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Kriminalgeschichte des Christentums?

Kolumne: Auf ein Wort – Von Skandalgeschichten der Kirche und Kulturleistungen des Christentums.

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Mögen Sie Krimis? Der Tatort, die älteste Krimikultserie im deutschen Fernsehen, gehört für viele immer noch zum Sonntagsritual. Für solche Freizeitgewohnheiten hatte einer unserer Professoren an der Universität Münster nur wenig Sympathie: der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt. Zu jedem Einzelthema gab es ellenlange Literaturlisten. Und dazu der leidenschaftliche Appell in beinahe jeder Vorlesung: „Meine Damen und Herren, lesen Sie!“ In jeder zweiten Stunde kam noch ein zweiter Aufruf hinzu: „No TV!“ Das bezog sich vor allem auf das Unterhaltungsprogramm, das Fernsehen als Medium der Zerstreuung.

"Professor Angenendt konnte die Geschichte des Christentums erklären, ohne sie zu verklären."Marc Röbel

Nein, ich vermute, Arnold Angenendt, der in der vergangenen Woche verstorben ist, mochte keine Fernsehkrimis. Aber er hatte ein Gespür für die spannenden Facetten der Kriminalgeschichte des Christentums. Die bekanntesten Stichworte heißen „Kreuzzüge“, „Inquisition“ oder „Hexenverbrennungen“. Professor Angenendt konnte die Geschichte des Christentums erklären, ohne sie zu verklären.

Es ging ihm dabei nicht um die trockene Aneinanderreihung von historischen Fakten. Ihn interessierten die sozialgeschichtlichen Zusammenhänge, die Mentalitätsgeschichte einer Epoche. Warum werden in der katholischen Tradition bis heute Reliquien verehrt? Woher kommen bestimmte Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit, die teilweise bis heute nachwirken? Waren die Hexenverbrennungen eine finstere Theologenerfindung? Oder waren sie nicht ein weit verbreitetes Kulturphänomen? Der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt hat sich auch als Priester zu den wunden Punkten der Kirchengeschichte bekannt. Aber er wollte daraus nie medienwirksam Kapital schlagen. Ich persönlich halte sein Werk „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ für eine der wichtigsten kirchengeschichtlichen Publikationen der letzten Jahrzehnte.

Ähnliches gilt für sein Buch über „Ehe, Liebe & Sexualität im Christentum“. Angenendt kannte sich nicht nur in der Skandalgeschichte der Kirche aus. Er hat auf eindrucksvolle Weise auch die Kulturleistungen des Christentums herausgearbeitet. Dazu ein Beispiel, das auch uns in Niedersachsen betrifft: Die dörfliche Kultur unserer Vorfahren vor der Christianisierung war eine kämpferische, kriegerische Welt. Es waren erst die christlichen Missionare, die unserer Region mit ihrer Botschaft eine völlig neue Sichtweise vermittelt haben: einen neuen, wertschätzenden Blick auf den Anderen, die Fremden. Mitleid mit den Schwachen muss man lernen, muss man kulturell einüben. Das bleibt eine aktuelle Lektion unserer Botschaft. Das kann man von Arnold Angenendt lernen. Die Geschichte des Christentums ist mehr als ein Krimi. Und sie ist noch längst nicht zu Ende erzählt.


Zur Person:

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Geistlicher Direktor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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