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Warum es einen Strategie-Wechsel zum Übergang von der Pandemie in die Endemie braucht

Daten erfassen für Corona-Statistiken, die wenig belastbar sind: Das ist derzeit die Kernaufgabe der Gesundheitsämter. Dabei gebe es viel Wichtigeres zu tun, sagt die Vechtaer Leiterin Sandra Guhe.

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Symbolfoto: dpa

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Am Sonntag (3. April) beginnt eine neue, ungewohnte Corona-Phase: Die Maske darf fast überall fallen. Der Schutz vor Corona wird weitgehend zur Privatsache. Wie Vechtas Gesundheitsamtsleiterin Sandra Guhe die Lage einschätzt, darüber hat OM-Online mit ihr gesprochen.

Die Corona-Zahlen steigen und steigen. Die Regeln werden immer lascher. Passt das zusammen?
Aktuell gibt es rund 15-mal so viele Neuinfektionen wie auf dem Höhepunkt der zweiten Corona-Welle im Januar 2021. Trotz dieser rasant ansteigenden Infektionszahlen hat sich die Omikron-Welle durch die Variante BA.2 sowohl bei Geimpften als auch bei Ungeimpften bislang als harmloser herausgestellt, als die vorherigen Varianten. Die Hospitalisierungsrate ist um 25 Prozent geringer als 2021 und die Belegungszahl der Intensivstationen stagniert aktuell, der Anteil der invasiv Beatmeten ist ebenfalls gesunken. Auch das Sterberisiko bei symptomatischer Omikron-Infektion hat leicht abgenommen und liegt zurzeit bei 0,09 Prozent. Diese Fakten lassen daher Lockerungen in bestimmten Bereichen zu. Weitergehende Einschränkungen wären derzeit nicht mehr verhältnismäßig. 
Ich gehe davon aus, dass der starke Aufwärtstrend bei den Inzidenzen in den nächsten Wochen (...) sich noch weiter fortsetzen wird. Das liegt auch an den vorgenommenen Lockerungen. Sehr wahrscheinlich werden die Inzidenzen noch bis etwa Ostern steigen und dann tritt ein gewisser Sättigungseffekt ein, was zu einem Rückgang der Zahl der Neuinfektionen führt.

Nun soll die Maske wieder in der Schublade verschwinden. Werden Sie sie weiterhin tragen? Wenn ja: Wo?
Das Tragen einer FFP2-Maske ist der effektivste Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. In einer vom Max-Planck-Institut in Göttingen durchgeführten Studie konnte der sehr hohe Schutz gegen eine Infektion (...) nachgewiesen werden. Hier wurde festgestellt, dass das Ansteckungsrisiko schon nach wenigen Minuten – selbst bei einem Abstand von 3 Metern – bei über 90 Prozent liegt, wenn sowohl der Infizierte als auch der Nicht-Infizierte keine Maske getragen haben. Tragen hingegen Infizierter und Nicht-Infizierter jeweils eine eng anliegende FFP2-Maske, liegt das maximale Infektionsrisiko nach 20 Minuten ohne Abstand bei nur 0,14 Prozent. Die Maske muss allerdings richtig getragen werden, um den vollen Schutz zu entfalten. Schlecht sitzende Masken lassen die Ansteckungswahrscheinlichkeit aber auch nur auf rund 4 Prozent ansteigen.
Bereits seit fast 2 Jahren ist das Tragen einer Maske (...) fast zur Normalität geworden und man hat sich daran gewöhnt. In nächster Zeit wird der Schutz durch Masken als einfach zu handhabende Basisschutzmaßnahme auch weiterhin eine große Rolle spielen. Für die nächsten 4 Wochen empfehle ich dringend das weitere Tragen von FFP2-Masken in öffentlichen Innenräumen wie z. B. in Supermärkten und Einzelhandel. 

