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Kommt Corona etwa vom Himmel?

Krankheiten, Kriege und Katastrophen stellen Menschen immer wieder vor die gleiche Frage: Warum lässt Gott Leid zu? Oder ist er etwa selbst verantwortlich? Erkundungen im Oldenburger Münsterland.

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Ein Ort geistlichen Ringens: Die Kirche St. Johannes in Lage/Rieste ist auch für viele Menschen aus dem Oldenburger Münsterland ein wichtiger Wallfahrtsort. Das Heilige Kreuz im Bild wird bei Prozessionen regelmäßig um die Kirche getragen. Foto: Ebert

Ein Ort geistlichen Ringens: Die Kirche St. Johannes in Lage/Rieste ist auch für viele Menschen aus dem Oldenburger Münsterland ein wichtiger Wallfahrtsort. Das Heilige Kreuz im Bild wird bei Prozessionen regelmäßig um die Kirche getragen. Foto: Ebert

Eines der vielleicht schönsten Kirchenlieder besticht durch entwaffnende Ehrlichkeit: "Ich steh' vor dir mit leeren Händen, Herr". Geschrieben hat es der Niederländer Huub Osterhuis. Der Text vereint alles, was Glauben in der Postmoderne ausmacht:  Anfechtung und Zweifel - an Gott und am eigenen Selbst; aber auch Hoffnung und Trost. Im katholischen Gotteslob findet es sich unter der Nummer 422, im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 382.

Glauben und Zweifel - diese beiden menschlichen Regungen sind eng miteinander verwandt. Wahrscheinlich hat es den Glauben kaum je ohne Zweifel gegeben. Spätestens seit der Aufklärung aber ist es in Europa auch möglich geworden, religiöse Zweifel öffentlich zu formulieren: Zweifel an Gottes Existenz - oder Zweifel daran, dass er gut ist. 

Die größte Anfechtung für den menschlichen Glauben an den einen Gott - sei es der Gott des Christentums, des Judentums oder des Islams - ist dabei das Unheil in der Welt. Jeder kennt die Fragen: Krankheit und Tod, Verbrechen und Ungerechtigkeit - wie kann Gott das zulassen? Auschwitz als Synonym für den millionenfachen fabrikhaften Mord ist da das ultimative Argument: Wo war Gott, als unser Volk die Juden in Europa abschlachtete?

Ist Gott gut - oder allmächtig?

Die Frage nach der Rolle Gottes im Leid der Menschen (oder der ganzen Schöpfung) gipfelt in einer Frage, die als "Theodizee" bekannt ist und seit Jahrtausenden in den Kulturen der Welt gestellt wird: Ist Gott gut - oder allmächtig? Die Überlegung dahinter: Wenn Gott  allmächtig ist, kann er nicht gut sein; wieso gäbe es sonst so viel Übel? Wenn er hingegen gut ist, kann er nicht allmächtig sein - sonst würde er das Übel nicht zulassen. 

Wer individuelles Leid erlebt, kennt diese Anfechtungen: Warum lässt Gott zu, dass ein Kind stirbt? Dass ein Verbrechen geschieht? Dass Gutes unterbleibt? Manche kollektiven Ereignisse aber lassen diese Fragen an Bedeutung gewinnen, weil sie weite Teile der Bevölkerung betreffen: Kriege, Hungersnöte - und Seuchen.

Kommt Corona von Gott?

Was ist also mit Corona? Kommt diese Pandemie von Gott? Warum beendet er sie nicht? Nun ist Covid-19 beileibe nicht die erste Krankheit, die ganze Kontinente aufsucht. Denken wir nur an die Spanische Grippe oder die Pest.

Auch im Alten Testament, der jüdischen Bibel, gibt es Plagen und Seuchen: die 7 Plagen über Ägypten. Sie werden nicht nur von Gott erduldet, er schickt sie sogar, weil der Pharao die Juden nicht ziehen lassen will. Oder denken wir an die Sintflut: Gott rafft seine Schöpfung dahin, um einen neuen Anfang zu ermöglichen. Eine grausige Geschichte. Und wieder die Frage: Wie kann Gott das alles tun? 

Vielleicht können Geistliche weiterhelfen. Bakum, an einem Abend im November. Treffen mit Bernd Holtkamp. Der katholische Geistliche ist Pfarrer von Bakum und Landesjugendseelsorger. Im Frühjahr wollte Holtkamp zu diesen Themen noch nichts sagen. Er wollte erst darüber nachdenken, sagte er damals, als er von dieser Redaktion angesprochen wurde. Wie sieht es nun aus, einige Monate später?

