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Kann der Arztassistent den Medizinermangel auf dem Land lindern?

Dr. Volker Eissing hat in Löningen sein  berufsbegleitendes Modellprojekt vorgestellt. Über dieses können sich Arzthelferinnen oder Krankenschwestern zu Arztassistentinnen ausbilden lassen.

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Warben für ihr Modell in Löningen  Dr. Volker Eissing (rechts) und Hermann Meemken. Foto: Willi Siemer <br>

Warben für ihr Modell in Löningen Dr. Volker Eissing (rechts) und Hermann Meemken. Foto: Willi Siemer

Was tun gegen den drohenden Ärztemangel? Das fragen sich auch Löningens Politiker. Sehr interessant fanden die Mitglieder des Ausschusses für Familie, Bildung, Kultur und Gesundheit des Löninger Rates daher die Erläuterungen von Dr. Volker Eissing. Er stellte das neue Ausbildungsprojekt zum Arztassistenten oder -assistentin (Physician Assistent, PA) vor.

Der Papenburger Hausarzt und Medizinunternehmer, der in seinem Versorgungszentrum MVZ in Papenburg mit 75 Mitarbeitern über 16.000 Fälle im Quartal hausärztlich, orthopädisch, neurologisch und gynäkologisch behandelt, erklärte das von ihm entwickelte und vorangetriebene Projekt gemeinsam mit dem ehrenamtlich engagierten Hermann Meemken. Die konkrete Idee, in oder für Löningen PAs zu schulen, gebe es nicht, hieß es. Bürgermeister Marcus Willen sieht das Projekt dennoch mittelfristig als einen realistischen Weg, den Status Quo zu erhalten oder die Situation sogar zu verbessern, ließ er wissen.  

Die Ausbildungskosten liegen bei 21.000 Euro

Die Ausbildung, genauer das Studium, zum oder zur PA ist berufsbegleitend. Voraussetzung ist die Berufserfahrung zum Beispiel als Arzthelferin oder Krankenschwester. 21.000 Euro kostet die Teilnahme. Es gehe wegen des anschließenden doppelten Gehalts und der riesig zu nennenden Nachfrage sowohl im ambulanten wie auch stationären Bereich in Krankenhäusern nicht um geschenktes Geld, sondern um sinnvolle Finanzierungsmöglichkeiten, so Eissing.

„Arztassistenten sind eine Chance für die Region“: Willen bewertete den Ansatz als gute Initiative. Es werde nicht gelingen, mehr Ärzte aufs Land zu holen. Daher sei eine zentrale Frage: Wie den Mediziner schonen, die Ressourcen effektiv nutzen, umgekehrt alle Patienten gut zu versorgen, egal ob mit einem Hausbesuch oder einer Diabetes-, Rheuma- oder Schmerz-Behandlung, für die der Arzt die Zeit gar nicht mehr haben könne. Die Entwicklung, dass immer weniger Mediziner immer mehr Patienten versorgen müssen, sei Trend, betonte Bürgermeister Willen.

Dr. Eissing hat den 7-semestrigen Bachelor-Studiengang für jeweils 30 Studenten pro Jahrgang mit seinen Partnern – unter anderem die Hochschule Anhalt – im neuen „Campus Papenburg“ im April in einer ehemaligen Industriebrache gestartet.  Das Projekt sei auch aus der Erkenntnis geboren, dass die Zahl der zur Verfügung stehenden Landärzte in den kommenden Jahren angesichts von 82 Prozent Frauen-Anteil und deren Wünschen nach einem Teilzeitjob, Familien-Planung, der häufigen Rede von Work-Life-Balance und dem Hang zur Stadtpraxis nicht wesentlich wachsen werde. Erschwerend komme hinzu, dass sich die Politik aus Kostengründen davor drücke, mehr Studienplätze zu schaffen.

Arztassistenten sind in einer anderen Lebensphase als junge Ärzte – das macht sie standorttreu

Skeptisch sei er, was die Idee angehe, Zuschüsse an eine  Niederlassungsverpflichtung zu knüpfen. Es sei einfach schwierig, bis zu 10 Jahre im vorauszuplanen. Das sei bei angehenden Arztassistenten meistens anders, betonte Dr. Eissing. Da schon ein Lebensmittelpunkt durch Arbeit, Familie und Haus vorhanden sei, von dem aus die Ausbildung gestartet werde, sei die Chance groß, dass sie der Region auch erhalten bleiben.

Inzwischen habe auch die Kassenärztliche Vereinigung des Landes angekündigt, die Arztassistenten rechtlich aufseiten der Ärzte bei den Abrechnungen zu buchen. Ein Hausarzt dürfe mit einem PA 500 Patienten mehr ohne Abzüge betreuen. 


Ein Kommentar zum Thema von Willi Siemer (Reporter):

Der richtige Weg

Wenn man all die häufig vergeblichen Bemühungen von Bürgermeistern, Apotheken und Paraxisinhabern verfolgt, die seit Jahren versuchen, Mediziner als Hausärzte aufs Land zu holen, dann kann man es mit der Angst zu tun bekommen und ist der Gedanke an weniger Markt und mehr Vorschriften zum Arbeitsort zumindest für eine Zeit sehr naheliegend.

Den Weg, den Dr. Eissing mit seinem Weiterbildungs-Projekt eingeschlagen hat, kann man angesichts der ungelösten Probleme nur befürworten. Ein Mann der Praxis entwickelt ein Modell, zu dem offensichtlich die Politik und erst recht nicht die Standesvertreter der Kassenärztlichen Vereinigung in der Lage sind.

Natürlich ist es nicht die Lösung für das Kernproblem. Aber immerhin kann es mittelfristig gelingen, die Zahl der qualifizierten Betreuer der Patienten auf dem Lande zu vervielfachen. Denn gerade die wichtigste Ressource des Arztes, die Zeit, kann nicht vergrößert werden. Wenn die zukünftigen Arzt-Assistenten den Hausbesuchsdienst übernehmen, Rheuma-, Diabetes- oder Schmerzpatienten von Spezialisten mit Sorgfalt und Zeit behandelt werden, ist für die Menschen eine Menge gewonnen.

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