Unabhängig von der Maske: Welche Corona-Regel sollte Teil des Alltags bleiben, weil sie auch ohne Pandemie Sinn macht?
Die wichtigste Schutzmaßnahme (...) ist nach wie vor die Corona-Schutzimpfung. Als weitere wichtige Schutzmaßnahmen  (...)  sind die einfach umzusetzenden Basismaßnahmen auch zukünftig ratsam. Dazu gehören häufiges Händewaschen, regelmäßiges Stoßlüften, das Vermeiden von unnötigen engen Kontakten wie z. B. dem Händeschütteln. Wichtig ist weiterhin ein eigen-verantwortungsvoller Umgang beim Auftreten von typischen Corona-Symptomen. Hierbei kommt den Selbsttestungen auf das Coronavirus ebenfalls eine große Rolle zu. Bei geplanten Treffen mit mehreren, vor allem zur Risikogruppe zählenden Personen oder einem Besuch einer Großveranstaltung sollte ein vorher durchgeführter negativer Selbsttest zukünftig zur Selbstverständlichkeit werden.

Sandra Guhe. Foto: KühnSandra Guhe. Foto: Kühn

Anfang des Jahres jagte eine Impf-Empfehlung die nächste. Wie sieht es jetzt aus: Wem würden Sie zu einer 4. Impfung raten? Und was wäre, wenn sich jede und jeder ab 12 Jahre zur Sicherheit alle 3 Monate spritzen lässt? 
Menschen mit Vorerkrankungen haben ein besonders hohes Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf. Insgesamt reduziert sich nach einer Auffrischungsimpfung das Risiko, sich zu infizieren und schwer zu erkranken. Deshalb empfiehlt die STIKO diesen Personengruppen eine erneute Auffrischungsimpfung. Die 2. Booster-Impfung soll bei gesundheitlich gefährdeten Personengruppen frühestens 3 Monate nach der 1. Booster-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff erfolgen. Die Empfehlung gilt auch für Menschen ab 70 Jahren, Bewohnerinnen, Bewohner und Betreute in Einrichtungen der Pflege sowie Tätige in medizinischen Einrichtungen und Pflegeeinrichtungen. Bei Personal in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen frühestens nach 6 Monaten. Nur Kindern mit Immunschwäche ab 5 Jahren werden die erste und zweite Auffrischungsimpfung empfohlen. Alle anderen Personengruppen sind nach aktuellem Wissensstand mit einer durchgeführten Grundimmunisierung und einmaliger Boosterung sehr gut vor schweren Krankheitsverläufen geschützt. Weitere wiederholte Auffrischungsimpfungen nach 3 Monaten sind nicht notwendig.

Wer Kontakt zu einem Corona-Kranken hatte und dessen 2. Impfung (oder Genesung) mehr als 90 Tage her ist, muss in Quarantäne. Das würde demnächst auch wieder für die Kinder bis 11 Jahre gelten, die im Dezember und/oder Januar geimpft wurden. Sprich: als die Kampagne für Kinder in Niedersachsen begann. Müsste den Kindern nicht umgehend eine 3. Impfung angeboten werden? Die Empfehlung der EMA liegt immerhin vor.
Die STIKO empfiehlt allen grundimmunisierten Personen ab 12 Jahren eine Boosterung 3 bis 6 Monate nach der Grundimmunisierung. Dazu ist eine einmalige Impfung mit dem mRNA-Impfstoff „Corminaty“ vorgesehen. Für jüngere Kinder von 5 bis 11 Jahren gibt es eine eingeschränkte Empfehlung für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen, etwa starkes Übergewicht, eine Nierenerkrankung oder Lungenerkrankungen, oder anderen Risikofaktoren. Diese Empfehlungen werden derzeit vor dem Hintergrund der Omikron-Welle von der STIKO aktuell überarbeitet. Es ist auch davon auszugehen, dass die derzeit geltenden Quarantäneregelungen zeitnah geändert werden, welche dann auch auf die betroffenen Kinder in den Einrichtungen zutreffen.

