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"Wer hat meine Beine geklaut?" Wie ein junger Mann einen Horrorunfall überlebt und jetzt andere schützen will

Die schicksalhaften Momente im Leben von Jan Stochmal aus Ellenstedt und was seitdem passiert ist: All das wird in einem neuen Kurzfilm erzählt – vom Hauptdarsteller selbst.

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Hat seine Beine verloren, aber nicht sein Lachen und seine Lust am Leben: Jan Stochmal aus Ellenstedt. Foto: Berg

Hat seine Beine verloren, aber nicht sein Lachen und seine Lust am Leben: Jan Stochmal aus Ellenstedt. Foto: Berg

Ein Streitgespräch ist zu hören, Alkoholkonsum ist zu sehen, ein Auto rast davon, quietschende Reifen: Übrig bleibt ein in drei Teile zerrissenes Fahrzeugwrack. Diese Szenen könnten aus einem Film stammen. Tun sie auch. Aber nicht aus einem fiktiven Spielfilm. Sie zeigen jene schicksalhaften Momente im Leben von Jan Stochmal aus Ellenstedt, an dessen Folgen er zwar seitdem bei jedem einzelnen Schritt erinnert wird, weil er beide Beine verloren hat. Zugleich ist er aber auch – wie durch ein Wunder – dem Tod von der Schippe gesprungen und will nunmehr andere vor einem ähnlichen Schicksal bewahren.

"Innerhalb von Sekunden“ heißt der 21-minütige Film, der jetzt im Kreishaus in Vechta Premiere hatte und dauerhaft auf dem Youtube-Kanal der Kreisverwaltung abrufbar ist. Das Werk wurde vom Schutzengelprojekt produziert. Dahinter stehen die Kreisverwaltungen in Cloppenburg und Vechta sowie die Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta. Ziel der Kampagne ist es, Jugendliche und junge Erwachsene für Verkehrssicherheit und Zivilcourage zu sensibilisieren und zu motivieren. Jährlich lassen sich in beiden Landkreisen zusammen etwa 12.000 Menschen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren als Schutzengel registrieren.

Mit Tempo 210 gegen einen Baum geknallt

Das Schutzengelprojekt wurde über Thomas Stransky, Verkehrssicherheitsberater der Polizei Vechta, auf das Schicksal von Jan Stochmal aufmerksam. Stransky hatte das Unfallopfer in einem Verkehrserziehungskurs kennengelernt. Melanie Härttrich, Schutzengel-Koordinatorin beim Landkreis Vechta, und Leon-Calvin Segelken, ehrenamtlicher Projektmitarbeiter, interviewten den Protagonisten etwa zweieinhalb Jahre nach dem schlimmen Unfall. Heraus kam ein Film, in dem sprichwörtlich kein Blatt vor den Mund genommen wird – weder von den Interviewern noch dem Interviewten. Etwa das erste Zitat von Jan Stochmal: "Es gibt Fehler, die machst du nur einmal im Leben."

Gemeint ist besagter Unfall, der sich am 24. Oktober 2019 in Aschenstedt ereignete, nördlich von Wildeshausen. Jan Stochmal, seinerzeit 20 Jahre alt, hatte Streit mit seiner damaligen Lebensgefährtin, war alkoholisiert, setzte sich trotzdem ans Steuer eines Autos, kommt bei Tempo 210 von der Fahrbahn ab und prallt gegen einen Baum. Wer das Unfallwrack sieht, stellt sich automatisch die Frage: Wie konnte er das überleben? "Ich hatte wohl mehrere Schutzengel", erzählt der mittlerweile 23-Jährige.

Eine Szene aus dem Kurzfilm Innerhalb von Sekunden: Jan Stochmal antwortet ganz offen auf alle Fragen. Foto: BergEine Szene aus dem Kurzfilm "Innerhalb von Sekunden": Jan Stochmal antwortet ganz offen auf alle Fragen. Foto: Berg

Aber: Beide Hüften waren gebrochen. Er lag zweimal im Koma, musste siebenmal operiert und einmal reanimiert werden, ist jetzt einmal oberschenkel- und einmal unterschenkelamputiert. Was er nicht ist? Des Lebens überdrüssig. Ganz im Gegenteil: Er hat Lust am Leben.

Und er ist sehr klar im Kopf. Jan Stochmal macht überhaupt keinen Hehl daraus, dass er allein die Schuld an diesem Unfall trägt. Und den Folgen, die ihn sein gesamtes weiteres Leben beschäftigen werden. Er erzählt völlig offen und unbefangen. Etwa darüber, dass ihm Ärzte und Eltern anfangs im Klinikum verschwiegen hätten, dass er keine Beine mehr hat – aus Angst vor einer Überreaktion. Als er wieder etwas bei Kräften war und zum ersten Mal aufstehen wollte, merkte er, dass etwas fehlte. Seine Reaktion: "Wer hat meine Beine geklaut?“

Landrat Tobias Gerdesmeyer (von links), Hauptdarsteller Jan Stochmal und Interviewerin Melanie Härttrich bei der Premiere des Films im Vechtaer Kreishaus. Foto: BergLandrat Tobias Gerdesmeyer (von links), Hauptdarsteller Jan Stochmal und Interviewerin Melanie Härttrich bei der Premiere des Films im Vechtaer Kreishaus. Foto: Berg

Mittlerweile ist Jan Stochmal kaum noch auf einen Rollstuhl angewiesen. Er trägt zwei Hightech-Prothesen, mit denen er auch lange Strecken zurücklegen kann. Der 23-Jährige fährt wieder Auto und arbeitet als Betreuer in einem Altenheim. Aber auch das ist klar: So unbeschwert wie früher ist sein Leben nicht mehr. Aktuell ist der Ellenstedter etwa auf starke Schmerzmittel angewiesen. Und vor diesem Schicksal möchte er „andere Jugendliche schützen“, indem er seine Geschichte erzählt.

Dieses Verhalten nötigt Landrat Tobias Gerdesmeyer Respekt ab. "Es gehört ganz viel Mut dazu, diese Geschichte preiszugeben", sagt er bei der Premiere. Wenn damit auch nur ein einziger weiterer schwerer Unfall verhindert werden kann, sei viel gewonnen, fügt er an. Und welche Lehren zieht der Hauptdarsteller aus seinem Fehler von einst? "Ich denke heute viel mehr nach, bevor ich etwas tue". Und was er tun würde, wenn er noch einmal die Chance hätte, an jenem Abend etwas anders zu machen, wird er am Ende des Films gefragt. "Ich würde mir den Autoschlüssel wegnehmen", sagt er.

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