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Martin Pille schreibt eine Liebeserklärung an seine Heimat Bösel

Sehr persönliche Ansichten – immer dieselben 10 Fragen: Dieses Mal: der viel beschäftigte Ruheständler Martin Pille. Der 75-jährige Autor engagiert sich neben dem Schreiben in zahlreichen Ehrenämtern.

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Einfach mal nichts tun? Die "Kunst des Müßiggangs im wohlverdienten Ruhestand" beherrscht Martin Pille nicht richtig. Foto: privat

Einfach mal nichts tun? Die "Kunst des Müßiggangs im wohlverdienten Ruhestand" beherrscht Martin Pille nicht richtig. Foto: privat

Und? Wie ging es in letzter Zeit?
Ich kann nicht klagen. Als Mehrfachgeimpfter bin ich gerade erträglich durch eine Corona-Infektion mit nur wenigen Symptomen gekommen, ohne Langzeitfolgen. Ich war und bin ausreichend und interessant beschäftigt – was will man mehr als Rentner?

Was haben Sie sich einmal so richtig gegönnt?
Nichts Außergewöhnliches! Gewohnheiten und Routinen haben zwar kein gutes Image, sie erleichtern einem aber ungemein das Leben und schaffen Freiräume mit weniger Stress. Das hat sich ja gerade in dem Corona-Wahnsinn bewährt, als viele sogenannte Pflichttermine weggefallen sind. Das hat mir die Zeit gegeben, endlich die Bücher zu lesen, die seit langer Zeit darauf warteten, an die Reihe zu kommen.

Wenn Sie König von Deutschland wären: Was gehört als Erstes abgeschafft?
Es gehörte sicherlich vieles abgeschafft oder verändert. Aber was mir spontan einfällt, das ist die notorische Unterbezahlung des Pflegepersonals. In der Krankenpflege werden sie – besonders als Helferinnen oder Helfer – schon sehr schlecht bezahlt, aber in der Altenpflege sind die Gehälter noch einmal 30 Prozent niedriger. Und die steigen innerhalb des Berufslebens oft kaum an. Ein weiterer Faktor ist die Privatisierung und Ökonomisierung von Krankenhäusern. Man erfährt zunehmend, dass Ärzte, Krankenschwestern oder andere Mitarbeiter im Krankenhaus unter Druck gesetzt werden, um möglichst hohe Profite zu erzielen.

Welchen Traum werden Sie sich als nächsten erfüllen (können)?
Ich halte mich da an Dietrich Bonhoeffer, der sagte: „Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Träume.“ Nein, ich habe keinen großen Traum, auch keinen unerfüllten, den ich mir erfüllen möchte, eher kleine Wünsche, deren Umsetzung ungleich einfacher ist. So wird mir Dank des Heimatvereins und der Gemeinde Bösel gerade der Wunsch erfüllt, ein großes Buch über meinen Wohnort zu schreiben.

Was tun Sie am liebsten?
Die Frage kann ich spontan beantworten: Neben der Beschäftigung mit meiner Familie und den vier Enkelkindern das Schreiben und Lesen. In dieser Reihenfolge. Beides ist für mich mitunter eine Form von aufregender Abenteuerreise. Die erlebt man, ohne sich aus dem Schreib- oder Lesezimmer herauszubewegen, eine spannende Angelegenheit. Beim Lesen ist unsere Vorstellungskraft nämlich in viel größerem Maße gefordert als beispielsweise beim Schauen eines Filmes, der uns fertige Bilder zeigt und unserer Fantasie (die ein großes Geschenk ist) wenig abverlangt. Lesen erweitert meinen Horizont und zeigt mir Perspektiven fürs Schreiben auf.