Düstere Prognosen für Sommer und Herbst gibt es bereits: Welche Entwicklung erwarten Sie?
Die Prognose für die weitere Entwicklung ab Sommer/Herbst hängt vom Verhalten der Bevölkerung ab, insbesondere nach den aktuell anstehenden Lockerungen. Zudem sind die – noch immer zu niedrige – Impfquote und eine Einführung der allgemeinen Impfpflicht entscheidend. Die aktuell vorherrschende Omikronvariante BA.2 bietet aber auch eine Chance. Diese besteht darin, dass dieser Subtyp BA.2 eine endemische Situation herbeiführen kann, in der das Immunsystem der meisten Menschen schon einmal Kontakt entweder mit diesem Virustyp oder mit einem Impfstoff hatte und wir gelernt haben, damit zu leben, ähnlich wie mit der saisonalen Grippe. Um die Chance zu ergreifen, müssten auch das Impftempo wieder erhöht und die Impflücken verringert werden.

Glaubt man den Gerüchten, gibt es immer mehr Bürgerinnen und Bürger, die sich nach einem positiven Selbsttest zwar absondern und krankmelden, aber auf den PCR-Test und den Behördenkontakt verzichten. Ist das der Weg, den wir gehen könnten, um die Ämter nicht länger mit Datenmassen zu überlasten? Wozu braucht es den PCR-Test und die Online-Meldung überhaupt noch?
Der PCR-Test wird zurzeit nach wie vor zur Bestätigung einer Infektion mit dem Sars-CoV-2 benötigt. Ein Schnelltestergebnis reicht für den Nachweis nicht aus. Die Laborbescheinigung über ein positives PCR-Testergebnis dient zudem seit dem 1. April 2022 als Genesenenzertifikat. Mit Blick auf das aktuelle Stadium der Pandemie mit Inzidenzen, die sich auf Rekordniveau bewegen und gleichzeitig fehlenden Möglichkeiten, wirksame Schutzmaßnahmen umsetzen zu können, muss ein Strategiewechsel zum Übergang von der Pandemie hin zur Endemie gefordert werden. Derzeit werden die personellen und zeitlichen Ressourcen in den Gesundheitsämtern überwiegend für die reine Datenweiterverarbeitung der gemeldeten Neuinfektionen beansprucht. Diese Meldungen sind seit einiger Zeit nicht mehr belastbar und bilden unzureichend das wahre Infektionsgeschehen ab (hohe Dunkelziffer, verspätete Labormeldungen). (....) Eine Beeinflussung der Ausbreitungsdynamik durch Maßnahmen des Gesundheitsamtes ist in der aktuellen Omikronwelle kaum noch gegeben. Das Gesundheitsamt arbeitet nach 2 Jahren Höchstbelastung in Teilen nur noch für die Statistik. 
Das Infektionsgeschehen muss (...) weiterhin beobachtet werden, sodass im Falle eines rasanten Anstiegs erneute Schutzmaßnahmen veranlasst werden können. Hierzu sollte nicht die Inzidenz entscheidend sein, sondern die Hospitalisierungsrate und Intensivbettenbelegung stärker in den Fokus gestellt werden. Die Anzahl der Krankenhausbelegungen sollte gezielt aufgeschlüsselt werden nach dem Kriterium „mit“ oder „wegen Corona“ in stationärer Behandlung. 
Eine Möglichkeit (...) ist die Einführung eines Surveillance-Systems für Corona-Erkrankungen. Diese Methode hat sich in den letzten Jahren als Instrument für die Überwachung der Atemwegserkrankungen (ARE) bewährt. 
Die Ressourcen im Gesundheitsamt sollten nicht weiter für die reine Datenverarbeitung verschwendet werden (...). Im Vordergrund stehen sollte aktuell das Angebot von Impfungen zum Schutz gegen Corona, Masern und Kinderlähmung der Menschen aus der Ukraine, um eine mögliche Ausbreitung von Infektionskrankheiten, vor allem in Gemeinschaftsunterkünften, rechtzeitig verhindern zu können.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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