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Stoppelmarkt-Fans schaukeln in der Wanne

Das traditionelle Volksfest in Vechta fehlt. Als Ersatz dienen private Partys und Biergärten.

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Schaukelfahrt mit der Möwe I. Foto: Thomas Speckmann

Schaukelfahrt mit der Möwe I. Foto: Thomas Speckmann

Der Stoppelmarkt fällt aus, aber das Feiern lassen sich die Menschen nicht nehmen. Vielerorts haben die Volksfestfreunde am Wochenende die Fahne gehisst und auf die "fünfte Jahreszeit" angestoßen. Bedingt durch die Corona-Verordnungen zwar in verhaltenem Rahmen, dafür aber teilweise äußerst kreativ, wie eine Mini-Kirmes auf dem Hof von Frank Nuxoll in Bakum zeigt.

"Wer will nochmal, wer hat noch nicht. Jetzt bitte die Fahrkarten lösen“, lautet die Ansage vor dem selbst gebauten Fahrgeschäft. Charlotta (8) und Henriette (6) zögern keine Sekunde und steigen in die kleine Schiffschaukel. Schon geht die Post ab. "Krass", rufen die Geschwister. Auch ihre Mutter Britta Grunwald ist begeistert, nachdem sie Höhenluft geschnuppert hat: "Mega, sensationell."

"Das ist Stoppelmarkt", sagt Gastgeber Frank Nuxoll, bekannt als DJ Nucki, der das Fahrgeschäft mit seinen handwerklich geschickten Freunden Detlef Büssing, Gregor Osterloh und Georg Niemann entwickelt und gebaut hat. Ihnen fehlt der Trubel auf der Westerheide. Also machen sie sich am Samstag selbst an die Arbeit und setzen innerhalb weniger Stunden ihre verrückte Idee in die Tat um.

Kernstück ist eine alte Badewanne. Sie wird mit Drahtseilen an einen Teleskoplader gehängt. Hinzu kommt ein Seilzug mit Umlenkrolle, befestigt an einer Eiche, um die Schaukel nach oben zu ziehen und somit den nötigen Schwung zu erzeugen. Ein paar Kissen als Polster und ein Schlumpf als Deko, fertig ist die Konstruktion. Mit der passenden Musik, künstlichem Nebel und einer Lichtshow kommt die "Möwe 1" in den Abendstunden so richtig zur Geltung. Das wird auch mit der Kamera festgehalten. Gut möglich, dass der Videofilm im weltweiten Netz ebenso viral geht wie der Beitrag über die "Turbo-Trommel“, die die Freunde zum Vatertag gebaut haben. Das aus einem Betonmischer mit Balken und Stühlen konstruierte Karussell ist ein Meisterstück. "Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Wir haben im Internet schon mehr als 30 Millionen Klicks", berichtet Nuxoll. Er will mit solchen Aktionen nicht nur Freude verbreiten, sondern auch auf die Situation der krisengebeutelten Schausteller hinweisen. "Aber wir sollten nicht aufhören zu leben, sondern machen was möglich ist", meint der Bakumer.

Dieser Devise folgen viele Nachbarschaften und Cliquen im Kreis Vechta. Als Ersatz für den Stoppelmarkt dienen unzählige Privatpartys. Hinzu kommen gastronomische Angebote, vorzugsweise unter freiem Himmel, wie in Peters Beach Club am Zitadellenpark. Oder etwa im Biergarten am Waldhof, wo das Kolpingorchester Vechta am Sonntag zum Frühschoppen aufgespielt hat.

Hunderte Radfahrer haben am Wochenende die Westerheide angesteuert. Nicht nur wegen der Höfe Oldehus und Schmedes, die nach dem verhaltenen Auftakt inzwischen etwas besser besucht sind. Sondern auch um einen Blick auf das vertraute Marktgelände zu werfen. "Alles sehr bedrückend", seufzen die Schülerinnen Emma Preuß und Linn Verkamp, die sich riesig auf das Volksfest gefreut haben, zumal es in diesem Jahr in die Ferien gefallen wäre. Nun bleibt ihnen nur ein Picknick.

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Wo sonst Menschenmassen durch die Gassen drängen, herrscht nun freie Fahrt für Bollerwagen. "Man muss ja trotzdem irgendwas machen", sagt Simon Weth, der mit seinen Freunden schon am Morgen mit hochprozentigem Proviant aufgebrochen ist. Auch die Clique von Niklas Ellmann ist gut unterwegs. Sie hat allerhand Spiele vorbereitet, darunter Dosenwerfen. "Das machen wir jedes Jahr auf dem Stoppelmarkt."

Der Junggesellenclub "Ponsen", dessen Mitglieder längst in festen Händen sind, trifft sich wie jedes Jahr auf der Westerheide. Vor dem Amtsmannsbult ist reichlich Platz für ein Erinnerungsfoto. Anschließend führt der Weg zu Oldehus. Dort steht Harald Reins mit seiner Drehorgel. Der Rentner, der zuvor beim Rollstuhlfahrertreff des Landkreises Vechta auf dem Hof Gisela für Unterhaltung gesorgt hat, wäre wieder beim Festumzug mitgelaufen.

"Das war so ruhig, total ungewohnt, als ich heute Morgen aufgewacht bin."

Ralf Hartmann

Aber nun ist alles anders, der Trubel fällt aus und somit bleiben auch die Parkflächen rund um das Gelände leer. Die Familie Hartmann nimmt es mit Humor, auch wenn die Einnahmen flöten gehen. "Platz wegen Überfüllung leider geschlossen", steht auf ihrem Schild. Anstatt Autofahrer einzuweisen, hocken die Gastgeber und ihre langjährigen Helfer beim Grillen unter einem großen Pavillon. "Das war so ruhig, total ungewohnt, als ich heute Morgen aufgewacht bin", erzählt Ralf Hartmann. Er vermisst die typischen Marktgeräusche, das Grölen der Nachtschwärmer, das Rauschen der Kehrmaschinen.

Im nächsten Jahr, so hoffen alle Stoppelmarkt-Freunde, soll es auf der Westerheide wieder rundgehen. Dann müssen sich die Karussells nicht mehr in Bakum drehen. Obwohl Nucki & Co. schon wieder eine neue Idee haben. Details wollen sie nicht verraten. Davon könnten sich die Vechtaer beim Festumzug 2021 überzeugen. Auf einem Wagen wollen die Freunde ihre Mini-Kirmis präsentieren.

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