paris, an ihrer Restaurierung habe ich lange gearbeitet“, sagt Engelmann und ergänzt: „Eine sehr aufwändige Arbeit, da Uhrwerk und Korpus in keinem guten Zustand waren.“ Indem Heinrich Engelmann gedankenverloren über den Marmorkörper der Uhr streicht, spürt man auch den Stolz über das beeindruckende Ergebnis, das jetzt auf dem Sims steht. Eines ist Engelmann aber besonders wichtig, er betont es immer wieder: „Was ich mache, mache ich für mich und meine Leidenschaft. Ich repariere keine Uhren fremder Menschen.“

Er liebt die außergewöhnlichen Uhren, für gewöhnliche Exemplare ist ihm die Zeit zu kostbar

Das Besondere, Nichtalltägliche an historischen Uhren habe ihn immer fasziniert, für gewöhnliche Exemplare sei ihm die Zeit zu kostbar, sagt der Rentner. Uhren haben schon immer den Zeitgeist widergespiegelt, waren modern und hatten ihre ganz eigene Aussagekraft. Wie könnte es anders sein, hat Heinrich Engelmann auch für dieses Statement mehrere Beweisuhren und zeigt eine sogenannte „Hetz-Uhr“, die nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges (1870 bis 1871) die Franzosen verspottete und einen französischen Soldaten zeigt, der zu jeder vollen Stunde – wenn sich das Uhrwerk in Gang setzt – Ratten verzehrt. In diese Kategorie passt auch die „Reichs-Kolonial-Uhr, die Heinrich Engelmann ebenfalls besitzt. Zu sehen sind die jeweiligen Uhrzeiten in den damaligen deutschen Kolonien. Der Slogan „Kein Sonnenuntergang in unserem Reich“ deutet den Traum von einem Kolonialreich an, das die ganze Welt umspannt. Im Endeffekt ist ein Besuch im Uhren-Museum von Heinrich Engelmann auch ein Ritt durch die deutsche Geschichte.

  • Info: Wer Heinrich Engelmann kontaktierten möchte, kann das hier tun.

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