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Wollen Sie ihr Corona-Jahr ausradieren?

Kolumne: Auf ein Wort – Im Leben einfach zurückzuspulen, wie früher beim Kassettenrecorder, ist nicht möglich. Krisen gehören zum Leben dazu – und das nicht erst seit heute.

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"Das letzte Jahr möchte ich am liebsten streichen!" Wie oft habe ich das gehört! Mal flapsig; mal ernst; mal in der zynisch-lustigen Variante: "Das Corona-Jahr gebe ich zurück. Das hatte einen Virus!"

Aus tiefer Not wird der Satz kommen bei denen, die einen Menschen verloren haben; oder aus dem Mund derer, die unter "Long Covid" leiden. Männer und Frauen, deren Geschäft und damit Einkommen unter den Fingern zerronnen ist. Mal abgesehen davon, dass auch sie nicht die Möglichkeit haben, ein Jahr im Kalender einfach auszuradieren; oder nicht, wie früher beim Kassettenrecorder, zurückzuspulen. Von all dem abgesehen: Möchten Sie, die Sie glücklicherweise nur durchschnittlich von Covid-19 betroffen waren, dieses Jahr wirklich streichen? Wie Ihre Antwort auch immer lautet: Es geht nicht. Niemand wird gefragt, ob er oder sie eine Krise will oder nicht.

Die Krise spült weg, was nicht wirklich trägt. Sätze, die nicht durchlebt oder durchdrungen sind. Weisheiten pseudo-religiöser Art. Die Krise legt die wahren Wurzeln frei. "Zu Grunde gehen heißt, auf seinen eigenen Grund kommen", hat der Würzburger Theologe und Psychologe Wunibald Müller einmal formuliert.

"Was sich in der Krise bewährt hat, das bleibt!" Dietmar Kattinger 

In der Verlängerung von Müllers Wort gilt umgekehrt auch: Was sich in der Krise bewährt hat, das bleibt! Das trägt!

Durch Krisen geschüttelt wurde Teresa von Avila. In gut 2 Wochen, am 15. Oktober, wird ihr Fest in der Kirche gefeiert. Im Jahr 1515 geboren, erlebt sie als spätere Ordensfrau als 24-Jährige einen 3-tägigen todesähnlichen Zustand.

Nicht genug: Krankheiten ziehen wie Adern durch ihr Leben. Im 16. Jahrhundert! Ich will mir nicht vorstellen, was das hieß! Trotz allem oder gerade deshalb wird sie zu einer der größten geistlichen Lehrerinnen; 1970 offiziell zur ersten Kirchenlehrerin ernannt.

Inneres Beten beispielsweise beschreibt sie als "Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt".

Auch ein Leitfaden – vielleicht der Leitfaden – für Krisen schlechthin stammt von ihr: "Nichts soll Dich verwirren, nichts soll Dich beirren, alles vergeht. Gott wird sich stets gleichen. Geduld kann erreichen, was nicht verweht. Wer Gott kann erwählen, nichts wird ihm fehlen: Gott nur genügt." Und falls Teresia einen Kalender hatte: Vermutlich hätte sie keinen Tag ihres Lebens herausgestrichen.


Zur Person:

  • Dietmar Kattinger ist Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landes-Caritasverbandes in Vechta.
  • Sie erreichen den Autor per E-Mail unter redaktion@om-medien.de.

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