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Vechtaer lassen sich das Feiern nicht verbieten

Wegen Corona feiern viele Stoppelmarkt-Fans im privaten Rahmen - Zapfanlagen sind längst vergriffen. Dass die Behörden plötzlich mit Verboten und Kontrollen arbeiten, stößt vielerorts auf Kritik.

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Corona-konform: Der Hof Oldehus auf dem Stoppelmarkt ist vorbereitet. Die meisten Plätze sind aber schon reserviert. Fotos: M. Niehues

Corona-konform: Der Hof Oldehus auf dem Stoppelmarkt ist vorbereitet. Die meisten Plätze sind aber schon reserviert. Fotos: M. Niehues

Stress im Getränkehandel Pickers in Lutten. Pausenlos klingelt das Telefon. Normalerweise hätte Inhaber Stefan Surmann jetzt auf dem Stoppelmarkt zu tun. Wegen des Ausfalls des Festes fragen seine Kunden jetzt nach Zapfanlagen, Kühltruhen und Bierzeltgarnituren. "Ich hab' nichts mehr, alles ist raus", berichtet er. Die Stoppelmarktgänger würden jetzt im privaten Rahmen feiern. Alles verliehen. Allein am Mittwoch habe er zehn Firmen, die kurzfristig mit ihren Mitarbeitern feiern wollten, absagen müssen.

Ist das die Reaktion darauf, dass die Stadt Vechta, der Landkreis und die Polizei am Wochenanfang plötzlich ankündigten, gemeinsame Kontrollen durchführen zu wollen und sogar mit der Sperrung des Stoppelmarktgeländes drohten?

Das Publikum, das sonst vor dem Fest gerne die Biergärten der Höfe auf dem Stoppelmarktsgelände aufsucht, war in deutlich geringerer Anzahl gegenüber den Vorjahren vertreten. „Montag war wenig los“, berichtet Bernd Oldehus vom gleichnamigen Hof. Rund 120 Sitzplätze bietet er im Außenbereich an. Die Gäste haben für alle Tage bereits reserviert. Es gibt nur noch wenige Restplätze für spontane Besucher. Montag bleibt vorsichtshalber ganz geschlossen, damit es nicht zum Andrang kommt. Dafür spielt am Donnerstagabend das Kolpingorchester auf.

Wehry hätte sich mehr "Augenmaß" von der Stadt Vechta gewünscht

Für etwas Stoppelmarktsstimmung trotz Ausfall des Festumzuges wollte eigentlich auch Stadtratsmitglied Thomas Frilling (CDU) sorgen. "Wir hätten mit dem Marktausschuss am Alten und Neuen Markt am Donnerstag spontan etwas orgeln können", sagt er. Sein Vorschlag sei aber von Bürgermeister Kristian Kater (SPD) abgelehnt worden. "Die Orgel gehört der Stadt", bedauert er und kritisiert zugleich, dass es versäumt worden sei, auf dem Festgelände einen Biergarten einzurichten. "Der Stoppelmarkt ist groß genug", sagt er. Eine Schirmbar mit 500 Plätzen wäre problemlos realisierbar gewesen. "Bei der Wunderbar klappt es doch auch", so Frilling.

Karl-Heinz Wehry, Geschäftsführer des Vereins reisender Schausteller Vechta, sagt, er hätte sich seitens der Stadt "ein bisschen mehr Augenmaß gewünscht". Ziel dürfe es nicht sein, alles zu verhindern, sondern Möglichkeiten aufzuzeigen. Die kürzliche Versammlung mit mehreren tausend Motorradfahrern auf dem Stoppelmarkt sei ja auch möglich gewesen.

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Offen sagen mag es von den Schaustellern und Wirten wegen Abhängigkeiten gegenüber der Stadt niemand, aber der plötzlich angeordnete Abbau des Eingangstores zum Stoppelmarkt stößt bei nahezu allen sauer auf und sorgt für Irritationen. Ursprünglich hätten Schausteller und Wirte am eigentlichen Eröffnungstag unangekündigt zur Umzugszeit mit ihren Festwagen zum Stoppelmarktsgelände ziehen wollen, um das Vechtaer Publikum aufzuheitern und die Verbundenheit trotz Krise zum Ausdruck zu bringen. Reichlich Kamelle war längst gekauft. Aber jetzt traut sich das niemand mehr. "Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt", heißt es.

