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Rektor Jan Runge: Es muss wieder Präsenzunterricht stattfinden

Die Unterrichtseinschränkungen wegen der Corona-Pandemie hatten gravierende Folgen für viele Schüler. Sie blieben mit ihren Überforderungen auf sich allein gestellt, sagt der Dammer Hauptschulleiter.

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Klarer Appell: Jan Runge möchte, dass nach den Ferien für alle Schülerinnen und Schüler wieder Unterricht in den Schulen stattfindet, selbst wenn er nur eingeschränkt möglich ist.  Foto: Lammert

Klarer Appell: Jan Runge möchte, dass nach den Ferien für alle Schülerinnen und Schüler wieder Unterricht in den Schulen stattfindet, selbst wenn er nur eingeschränkt möglich ist.  Foto: Lammert

Bereits Teile des Schuljahres 2019/20, vor allem aber das Schuljahr 2020/21 waren von der Corona-Pandemie und deren Folgen geprägt. Für die Kinder und Jugendlichen bedeuteten die politischen Vorgaben zur Pandemiebekämpfung erhebliche Einschränkungen. Sie mussten ins Homeschooling, manche sahen ihr Schulgebäude monatelang nur von außen. Wie die Hauptschule Damme sich dieser Krise gestellt hat und welche Lehren sie für das nächste Schuljahr ziehen kann, erklärt Hauptschulrektor Jan Runge im Gespräch mit dieser Redaktion.

Herr Runge, hinter den Schulen liegt ein Schuljahr, das von Corona geprägt war. Was war in den vergangenen 12 Monaten für die Kinder und Jugendlichen die gravierendste Auswirkung der Pandemie?
Die gravierendste Auswirkung war, dass viele Schülerinnen und Schüler keinen direkten Kontakt zu den Lehrern hatten und dass sie mit den Überforderungen allein gelassen waren. Das betrifft zum einen Überforderungen technischer Natur, weil zum Beispiel die digitale Ausstattung bei ihnen privat nicht ausreichend war. Andererseits betrifft es die Unterrichtsinhalte, die Schüler zu einem Teil vor große Herausforderungen gestellt haben.

Inwiefern war es den Lehrkräften möglich, Kinder und Jugendliche individuell zu Hause zu betreuen?
Individuell zu Hause erfolgte die Betreuung durch Telefonate und den E-Mail-Kontakt. Viel wichtiger war aber, dass die Klassen- und auch die Fachlehrkräfte den Schülerinnen und Schülern Einzeltermine in der Schule gegeben haben, um ihnen so den Lernstoff zu erklären.

Wie haben die Schülerinnen und Schüler diese Termine angenommen?
Sehr gut. Es war so, dass viele in die Schule kommen wollten, um dort zu lernen. Wir haben ihnen Räume zur Verfügung gestellt, damit sie in Ruhe arbeiten konnten. Einige haben bei sich zu Hause aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht die Möglichkeit dafür.

Der Blick zurück auf das Corona-Schuljahr 2020/21 kann helfen, gemachte Fehler nicht zu wiederholen. Was erwarten Sie von der Politik als Reaktion auf die Erfahrungen aus dem vergangenen Schuljahr?
Ich finde, dass die Landespolitik mit ihrem differenzierten Corona-Hygieneplan für die Schulen weitsichtig gehandelt hat. Gleichzeitig bin ich aber auch der Meinung, dass die in diesem Plan aufgestellten Regeln insgesamt etwas zu kompliziert sind. Die einzelnen Maßnahmen lassen sich nur sehr schwierig ins Verhältnis mit den Inzidenzzahlen bringen.

Das heißt?
Wenn die Inzidenzzahlen gewisse Werte übersteigen, bedarf es Zeit, sich genau zu erarbeiten, welche Regeln und Verhaltensweisen beim jeweiligen Inzidenzwert gelten.

Wie wichtig ist es, dass die Schulen im neuen Schuljahr wieder für alle einen uneingeschränkten Präsenzunterricht anbieten?
Uneingeschränkt muss der Präsenzunterricht nicht sein. Aber es ist wichtig, dass für alle Schüler wieder ein Präsenzunterricht unter den gegebenen Coronamaßnahmen stattfinden kann. Wir haben die Testpflicht, wir haben Abstandsregeln, die Maskenpflicht. Das halten die Schulen ein. Es wurde ja regelmäßig betont, dass die Schulen keine Pandemietreiber sind.

