Lebt die Goldenstedter Wölfin noch?
Der junge Rüde hat sich wieder ins Moor zurückgezogen. Nachts hören ihn Anwohner nach der Partnerin rufen. Die Tierhalter sind von der Wolfspolitik des Landes enttäuscht.
Matthias Niehues | 22.10.2019
Der junge Rüde hat sich wieder ins Moor zurückgezogen. Nachts hören ihn Anwohner nach der Partnerin rufen. Die Tierhalter sind von der Wolfspolitik des Landes enttäuscht.
Matthias Niehues | 22.10.2019

Wieder im Moor: Nachdem der ihm Schutz bietende Mais abgeerntet ist, wird der jungen Rüde kaum noch gesehen. Fotos: M. Niehues
Das offizielle Wolfsmonitoring für das Land Niedersachsen hat das Revier der Goldenstedter Wölfin gerade erst von „Einzeltier“ auf „Paarbildung“ hochgestuft. Fraglich ist aber, ob die zuständige Landesjägerschaft hier auf aktuellen Stand ist. Denn seit Monaten gibt es keine klaren Spuren oder Sichtungen zur Goldenstedter Wölfin. Nur der junge Rüde, der zwischen Goldenstedt und Steinfeld hin- und herstreifte, wurde seit Juli häufig gesehen. Anwohner in Arkeburg und Varenesch hörten ihn in den letzten Wochen vor Mitternacht wiederholt heulen. „Es klang, als würde er nach seiner Partnerin rufen“, berichtet eine Ohrenzeugin. Inzwischen melden sich Stimmen, die bezweifeln, dass die Goldenstedter Wölfin überhaupt noch lebt. „Die ruht sanft“, sagte jetzt ein Jäger aus dem Kreis Vechta gegenüber dieser Zeitung. Er will das aber mehr als Überzeugung denn als Wissen interpretiert wissen. „Wenn der Staat nichts macht, muss man das eben selbst in die Hand nehmen“, ist er überzeugt. Der bekannte Naturschützer und Galloway-Halter Jürgen Göttke-Krogmann aus Kroge kann sich gut vorstellen, dass Tierhalter zu eigenen Mitteln greifen und sich Verbündete suchen, wenn ihnen auf anderem Wege keine Lösungen geboten werden. „Ich bin aber strikt dagegen“, betont er, der schon beim plötzlichen Verschwinden des ersten Rüden eine illegale Tötung befürchtete. „Wir brauchen Druck auf dem Kessel“, damit sich in der Politik etwas bewege. Das derzeitige „Nichtstun in der Politik“ begünstigt nach seiner Auffassung ein illegales Dezimieren der Wolfspopulation. Die Politik scheue die Auseinandersetzung mit der Europäischen Gemeinschaft. „Das Landwirtschaftsministerium Niedersachsens versucht Kompromisse zu finden. Das Bundesumweltministerium ist dazu aber nicht bereit“, so Göttke-Krogmann, der den Initiativkreis der Weidetierhalter Deutschland e.V. berät. Die entscheidende Frage sei, ob der Schutzstatus des Wolfes um eine Stufe gelockert werde. Dann könne mit einer bundesweit einheitlichen Strategie das Thema Wolf gehandhabt werden. Allerdings gebe es noch Bundesländer, die sich dagegen sperren würden. Diskutiert wird in diesem Zusammenhang immer der sogenannte günstige Erhaltungszustand der Wölfe. Bei 1000 fortpflanzungsfähigen Tieren bundesweit sehen Experten die Wölfe als nicht mehr bestandsgefährdet an. Dann könnte der Schutz gelockert werden. Jürgen Göttke-Krogmann ist auch deshalb gegen das illegale Töten der Raubtiere. „Abdrücken ist keine Art“, betont er und verweist darauf, dass es sich um eine Straftat handelt. „Wir müssen alle mithelfen, politisch den richtigen Weg zu finden“, ist er stattdessen überzeugt und fordert dazu auf, dass jeder das Wolfsmonitoring der Landesjägerschaft unterstützt und Sichtungen und Vorkommnisse meldet. Zusammen mit dem Initiativkreis will Göttke-Krogmann zudem auf der kommenden Grünen Woche in Berlin den Besuchern und Politikern vor Augen führen, dass es wertvolles Grünland mit besonderen Pflanzen gibt, die den gleichen Schutzstatus wie der Wolf genießen. Schafe, Ziegen und Ponys seien hier die Verbündeten der Landschaftspflegeverbände, um die wertvollen Naturräume zu erhalten. Auch die Diepholzer Moorniederung sei ein solches Gebiet. „Auf Dauer muss es dem Wolf an den Kragen gehen, wenn man die wertvolle Landschaft erhalten will“, ist der Naturschützer überzeugt und hofft auf ein Umdenken der Politik. Einer, der sich im Landkreis Vechta für Landschaftsschutz engagiert, ist Tino Barth. Drei Schafsherden, jede mit mehreren scharfen Hunden geschützt, pflegen die Flächen des Kreises an der Hunte. „Schön wäre es ja, wenn sie nicht mehr da wäre“, sagt er zu den Gerüchten über die Goldenstedter Wölfin. Das Tier hatte in der Vergangenheit, vor dem Einsatz der Hunde, immer wieder seine Elektrozäune übersprungen und wiederholt Schafe gerissen. Nach heutigen Maßstäben des Landes hätte das Raubtier damals entnommen werden können. Heute kann Barth dem Land nicht mehr trauen. Unverzeihlich findet er es, dass das Umweltministerium die beiden erfahrenen und ehrenamtlich tätigen Wolfsberater Dr. Torsten Schumacher und Bernd Eilers aus dem Amt nahm. „Sie haben sich sehr engagiert und genossen unser uneingeschränktes Vertrauen“, sagt er. Auch die hundertprozentige Förderung für Batterien und Elektrozäune funktioniere in der Praxis nicht. „Wir müssen monatelang warten und bekommen nicht einmal eine Eingangsbestätigung“, beklagt der Tierhalter. „Solange der Wolf meine Schafe in Ruhe lässt, ist alles in Ordnung“, sagt Barth. Wenn nicht, würde es das Land jetzt nicht mehr erfahren.

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