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Putin, nicht Puschkin

Kolumne: Auf ein Wort – Putins Krieg ist ein Verbrechen. Puschkin, Tolstoi oder Achmatowa sind keine Feinde. Nicht laute Feindbilder sollten das letzte Wort haben, sondern die Gewalt der Stille.

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Überall werden jetzt Kerzen entzündet. Es werden Gebete gesprochen und stille Mahnwachen gehalten. Kann das Schweigen irgendetwas verändern? Sogar in der Zeitung mit den 4 großen Buchstaben, die immer im Bilde ist, gab es die Schlagzeile „Da hilft nur noch Beten“. Unser Beten ist auch kein magischer Abwehrzauber, der die Raketen fernhält. Doch was kann die Spiritualität denn überhaupt ausrichten? Wir können uns ausrichten. Wir können uns innerlich neu ausrichten und aufrichten lassen.

Die Bibel fragt an einer Stelle: „Woher kommen die Kriege bei euch?“ Darüber hören und lesen wir jetzt viele wichtige kluge Analysen. Der Jakobus-Brief geht noch eine Schicht tiefer und fragt: „Woher kommen die Kriege bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern.“ Es ist das Getöse in uns Menschen, das sich da nach außen wendet und umschlägt in laute Gewalt. Es muss nicht immer die Gewalt der Waffen sein. Auch mit Worten können Menschen Gewalt ausüben. Die Kriegsrhetorik orthodoxer Kirchenmänner ist dafür ein beschämendes Beispiel.

Derzeit ist die Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung, aber auch mit flüchtenden Menschen, die von dort zu uns kommen, erfreulich groß. Aber auch die Anfeindungen und Feindbilder nehmen zu. Die richten sich immer wieder auch gegen Menschen, die bei uns leben und einen russischen Hintergrund haben – oder ganz allgemein gegen die russische Kultur. Deniz Yücel, der Präsident des Pen-Zentrums, hat darum auf eine wichtige Unterscheidung aufmerksam gemacht: „Der Feind heißt Putin, nicht Puschkin, Tolstoi oder Achmatowa.“

"Mit stillen Mahnwachen können wir nicht die Welt verwandeln. Aber wir können uns wandeln lassen und einen inneren Wandel in die Welt tragen."Dr. Marc Röbel

Mit stillen Mahnwachen können wir nicht die Welt verwandeln. Aber wir können uns wandeln lassen und einen inneren Wandel in die Welt tragen. Wir sollten immer wieder gemeinsam Stille halten. Wir können dabei an die Zivilbevölkerung in der Ukraine denken und an die Menschen, die auf der Flucht sind. Wir können an Präsidenten, Politiker und an alle denken, die jetzt Verantwortung tragen. Aber wir können auch an innere Konflikte denken. Manchmal herrscht auch in Familien, in Firmen und Vereinen Krieg.

Nicht laute Feindbilder sollten das letzte Wort haben, sondern die Gewalt der Stille. So nannte der deutsch-baltische Dichter Werner Bergengruen eines seiner Gedichte. Die letzte Strophe lautet: „Gewalt und Gier und Wille/der Lärmenden zerschellt./O komm, Gewalt der Stille,/und wandle du die Welt.“

Bei einer stillen Mahnwache machte neulich ein kleines Gebet viele Menschen hellhörig: „Herr. Du kennst unser Elend. Wir reden miteinander und verstehen uns nicht. Wir schließen Verträge und vertragen uns nicht. Wir sprechen von Frieden und rüsten zum Krieg. Zeig uns einen Ausweg. Sende deinen Geist, damit er den Kreis des Bösen durchbricht und das Angesicht der Erde erneuert.“


Zur Person:

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Akademiedirektor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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