In welchen Grenzen wäre ein eingeschränkter Präsenzunterricht vertretbar?
Ich bin kein Arzt und Gesundheitspolitiker. Mir obliegt es nicht, die Grenzen festzulegen.

Präziser: Welche Einschränkungen sind aus pädagogischer Sicht gerade noch vertretbar beim eingeschränkten Präsenzunterricht?
Die Maskenpflicht im Unterricht ist vertretbar, auch wenn sie eine starke Einschränkung beim Unterrichten bedeutet, weil die Lehrkräfte die Mimik und Gestik der Kinder und Jugendlichen nicht sehen können und das gesprochene Wort immer undeutlicher ist als ohne Maske. Das gilt andersrum für die Kinder und Jugendlichen in Bezug auf die Lehrkräfte auch.

Gesundheitspolitiker sehen darin, auch Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren zu impfen, den Königsweg, um im nächsten Schuljahr einen Präsenzunterricht gewährleisten zu können. Wie stehen Sie zu dem Thema?
Schwierig, das muss jeder für sich selber abschätzen. Auch als betroffener Vater sehe ich das übrigens als schwierig an.

Manche Psychologen und zum Beispiel auch der Dammer Kinderarzt Dr. Elmar Blömer hatten schon relativ früh in der Corona-Pandemie gefordert, die Schulen und Kindertagesstätten wieder zu öffnen, weil das Homeschooling beziehungsweise die Betreuung des Nachwuchses zu Hause und die damit verbundene Isolation erhebliche negative Folgen für die Kinder habe. Können Sie diese Befürchtung heute bestätigen?
Mir ist nicht ganz klar, welche Befürchtung Herr. Dr. Elmar Blömer beim Homeschooling hatte. Ich sehe aber auch, dass die Kinder in Schulen und Kindergärten ihre sozialen Kontakte pflegen müssen. Eine soziale Isolation ist für Kinder Gift. Aus diesem Grund unterstütze ich die Forderung, Kindergärten und Schulen offen zu halten.

Wie wollen Sie die Schülerinnen und Schüler zurückgewinnen, die Sie beziehungsweise Ihre Kolleginnen und Kollegen in Folge der vielen Einschränkungen ob der Pandemie verloren haben?
Ich glaube, dass wir keine Schülerinnen und Schüler verloren haben. So schlimm ist es doch noch nicht. Die wichtigste Aufgabe, die die Schule jetzt zu leisten hat, ist die, den Kindern und Jugendlichen Zeit zu geben, um miteinander Zeit zu verbringen und sich wieder an den Rhythmus zu gewöhnen. Die Gestaltung des Unterrichtes muss frei von Leistungsdruck und curricularen Vorgaben sein. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen die Unterrichtsinhalte auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler abstimmen. Dieses Ziel verfolgt aber auch das Kultusministerium.  

Das ist fraglos wichtig. Aber ebenso wichtig ist es auch, den Lernstoff aufzuarbeiten, zumindest mit den Kindern und Jugendlichen, die sich schwer getan haben im Homeschooling. Wo kann, wo muss Schule da ansetzen?
Die grundsätzliche Frage ist, welcher Lernstoff so wichtig ist, um diesen unbedingt nachzuholen. Ich bin der festen Überzeugung, dass in der aktuellen Phase lebensnahere Bereiche für die Schülerinnen und Schüler wichtig sind, als den verpassten Lernstoff in allen Fächern nachzuholen. Wir müssen uns auch immer bewusst machen, dass die Inhalte mancher Fächer nicht zum Lebenserfolg aller Schülerinnen und Schüler dienen. Somit muss man genau differenzieren, welche verpassten Lernstoffe überhaupt nachzuholen sind.


Fakten

  • Jan Runge ist 41 Jahre alt und gebürtiger Berliner.
  • Der verheiratete Vater einer Tochter und eines Sohnes studierte Germanistik und Technik für das Lehramt an Hauptschulen.
  • Runge ist seit dem Jahr 2010 an der Dammer Hauptschule tätig und übernahm Aufgaben im Bereich der Schulleitung. Allerdings gab es damals keinen Konrektor, weil die Schule damals weniger als 180 Schülerinnen und Schüler hatte.
  • Seit 2013 ist er Rektor der Schule.
  • Die Hauptschule zählt derzeit rund 200 Schülerinnen und Schüler. Das Lehrerkollegium besteht derzeit aus 27 Lehrkräften.

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