Welche Eigenschaft mögen Sie an sich selbst? Und welche nicht?
Ich glaube, dass ich empathisch bin, dass ich mich gut und schnell in Andere hineinversetzen kann. Das hat vielleicht auch mit meinem Beruf als Rehabilitationsberater für jugendliche Menschen mit Beeinträchtigungen zu tun. Ich halte mich dabei an den Autor Georges Simenon (der wie kaum jemand viel über Menschen wusste und dessen Bücher ich übrigens vorbehaltlos empfehle), der nicht urteilen, nur verstehen und sich immer tiefer in die unerklärbaren Motive der Menschen verlieren wollte.
Muss man solche Eigenschaften an sich eigentlich beklagen? Ich beherrsche nicht richtig die „Kunst des Müßiggangs im wohlverdienten Ruhestand“. Nichtstun ist für mich schwierig, es muss immer etwas „laufen“. Ich gehöre nicht zu den Rentnern, die in ein tiefes Loch gefallen sind und mit ihrer Zeit nichts anzufangen wissen.

Welche TV-Sendung mögen Sie am liebsten?
Erstmal: Ich sehe keine Sender, die mich zwischendurch permanent mit Werbung berieseln (Ausnahme: Fußball). Ich tue mir keinen „Tatort“ an, schon gar nicht den aus Münster. Auch nicht die zahllosen Talkshows, in denen alle Themen mit den immer selben Leuten oberflächlich und endlos zerredet werden. Dann doch lieber „Panorama“, „Kontraste“ oder „Weltspiegel“. Und sonst? Gerne alte Schinken der „Film Noir“, besonders der französischen, die oft auf ARTE laufen. Manchmal tun es auch Wiederholungen von „Mord mit Aussicht“ oder der „Tatortreiniger“.

Mit wem würden Sie sich gerne einmal treffen?
Liebend gern mit dem Literaturkritiker Denis Scheck. Um von ihm zu erfahren, warum er Charles M. Schulz’ „Peanuts“ zur Weltliteratur zählt und was er dagegen so schrecklich findet an Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“. Was ihn bewegt, Bücher öffentlich in die Mülltonne zu werfen und warum er sich langsam aber sicher zum Literaturclown entwickelt.

Was würden Sie gerne einmal wieder essen?
Das ist schwierig zu sagen. Ich gebe seit 24 Jahren regelmäßig Kochkurse für Männer. Und da werden natürlich die Gerichte gekocht, die meine Kocheleven und natürlich auch ich besonders lieben. Und das sind oft Klassiker wie Königsberger Klopse und Tafelspitz, aber auch Paella, Bœuf bourguignon oder Bouillabaisse. All das möchte ich immer mal wieder essen!

Welches Thema in der MT hat Sie am meisten beschäftigt?
Neben dem Ukrainekrieg war das für mich wohl die Berichterstattung über die Situation der katholischen Kirche mit dem massiven Ausmaß sexualisierter Gewalt durch Priester und Ordensleute. Aber auch der Ausgrenzung der Frauen durch männerbündische Machtstrukturen und der zölibatäre Zwang für Priester. Dazu kommen seine klerikale Vertuschung, die gescheiterte Aufarbeitung und die totale Unfähigkeit zur Reform und Erneuerung. Vom katastrophalen Priestermangel, der damit „behoben“ wird, dass man Pfarreien und Pfarrverbände immer größer macht, will ich gar nicht reden.


Zur Person:

  • Martin Pille war im „ersten Leben“ Rehabilitationsberater für jugendliche Menschen mit Beeinträchtigungen und ist jetzt Autor.
  • Der 75-Jährige lebt seit 1974 in Bösel, über die Gemeinde schreibt er nun ein Buch, eine „Liebeserklärung für meinen Heimatort Bösel“.
  • Er ist in Bösel Vorstandsmitglied in der Borsla Vereinigung für niederdeutsche Sprache und Literatur und der Plattdeutsch-Beauftragte des Heimatvereins.
  • Zudem leitet Pille das Redaktionsteam, das viermal im Jahr das Dorfblatt „Spräkrohr“ herausbringt.
  • Seit 2000 ist der Böseler im Vorstand des Tschernobyl-Teams, das bis 2021 humanitäre Transporte nach Belarus fuhr, heute ist das Ziel die Ukraine.

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