„Die Idee göttlicher Strafe entspricht nicht meinem Gottesbild.“

Bernd Holtkamp, Landesjugendseelsorger und Pfarrer in Bakum

Holtkamp sagt, dass er angesichts der Pandemie wiederholt die Frage gehört habe: "Womit haben wir das verdient?" Er meint, diese Frage suggeriere, die Pandemie sei ein göttlicher "Ordnungsruf". Doch das passt für ihn nicht.  „Die Pandemie als göttliche Strafe entspricht nicht meinem Gottesbild“, sagt er. Und er wird deutlich: "Wer so denkt, macht aus Gott einen Deppen.“

Aber wie passt das zum Alten Testament, wo Gott ausdrücklich strafend auftritt? Holtkamp findet es verständlich, dass die Autoren der Bibel schlimme Ereignisse "in ihrer Zeit so gedeutet haben". Sind die biblischen Schriften für ihn also nicht ernst zu nehmen als Aussagen über Gott? Eine einfache Antwort gebe es nicht, gibt Holtkamp zu bedenken. Die Heilige Schrift sei "zugleich Gotteswort und Menschenwort". Zugleich betont er, dass die katholische Kirche die wortwörtliche Auslegung der Bibel dezidiert ablehnt.

Und er macht klar, dass ein Leben im Glauben nicht vor Unheil schütze. Holtkamp verweist auf das Buch Hiob, in dem ein Gerechter wieder und wieder Leid erdulden muss. Aber auch das neue Testament sei nicht frei von Grausamkeiten, wie Holtkamp betont und auf Kapitel 13 im Markusevangelium verweist, in dem Jesus vorhersagt, was passieren muss, bevor der Menschensohn wiederkommt.

Grundsätzlich, das macht der Geistliche klar, glaubt er schon, dass Gott in die Welt eingreift: "Sonst bräuchte ich nicht zu beten." Kommt Corona also doch von Gott? Holtkamp verweist auf einen Text aus der Feier der Heiligen Messe, in dem es heißt: "In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, allmächtiger Vater, zu danken und dich mit der ganzen Schöpfung zu loben. Denn du hast die Welt mit all ihren Kräften ins Dasein gerufen und sie dem Wechsel der Zeit unterworfen. Den Menschen aber hast du auf dein Bild hin geschaffen und ihm das Werk deiner Allmacht übergeben. Du hast ihn bestimmt, über die Erde zu herrschen, dir, seinem Herrn und Schöpfer, zu dienen und das Lob deiner großen Taten zu verkünden durch unseren Herrn Jesus Christus."

"Die ganze Schöpfung" - daran bleibt er hängen. Die Pandemie als Strafgericht, das findet er "daneben". Schließlich sei nach aktuellem Stand der Wissenschaft der Mensch selbst an der Entstehung des Coronavirus nicht ganz unbeteiligt. Damit verweist Holtkamp auf wissenschaftliche Erkenntnisse, nach denen Zoonosen wie Sars-CoV-2 durch das Vordringen von Menschen in den Lebensraum von Tieren begünstigt werden. Wenn der Mensch Gott und der Schöpfung dienend die Welt beherrschen solle, stelle sich die Frage: "Gehen wir verantwortbar mit der Schöpfung - also der Umwelt - um"?

In der Endeler Marienkapelle von 1694 hält die trauernde Maria Jesus in ihren Händen. Gott schützt auch sich selbst und seine Liebsten nicht vor Leid. Foto: KoopmeinersIn der Endeler Marienkapelle von 1694 hält die trauernde Maria Jesus in ihren Händen. Gott schützt auch sich selbst und seine Liebsten nicht vor Leid. Foto: Koopmeiners

Die Pandemie als "Zeit der Prüfung und Bewährung, vielleicht gar als Buße" - das ist Holtkamp bereit, anzunehmen. Wie eine Zeit kollektiver Exerzizien, in der die Frage gestellt wird: "Sind wir noch auf dem Weg?" Nach seinem Dafürhalten verschärft diese Pandemie manche ohnehin gestellte Frage oder lenkt den Blick auf bekannte Probleme: "manche Fehlentwicklung in der Landwirtschaft" oder "manches Konsumverhalten" etwa. Für Holtkamp liegt eine Lektion dieser Tage darin, Ehrfurcht gegenüber der Schöpfung neu zu lernen. Das sei dezidiert "kein Aufruf gegen das Schlachten von Tieren", stellt er klar. Aber er wirft die Frage auf: "Von welchen ethischen Maximen lassen wir uns leiten? Wie gehen wir mit der Schöpfung um?"

Im Laufe des Gesprächs wird Holtkamp deutlicher und gibt sich sicher: Die Pandemie sei menschengemacht, sagt er. Und: "Das können wir Gott nicht in die Schuhe schieben". Doch warum Gott sie nicht abwendet und Leid verhindert, das kann auch Holtkamp nicht eindeutig beantworten. Er räumt ein: "Gott ist souverän, daran könnte ich manchmal irre werden."


