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Deutsche Zwergelefanten

Kolumne: Hauptstadtnotizen – Viele wünschen sich eine bundesweit einheitliche Bildungspolitik. Unser Autor nicht. Er schätzt das Kleinteilige.

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Haben Sie schon einmal vom „Sizilianischen Zwergelefanten“ gehört? Der lebte nach dem Ende einer Eiszeit vor zirka 800.000 bis 100.000 Jahren abgeschnitten von seinen Verwandten in Afrika in – richtig geraten – Sizilien. Wegen der schlechten Nahrungslage auf der Mittelmeerinsel und weil die Art dort keine Fressfeinde hatte, kam es über Generationen hinweg zur Abnahme der Körpergröße, sodass, als die sizilianischen Zwergelefanten ausstarben, die Art nur noch eine Höhe von 90 Zentimeter hatten – Ponygröße. Das Phänomen nennt man „Inselverzwergung“. Sie gibt es bei Wirbeltieren, aber auch bei Pflanzen.

Vor zwei Wochen hat das „Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München“, kurz „Ifo-Institut“ genannt, bekannt gegeben, dass sich in einer repräsentativen Befragung von rund 10.000 Bundesbürgern fast 84 Prozent dafür ausgesprochen haben, in ganz Deutschland ein einheitliches Kernabitur zu schreiben. So sollen Schülerinnen und Schüler aus allen 16 Ländern die gleichen Voraussetzungen haben, wenn sie sich in Deutschland um einen Studienplatz bewerben.

„Dem Widerstand der Südoldenburger sei gedankt, dass die Kreise Vechta und Cloppenburg nicht zusammengelegt wurden.“ Hermann Pölking-Eiken

Im „Bildungsbarometer“ des Instituts plädieren 60 Prozent der rund 10.000 Befragten dafür, dass in Zukunft alle wichtigen bildungspolitischen Entscheidungen von der Bundesregierung beziehungsweise dem Bundestag getroffen werden sollen. Der Bund soll zum Beispiel in Schulformen, Lehrplänen und Abschlussprüfungen die Rahmenbedingungen so vereinheitlichen, dass Familien von einem Land der Bundesrepublik in ein anderes ziehen können, ohne dass die Abschlüsse der Kinder darunter leiden.

Manchmal ist es wirklich gut, dass in der Bundesrepublik Deutschland keine Volksbefragungen Bundesgesetze hervorbringen. Wenn der Bund für die Bildungspolitik verantworten würde, wäre unser Bildungsföderalismus dahin. Angelegenheiten der Schulen und Universitäten sind aber wie die Kultur, die Polizei, das Justizwesen und vieles anderes nach unserem Grundgesetz Ländersache.

Die Umstände der deutschen Geschichte haben uns eine sehr kluge Grundordnung beschert. Sie hängt in Form des Grundgesetzes wie ein kompliziertes Mobilée über unseren deutschen Strukturen. Es tariert die Macht im Staate zwischen Kommunen, Ländern und Gesamtstaat aus. Die Vorteile der komplizierten, aber sinnvollen Machtteilung von bevölkerungsreichen Ländern wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg mit kleinen wie dem Saarland und Sachsen-Anhalt, von Flächenstaaten wie Bayern und Niedersachsen mit Stadtstaaten wie Berlin, Hamburg und Bremen will immer wieder erklärt werden. Es ist viel leichter Zustimmung dafür zu finden, alles zu vereinheitlichen und mit der Bildungspolitik schon einmal anzufangen. Ich sage: Wehret den Anfängen!

Angst vor dem deutschen Elefanten

Ich arbeite und lebe in Stadtstaaten, an den Werktagen schaffe ich in Berlin, von der Einwohnerzahl her das achtkleinste „Land“ der Bundesrepublik. Am Wochenende wohne ich in Bremen, dem kleinsten. Ich war 20 Jahre alt, als am 1. März 1974 Langförden in Vechta, Lutten in Goldenstedt eingemeindet wurden und Vörden mit Neuenkirchen vereint wurde. Ich war dagegen! Selbst dass Oythe 1933 unter Zwang zu Vechta kam, bedauere ich noch heute. Dem Widerstand der Südoldenburger sei gedankt, dass die Kreise Vechta und Cloppenburg nicht zusammengelegt wurden.

Ich bin „Partikularist“. Ich liebe das kleine, übersichtliche. Weil ich auch die Vielfalt liebe. Luxemburg, Malta, Zypern – Fettäuglein auf der europäischen Suppe; San Marino, Monaco, Liechtenstein, Andorra würzen ihren Geschmack. In Italien gilt die Schulpflicht bis zum 14. Lebensjahr, in Belgien bis zum 18. Warum nicht?! In Kroatien erwerben 97 Prozent der Schüler die Hochschulreife, in Deutschland nur 77,5 Prozent, in Spanien gar nur 74. Egal. In Malta und Irland gilt Linksverkehr. Lassen wir den putzigen Ländchen ihren Spaß. In Belgien gilt für Bier kein Reinheitsgebot. Wohl bekomm’s!

Das Europa der Kleinen hat Angst vor dem deutschen Elefanten, vor allem wenn es mit dem französischen auf ihm herumtrampelt. Ich will nicht, dass Söder, Kretschmann und Laschet bei uns die Sache unter sich ausmachen. Ich will, dass Reiner Haseloff, Tobias Hans und Andreas Bovenschulte mit ihren Zwergelefanten-Rüsseln in der deutschen Suppe herumrühren. In Langförden, Lutten und Vörden sollte man mir zutrompeten.

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