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Kita-Gesetz: Was kritisieren Cloppenburger Betroffene?

Die Landesregierung hat einen Stufenplan für das neue Kita-Gesetz in Niedersachsen beschlossen. Verantwortliche aus Cloppenburger Einrichtungen erklären ihre Forderungen und Kritik.

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Wird die frühkindliche Erziehung von der Politik vernachlässigt? Viele Betroffene sind mit dem niedersächsischen Stufenplan für das Kita-Gesetz nicht zufrieden. Foto: dpa/Schulze

Wird die frühkindliche Erziehung von der Politik vernachlässigt? Viele Betroffene sind mit dem niedersächsischen Stufenplan für das Kita-Gesetz nicht zufrieden. Foto: dpa/Schulze

Gegen das neue Kita-Gesetz gibt es spürbar Gegenwind. Doch was genau hat die Landesregierung eigentlich beschlossen und was fordern Menschen aus dem Praxisalltag? Darüber hat OM online mit verschiedenen Verantwortlichen aus Cloppenburg gesprochen.  

Hintergrund ist das Gesetz der niedersächsischen Landesregierung, das vorsieht, ab 2023 insgesamt 2000 zusätzliche Auszubildende mit 15 Stunden die Woche einzustellen. Die 3. Fachkraft soll gestaffelt eingeführt werden – 20 Wochenstunden sollen 2027 erreicht werden.

Jemand, den das in Cloppenburg beschäftigt, ist Helga Petzold. Sie leitet die Kindertagesstätte St. Augustinus. Die Einrichtung gehört zur katholischen Kirchengemeinde St. Andreas, 90 Kinder sind auf 4 Gruppen aufgeteilt, es gibt 14 Mitarbeiterinnen.

2000 zusätzliche Kräfte reichen nicht aus

Petzold beklagt, dass bei der Novellierung die Forderungen der Verbände und Einrichtungen nicht erfüllt würden. Qualität – das sei die wichtigste Forderung. Die Kitaleiterin vermutet, dass der Aufschrei der Einrichtungen aufgrund der Corona-Pandemie verhältnismäßig leise ausgefallen sei. Der beschlossene Stufenplan sei für Betroffene schon fast ein Hohn, sagt Petzold. Schließlich stelle man die Forderungen schon seit vielen Jahren, die Umsetzung sei damit  noch lange nicht sicher. Der Stufenplan der Landesregierung decke nicht die Bedürfnisse ab, findet Petzold.

Silvia Oberschelp stimmt dem zu – mit 2000 zusätzlichen Kräften bekäme nicht mal jede Einrichtung eine. Oberschelp leitet die Kindertagesstätte "Sonnenblume" in Cloppenburg. Die Kita in städtischer Trägerschaft hat Platz für 90 Kinder und 16 Mitarbeitende. 

Der Job des Erziehers soll attraktiver werden

Kritisch sieht Oberschelp an dem Plan, dass Auszubildende als Personalentlastung der bereits überbeanspruchten Fachkräfte angesehen würden: "Wir brauchen mehr Auszubildende – die müssen aber auch von erfahrenen Kräften unterstützt und betreut werden. Das ist also ein Mehraufwand." 

Außerdem: Das Gesetz sieht die dritte Fachkraft nur in Ganztagsgruppen vor – das betonen beide Leiterinnen. In den anderen Gruppen muss es sich lediglich um eine "geeignete Kraft" handeln, erklärt Oberschelp, eine pädagogische Qualifizierung sei also nicht Voraussetzung. "Das enttäuscht, so sinken die Ansprüche an das Personal in der Frühpädagogik", meint die Leiterin der Kita "Sonnenblume". 

Allgemein müssten Erzieher ihrer Arbeit entsprechend fair bezahlt werden. Darin sind sich die Kitaleitungen einig. Gleichzeitig müsse dem "Männermangel" in den Einrichtungen entgegengewirkt werden, erklären beide Frauen. Und das neue Gesetz? Das sieht eine dualisierte Erzieherausbildung vor, die ab 2023 bezahlt werden soll.  

Kita-Gesetz wurde seit 30 Jahren nicht überarbeitet

"Mit der Vergütung wird auch eine Wertschätzung verbunden", erläutert Oberschelp. Junge Menschen würden sich einen Ausbildungsberuf suchen, indem sie von Anfang an bezahlt werden. Petzold kennt eine Statistik, die besagt, dass jeder 4. Erzieher seinen Job verlässt – die Arbeitsbedingungen müssten also verbessert werden. 

"Ich arbeite seit über 25 Jahren in der Kita und die Anforderungen nehmen kontinuierlich zu."Silvia Oberschelp, Leiterin Kindertagesstätte "Sonnenblume"

Warum jetzt? Seit 30 Jahren wurde das Kita-Gesetz nicht mehr überarbeitet. Es gab lediglich einen Orientierungsplan und Handlungsempfehlungen des niedersächsischen Kultusministeriums. Die Notwendigkeit der Investition in die frühkindliche Bildung sehen aber viele Verantwortliche schon lange. Mit der jetzigen Lösung herrscht wenig Zufriedenheit. Oberschelp sagt deutlich: "Die geplante Novellierung wird dem Bedarf nicht gerecht. Aktuell wird eine wirkliche Qualitätsverbesserung daraus nicht deutlich." 

Über die 30 Jahre hinweg habe sich die Arbeit in Kitas verändert, berichten Petzold und Oberschelp. Petzold erklärt: Die Zusammenarbeit mit den Eltern sei intensiviert worden, es sei mehr Beratungsbedarf vorhanden.  

Auf jedes Kind müsse individueller und differenzierter eingegangen werden, das benötige Zeit, weiß Oberschelp. Dazu komme noch Förderbedarf, erläutert sie. "Ich arbeite seit über 25 Jahren in der Kita und die Anforderungen nehmen kontinuierlich zu." 

"Fakt ist: Bildung kostet."Silvia Oberschelp

Die Landesregierung erklärt, dass grundsätzlich das Geld fehle. Seit 2018 gibt es in Niedersachsen für Kindergartenkinder ab 3 Jahren die heiß diskutierte Beitragsfreiheit. "Fakt ist: Bildung kostet", sagt Oberschelp. Daher sei die Frage, wie die Prioritäten im niedersächsischen Haushalt gelegt würden. Auch Helga Petzold ist sich des Widerspruchs bewusst: "Den Zwiespalt von Geld und Qualität können wir nicht klären, aber die Qualität sollte genauso schwer wiegen wie die Quantität."

Bessere Rahmendingungen werden schon jetzt benötigt

Marieke Gogler ist Referentin für Förderung und Therapie beim Diakonischen Werk im Oldenburger Land. Die Cloppenburger Kindertagesstätte "Die Arche" ist in Trägerschaft der Diakonie. Gogler erklärte auf Anfrage, dass die sie die Initiative der Landesregierung im Grundsatz begrüße. Es sei ein wichtiger 1. Schritt zur 3. Kraft in allen Kindergartengruppen.

Aber: „Für die meisten Kitas gibt es bis 2027 noch eine lange Durststrecke, bis eine Entlastung kommen wird“, so Gogler. Deswegen bräuchten Mitarbeitende und Eltern jetzt das Signal, dass Rahmenbedingungen verbessert werden.

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