Ortswechsel. Termin mit Wiebke Range und Uwe Böning. Beide sind evangelische Pastoren in Damme. Wegen der im Dezember verschärften Pandemielage führen wir zwei einzelne Telefonate.

Mit simplen Aussagen zur Natur des göttlichen Wirkens tut sich Pastor Böning schwer, das wird schnell klar. "Es bleiben Rätsel", sagt er mit Blick auf schreckliche Geschehnisse. Aber: Gott habe den Menschen auch den Verstand gegeben - und Kraft, Prüfungen zu bestehen. Da ist es wieder, das Wort "Prüfung", das auch Holtkamp schon benutzt hat. 

Böning räumt ein, selbst die Frage nach dem Ursprung der Pandemie zu stellen; und für ihr Ende zu beten. Zugleich gibt auch er zu bedenken, dass die Seuche die Frage aufwirft, wie wir Menschen unser Leben ändern müssten. 

Gebetsort seit Jahrtausenden: Schon der Name Klagemauer verweist darauf, dass auch in der jüdischen Glaubenstradition die Klage vor Gott eine lange Geschichte hat. Foto: dpaAbir SultanGebetsort seit Jahrtausenden: Schon der Name "Klagemauer" verweist darauf, dass auch in der jüdischen Glaubenstradition die Klage vor Gott eine lange Geschichte hat. Foto: dpa/Abir Sultan

"Und was hat Corona mit Ihrem Glauben gemacht?", fragen wir seine Kollegin Wiebke Range. Die Pandemie habe nicht viel verändert, sagt die Pastorin. Sie habe nur "blinde Flecken" bloßgestellt - und verrate etwas über unsere Erwartungen an Gott. Wer nämlich erwarte, dass Gott für das "ständige Wohlergehen seiner Leute" sorge, der werde (nicht nur) in diesen Tagen "bitter enttäuscht". 

Bei der Frage danach, weshalb Gott Fürchterliches geschehen lasse, erwidert sie: "Was ist das für ein Anspruch, dass ein Menschengeist Gott erfassen kann?". Klar ist: Der Glaube der Kindheit, der "liebe" Gott, der "gütige" Gott - für Range beschreibt er nicht das ganze Bild. Die Pandemie zeige vielmehr "auf erschreckende Weise Gottes fremde, dunkle Seite, die für uns nicht fassbar ist", sagt sie. 

Und sie erinnert nicht nur an das Alte Testament, sondern auch an das Leiden Jesu. Es sei "unbegreiflich", dass Gott das nicht gestoppt habe. Gott Vorwürfe zu machen, das kennten die christliche und die jüdische Glaubenstradition. Das könne auch Energien frei setzen, glaubt Range: "Wenn du so ins Gespräch kommst mit Gott, dann bewegt sich was im Glauben."

Zugleich erinnert sie daran, dass "Menschen die Welt schon immer vor die Wand gefahren haben". In Gestalt Jesu ertrage Gott die "Folgen dieser Katastrophe am Kreuz".

Aber kommt nun Corona von Gott? Range sagt, sie glaube, dass "kein Spatz vom Himmel falle ohne Gottes Wollen". Zugleich betont auch sie, ähnlich wie ihr katholischer Kollege Holtkamp, dass die Entwicklung von Viren vor allem etwas mit dem Verhalten von Menschen gegenüber Tieren zu tun habe. "Unsere Lebensart", sagt Range und meint sowohl den Umgang mit Tieren als auch unsere globale Mobilität, begünstige die Entwicklung und Verbreitung von Viren wie Sars-CoV-2. 

"Jeder, der 'Gott, wo bist du?' ruft, hat die Verheißung auf eine Antwort."

Wiebke Range, Pastorin in Damme

Gott sei also nicht für die Konsequenzen unseres Handelns verantwortlich, aber er lasse sie zu - weshalb, das sei für uns unbegreiflich.  Zugleich gibt sie zu bedenken: "Alles, was gegen das Virus hilft, hilft auch gegen den Klimawandel." Ob das aber bedeute, dass Gott Corona gleich gutheiße? "Da sind wir im spekulativen Bereich", sagt Range; sie hält solches Grübeln für wenig hilfreich.


Wie ist es nun also mit Gott und der Pandemie? Eher Menschenwerk als Gotteswerk, wenn man den drei Geistlichen folgt. Und doch ist Gott nach ihrem Dafürhalten nicht so weit entrückt, dass er mit Corona und dem menschlichen Leid nichts zu tun habe. Es bleibt also kompliziert. Holtkamp räumt zum Ende des Gesprächs ein, dass er die Theodizeefrage "argumentativ nicht gelöst bekomme". Und Range betont, dass jeder, der rufe: "Gott, wo bist du?" die Verheißung habe, dass er eine Antwort bekomme. Wenn das keine Botschaft ist an Weihnachten. 

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