Nicht besonders gut gelaunt ist auch Peter Stratmann, der seine Strandbar im Zitadellenpark betreibt. Auf dem Stoppelmarkt hätten die Besucher seinen Ausschank gegenüber dem Kettenkarussell aufsuchen können. Am Freitag hätte er seinen Besuchern in der Zitadelle ein Bodenfeuerwerk bieten wollen, am Sonntag einen Gottesdienst unter freiem Himmel. Beides soll auf Wunsch der Stadt jetzt ausfallen. Kommentieren will Stratmann das nicht. Dafür bietet er über Stoppelmarkt Live-Musik. Die Espelage-Brüder spielen mit ihrer Band Sweet Dreams. "Ich mache das für meine Gäste", sagt Stratmann. Viele Firmen hätten wegen Stoppelmarkt jetzt Betriebsferien. Etwas feiern im geordneten Rahmen müsse möglich sein.

Darauf stellen sich auch die Wunderbar und Zur neuen Meyerei auf dem Waldhof-Gelände ein. Am Donnerstag ist der Biergarten noch um Sitzgelegenheiten erweitert worden. Am Samstagabend werden hier Buddy & Soul auftreten. Auch auf einen starken Montag sind die Familien Grieshop und Meyer bestens vorbereitet. Wer echtes Stoppelmarkt-Feeling sucht, wird in Langförden fündig. Der Fischimbiss Scheele und der Mandelwagen Thölking sind hier schon seit Ostern aufgebaut. Die Nachfrage ist groß. Gerade erst hat Georg Thölking zwei Paletten Lebkuchenherzen mit Stoppelmarkt-Schriftzug an Firmen ausgeliefert. Neuer Nachschub ist jetzt gerade noch rechtzeitig eingetroffen.

"Moin Vechta" will 3500 Lebkuchenherzen unters Volk bringen

Auch im Internet gibt es ein Alternativprogramm zum Stoppelmarkt. Die Stadt Vechta präsentiert ab diesen Donnerstag ihr Projekt "Gesichter des Marktes". Unter www.vechta.de wird bis einschließlich Dienstag jeden Tag zur Mittagszeit ein unterhaltsames wie informatives Video rund um das Volksfest gezeigt, festgemacht an Marktmeistern, Schaustellern, Wirten und anderen Beteiligten hinter den Kulissen. Auf den Stoppelmarkt-Poetry-Slam müssen die Vechtaer nicht verzichten. Nach der erfolgreichen Premiere 2019 gehen die "Bierzeltreden" online über die Bühne. Am Sonntag ab 18.30 Uhr werden sich bis zu vier Wortakrobaten auf die virtuelle Bühne in der Kirche am Campus wagen und ihre selbst geschriebenen Texte vortragen. Die Organisation des Wettstreits liegt in Händen von Peter Havers und Benedikt Feldhaus (Zoom-Link).

Wie sehr der Stoppelmarkt allen Beteiligten am Herzen liegt, wird auch an den Souvenirs deutlich. Aufkleber, Sticker und Blinkis sind bereits seit Wochen im Handel erhältlich. Ab diesem Donnerstag will der Stadtmarketingverein "Moin Vechta" insgesamt 3500 Lebkuchen-Herzen unters Volk bringen. Der Rand besteht aus rotem Zuckerguss, aber zum Essen ist das Gebäck viel zu schade. Es ist mit dem Slogan "Moin Stoppelmarkt" bedruckt. Mehr als 30 Firmen und Geschäfte sind an der Aktion beteiligt. Sie verschenken oder verkaufen die Herzen.


Kommentar zum Thema von Matthias Niehues (Reporter):

Möglichkeiten aufzeigen

Zuerst stellte die Stadt zusammen mit den Schaustellern und Wirten das Eingangstor des Stoppelmarktes auf, um trotz Corona gute Laune zu vermitteln, dann forderte sie jetzt plötzlich den Abbau, weil angeblich Menschenmassen davon angezogen werden könnten. Gleichzeitig wurden Polizeikontrollen während der eigentlichen Stoppelmarktszeit angekündigt.

Das sorgt verständlicherweise nicht nur bei den Schaustellern und Wirten für Frust und Ärger. Fragen muss man sich, warum Behörden so unsensibel agieren. Sind sie so kreativlos, dass sie, statt zu gestalten, nur mit Verboten und Kontrollandrohungen agieren können? Hoffentlich nicht. Denn ob zuletzt "Summer in the City" mit 500 Besuchern oder die Biergärten in der Stadt - es gibt genug gute Beispiele, die zeigen, dass man auf dem Stoppelmarkt während der eigentlichen Festtage trotz Corona tolle Angebote hätte schaffen können. Genügend Zeit das vorzubereiten, gab es durchaus. Statt jetzt mit Verboten zu agieren, hätte die Stadt besser Alternativ-Möglichkeiten aufzeigen können. Diese große Chance wurde leider vertan.

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