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Nicht an den Haaren herbeigezogen

Kolumne: Batke dichtet - Der Auto macht einen Streifzug durch seine haarige Vita. Dabei erklärt er, was eigentlich ein Putz ist und wie sich lange Haare bei der Bundeswehr einen kalten Krieg befeuert.

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Kurz vor der Operation schnell noch ein Selfie. Ist ja alles irgendwie historisch in diesen Tagen, man muss es festhalten für die Nachwelt. Ich sitze beim Friseur meines Vertrauens im OP-Sessel, schaue in den Spiegel und drücke ab. Es spiegelt sich ein in die Jahre gekommener Herr mit grauem Schopf wider, die Haare ähnlich wirr wie die von Boris Johnson, dafür sitzt das Hygiene-Lätzchen akkurat, wir parlieren von Mundschutz zu Mundschutz und nach einer guten Viertelstunde ist der Putz wie neu.

„Putz“, das sei Vertretern der jüngeren Generation erklärt, steht für Frisur, „Frise“ wird sie heute wohl auch genannt. Damals, in den Siebzigern, hieß es Putz, und da meiner eine Zeitlang besonders ausgeprägt war, nannte mein Kunstlehrer mich „Putzi“.

Okay, den Namen hatte er exklusiv, aber er durfte das. Schließlich war er ein netter Kerl, wir funkten auf einer Wellenlänge. Ich hatte zwar keinen blassen Schimmer von Kunst, aber immer meine elf Punkte, und mehr wollte ich nicht. Er mit der Platte, ich mit der Matte – während die anderen malten, plauderten wir. Die am Ende des Schuljahres verlangte Arbeit ließ ich anfertigen – meine Schwester ist ganz gut im Malen.

„Eines seiner Markenzeichen war die Schwerhörigkeit, weshalb er auch so häufig herumbrüllte.“Alfons Batke, Journalist

Doch zurück zum Streifzug durch meine haarige Vita: Meine mächtige Matte – manchmal wurde es eng, um durch die Kneipentür zu kommen – resultierte daraus, dass die Haare eher in die Breite wuchsen als nach unten. Aber immerhin artikulierten sie einen Protest – die Wolle ließ ich auch deshalb so üppig sprießen, weil es mir zuvor lange Zeit verboten worden war. Man entwickelt dann eine zumindest milde Form der Radikalität – und wenn es nur auf dem Kopf ist.

Haare blieben lange ein Thema, während der Bundeswehrzeit wurden mir zwei an sich freie Wochenende verhagelt, weil unser hinterhältiger Spieß beim freitäglichen Haarappell der Meinung war, dass man "mit einem Langhaarigen wie Sie, Gefreiter Batke" die Truppen des Warschauer Paktes nicht abschrecken könne. "Mit einem Spießer wie Sie aber auch nicht", murmelte ich vor mich hin, er hat es wohl nicht richtig verstanden, denn eines seiner Markenzeichen war die Schwerhörigkeit, weshalb er auch so häufig herumbrüllte. Freunde sind wir nie geworden, unser Verhältnis war wie die damalige Großwetterlage: Kalter Krieg.

Von meiner Mähne verabschieden mochte ich mich auch nicht, als es um den Berufseinstieg ging. Ich kann mich gut an das entscheidende Vorstellungsgespräch erinnern, in dem sich der Verlagsleiter sehr interessiert an meiner Verpflichtung zeigte, mir aber auch mit auf den Weg gab: "Und das mit den Haaren kriegen wir auch noch hin."

Er sollte recht behalten, auch wenn es noch etliche Irrungen und Wirrungen im Laufe meiner Haare gab. Ja, ich habe sie auch eine Zeit lang tönen lassen, schließlich wollte man als spätzeugender Vater ja nicht den Kinderwagen mit den Mädchen als grauer Wolf durch die Gegend schieben. Die Natur hat sich längst wieder durchgesetzt.

"90 Prozent der Leute hier sind sowieso straßenköterblond", erzählte mir einst eine Friseurmeisterin im Osnabrücker Salon Schönemann, und sie wird wissen, dass das nicht an den Haaren herbeigezogen ist. Und so trage ich auch in Coronazeiten den Schopf in grauer Gelassenheit, den Kopf um ein Pfund Bewuchs erleichtert, doch es bleibt dabei: Die Gedanken sind frei.


Zur Person:

  • Alfons Batke (64) ist Journalist und lebt in 
Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail unter:
info@om-online.de

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