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Seit 10 Jahren heißt es an Förderschule Kardinal-von-Galen: „Wir leben Inklusion“

Schulleiter Venth berichtet von „wahrem Krimi“, seinerzeit für die 1. Klasse zwölf Kinder zu finden. Mittlerweile gibt es mehr Anfragen als freie Plätze.

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Wiedersehen nach 10 Jahren: die Pioniere der 1. Inklusionsklasse mit ihren Lehrern.  Foto: Röttgers

Wiedersehen nach 10 Jahren: die Pioniere der 1. Inklusionsklasse mit ihren Lehrern.  Foto: Röttgers

Das wäre wohl ganz im Sinne des großartigen Menschenfreundes Kardinal Clemens August Graf von Galen gewesen, der als berühmter Sohn der Stadt Dinklage Namenspatron der Förderschule ist. „Wir leben Inklusion!“, heißt es mittlerweile seit 10 erfolgreichen Jahren in der Bildungseinrichtung, die Guido Venth als Schulleiter führt. Ihren „runden Geburtstag“ feierte die Schule am Freitagnachmittag in der Turnhalle mit aktuellen und ehemaligen Schülern und Eltern, Lehrern, Mitarbeitern sowie Freunden und Gönnern.

„Mein Herz schlägt vor Freude!“, gestand Schulleiter Venth, der die „Stunde Null“ seines Pilotprojektes Revue passieren ließ. Auf einer Veranstaltung für Sonderpädagogik des Niedersächsischen Kultusministeriums war der Pädagoge im Oktober 2009 angesprochen worden, ein entsprechendes Pilotprojekt für Dinklage zu planen, blickte Venth auf die Entstehungsgeschichte seines inklusiven Unterrichtes zurück.

„Seit Beginn des Schuljahres 2012/13 ist unsere Förderschule Vorreiter in Sachen Inklusion. Als erste Förderschule in ganz Niedersachsen haben wir eine 1. Klasse eingerichtet, in der zwölf Grundschüler ohne Unterstützungsbedarf und sechs Schüler mit Unterstützungsbedarf gemeinsam lernen“, berichtete Venth von seinem persönlichen „Neuland“.

Zunächst habe es "drei Großbaustellen" gegeben

„In jedem Schuljahr starteten wir eine neue inklusive 1. Klasse, sodass seit dem Jahr 2015 in allen Jahrgängen des Primarbereichs eine inklusive Klasse besteht. Insgesamt 48 Schüler ohne Unterstützungsbedarf gehören seitdem zu unserer Schulgemeinschaft“, freute sich Venth, dass sich die intensive und harte Arbeit von 2 Jahren Vorbereitungszeit gelohnt hat. Denn zunächst habe es „drei Großbaustellen“ gegeben. Zum einen Ängste im Kollegium. Das Wissen um Inklusion sei gering gewesen. Zweite Baustelle sei das Niedersächsische Schulgesetz gewesen, das durch das entscheidende Wörtchen „insbesondere“ in puncto sonderpädagogischem Förderbedarf geändert werden musste. Hier habe hauptsächlich der damalige Vorsitzende des Schulausschusses des Niedersächsischen Landtages, Karl-Heinz Klare aus Diepholz, Unterstützung gegeben.

„Drittens mussten noch zwölf Familien gefunden werden, die ihre Kinder bei uns anmelden wollten“, berichtete Venth von einem „wahren Krimi“, den er auf dem alles entscheidenden Elternabend erlebte, als Mutter Bettina Brockhage verkündete, dass nach Beratung der interessierten Eltern „weißer Rauch aufgekommen“ sei. „Das war einer meiner schönsten Momente meiner bisherigen Schullaufbahn, dass zwölf Kinder zum Start der allerersten Inklusionsklasse angemeldet wurden“, freute sich Venth, der seit 27 Jahren Schulleiter ist. „Dank engagierter Eltern erleben heute alle Schüler mehr als gemeinsamen Unterricht. Sie verbringen ihre Freizeit miteinander und feiern zusammen Kindergeburtstage – das ist die wahre gelebte Inklusion für mich“, freute sich Venth. Er müsse heutzutage sogar Eltern absagen, da es mittlerweile mehr Anmeldungen als zu vergebende Plätze gibt.

Finanzieller Rückenwind“: Den überbrachte der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Dinklage Christoph Bornhorst (links) an den Schulleiter der Kardinal-von Galen-Schule, Guido Venth. Foto: Röttgers„Finanzieller Rückenwind“: Den überbrachte der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Dinklage Christoph Bornhorst (links) an den Schulleiter der Kardinal-von Galen-Schule, Guido Venth. Foto: Röttgers

Christoph Bornhorst erinnerte als Allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters in seinem Grußwort daran, dass „wir alle tagtäglich dafür sorgen müssen, dass Menschen, die eine Behinderung oder Einschränkung jeglicher Art haben, überall dabei sein können. Wir alle können dazu beitragen, dass Inklusion in unserer Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit wird“, appellierte der Bürgermeistervertreter und lobte, dass Inklusion auch „genau andersherum funktioniert“, wie das Kardinal-von-Galen-Haus es in hervorragender Weise zeige. Um Inklusion voranzubringen, brauche es aber eine „mentale Barrierefreiheit“ in den Köpfen aller Menschen. „Finanziellen Rückenwind“ der Stadt Dinklage überbrachte Bornhorst in Form einer Spende für den Förderverein der Schule.

Urte Kaletta sprach als „Mutter der 1. Stunde“ stellvertretend für ihren Sohn Ben, der sich von der 1. bis 4. Klasse „immer wohlgefühlt und kleine und große Abenteuer und viele positive Momente“ erlebt habe, dankte die Erziehungsberechtigte, für die Inklusion erfolgreich ist, „wenn alle mitmachen dürfen“ und Teil einer Gemeinschaft sein könnten. Mittlerweile besuche Ben die 11. Klasse des Gymnasiums Lohne und sei insbesondere in der Musical-AG sehr engagiert, so die stolze Mutter.

Als „Pioniere der ersten Stunde“ dankten die ehemaligen Schülerinnen der allerersten Inklusionsklasse Johanna Brockhaus und Luise Burhorst. Für Brockhaus, die übrigens selber später Förderschullehrerin werden möchte, seien es „prägende, aufregende und glückliche 4 Jahre“ gewesen. Den „freundlichen und vor allem wertschätzenden Umgang“ lobte Burhorst, die mittlerweile seit August wieder an ihre „alte Wirkungsstätte“ als Absolventin eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) zurückgekehrt ist, da sie Heilerziehungspflegerin werden möchte.

Info: Mehr zum Kardinal-von-Galen-Haus unter www.kv-galen-haus.de.

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