Anastasia ist staatlich anerkannte Erzieherin. Sie hat eine Ausbildung zur Tanzleherin absolviert, bevor sie sich dazu entschloss, in die Kinderbetreuung zu wechseln. Ihre Leidenschaft zur Bewegung bringt sie so oft wie möglich in ihren neuen Beruf ein. Sie geht mit den Kindern auf den Spielplatz, singt gerne und hat auch ein Händchen für kreative Dinge. Mit ihrer direkten Art ist sie manchmal bei Kollegen und Eltern gefürchtet. Doch aufgepasst: Im realen Leben existiert Anastasia nicht. Sie ist nur eine fiktive Person in einem Kartenset, das drei Lehrkräfte der Berufsbildenden Schulen Marienhain in Vechta für den Unterricht entwickelt haben. Der Titel des Werkes: "Die Pfützenhüpfer".
Die Idee ist im Wohnzimmer entstanden
"Die Idee für das Kartenset ist vor einem Jahr bei mir im Wohnzimmer entstanden", erinnert sich Simon Kalkhoff an ein wegweisendes Treffen. Mit seinen Kolleginnen Yvonne Grüner und Anja Böckmann hat sich der Sonderpädagoge aus Vechta damals Gedanken gemacht, wie die angehenden Erzieherinnen und Erzieher in der Fachschule Sozialpädagogik noch besser auf ihre spätere Arbeit mit den Kindern vorbereitet werden können. Denn die Lehrkräfte wissen um die Schwierigkeit, den vielschichtigen Alltag einer Kindertagesstätte ins Klassenzimmer zu transportieren.
"Im Unterricht fehlt uns greifbares Praxismaterial, das den Schülern einen ganzheitlicheren Blick auf die Situation von Kindern geben könnte", berichtet Grüner. Die Schüler würden durch verschiedene Praktika in der Kinderbetreuung zwar schon Erfahrungen sammeln, einen konkreten gemeinsamen Bezugsrahmen hätten sie aber nicht. "Wir behalfen uns daher mit selbst erstellten Praxisbeispielen oder verwendeten jene, die wir in der Literatur fanden."
Doch das vorhandene Material greife immer nur Teile von Situationen und Persönlichkeiten auf. Es lasse nur wenig Spielraum zu, ergänzt Böckmann. Vor allem fehle der ganzheitliche Blick auf das Kind und dessen Bedürfnisse. Zudem würden die angehenden Erzieher aufgrund der Unmengen an Beispielen verschiedenster Kinder mitunter die Orientierung verlieren. Um diese Situation zu verbessern, haben sich die drei Berufsschullehrer schließlich dazu entschlossen, selbst ein Buch mit Praxisbeispielen zu entwickeln.
Fiktive Gruppe besteht aus 21 Kindern und 5 Erziehern
Es entstand die Idee einer fiktiven Gruppe, bestehend aus 21 Kindern und 5 Erziehern mit ganz verschiedenen biografischen Hintergründen. Bei den Kindern spielt vor allem das Sprach-, Spiel- und Sozialverhalten eine wichtige Rolle. Unterdessen warten die Erzieher mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen und Erfahrungen auf. Also wie im wirklichen Leben. Jede Person findet sich auf großformatigen Karten wieder, ergänzt durch Nutzungshinweise und bereits ausformulierte Lernsituationen für verschiedene Altersstufen.
„Mit Hilfe dieses Materials sind wir dem realen Berufsalltag von Sozialassistenten und Erziehern näher, als es uns bisher mit jeglicher Handlungssituation gelang“, erklärt das Autorenteam. Alle Schüler und Lehrkräfte hätten bei der Nutzung der Karten den gleichen Wissensstand und könnten ganzheitlich, systemisch und kompetenzorientiert vorgehen. Die Lehrer könnten anhand der fiktiven Personen verschiedene Aufgabenstellungen erarbeiten, die passgenau zu den eigenen Unterrichtsinhalten seien. Für nahezu jedes Thema lasse sich eine Praxisverknüpfung konstruieren.
Kurzes Beispiel: Will eine Lehrkraft das Thema "Sprachförderung“ vertiefen, kommt die Karte des syrischen Mädchens Serma in Betracht. Alle Schüler lesen die Biografie und sammeln Informationen über die Sprachkompetenz. In Kleingruppen wird dann entschieden, welche Angebote für Serma infrage kommen könnten. Gleichzeitig lässt sich an den Karten der Erzieher herausfinden, ob die tanzbegeisterte Anastasia oder vielleicht doch eine Kollegin mit anderen Kompetenzen für die Förderung des Kindes am besten geeignet ist.
Nach Angaben der Ideengeber sind alle Materialien des Kartensets frei miteinander kombinierbar, unabhängig von einem eingeführten Lehrwerk verwendbar und ohne weitere Vorbereitung einsetzbar, ob für Gruppenarbeit, Unterrichtsgespräch oder auch die Erstellung von Leistungsnachweisen. Der Baukasten könne auch für alle anderen Bildungsgänge in der sozialpädagogischen Ausbildung eine Bereicherung sein und wichtige Erkenntnisse über die eigene Arbeitsweise liefern.
"Der Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis gelingt schneller."
Das Autorenteam
Die drei Kollegen haben die „Pfützenhüpfer“ bereits in ihrer Schule getestet und sind mit der Resonanz sehr zufrieden: „Wir beobachten, wie viel lebendiger, praxisnaher und komplexer der Unterricht geworden ist. Der Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis gelingt schneller. Die Schüler konzipieren in Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit offene und gezielte Angebote, die von den Bedürfnissen und dem biografischen Hintergrund des einzelnen Kindes ausgehen, und schulen ihr Empathie- und Beobachtungsvermögen.“
Das Trio der Berufsbildenden Schulen Marienhain hat mit dem Verlag "Handwerk und Technik" in Hamburg ein renommiertes Haus gefunden, das im Berufsschulwesen sehr bekannt ist. Die ersten Verkaufszahlen sind sehr vielversprechend. Die Bildungsmesse "didacta" hätte der Neuerscheinung einen zusätzlichen Schub verliehen, doch wegen der Corona-Krise fiel die Präsentation in Stuttgart aus. "Die Flüge und Hotels mussten leider storniert werden", bedauert das Autorenteam.
- Info: Das Kartenset "Die Pfützenhüpfer" ist im Buchhandel erhältlich (ISBN: 978-3-582-04772-4). Eine kleine Einführung gibt es im Internet unter www.handwerk-technik.de.