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Jungunternehmer soll großer Betrüger sein

Die Staatsanwaltschaft wirft Hendrik Holt vor, fingierte  Windpark-Beteiligungen verkauft zu haben. Er und Mitglieder seiner Bakumer Familie wurden verhaftet - um einen Millionenschaden zu verhindern.

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Unternehmer mit Wurzeln im Emsland: Hendrik Holt auf einem Bild aus besseren Zeiten. Foto: dpa / Jaspersen

Unternehmer mit Wurzeln im Emsland: Hendrik Holt auf einem Bild aus besseren Zeiten. Foto: dpa / Jaspersen

Der frühe Morgen in Hausstette verspricht vor einer Woche einen sonnigen Tag. Um 8.06 Uhr stoppen in der der Bakumer Bauerschaft plötzlich 15 Autos vor einer Villa an der Büscheler Straße. Polizeibeamte, Spezialeinheiten und ein Staatsanwalt steigen aus, präsentieren Haftbefehle. Mutter und Schwester des Unternehmers Hendrik Holt aus Haselünne wurden am Freitag vergangener Woche festgenommen.

Auch der 30-jährige Windanlagenprojektierer selbst bekam zeitgleich die Handschellen angelegt. Ihn trafen die Ermittler in einer Nobel-Suite des Hotels Adlon in Berlin an. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück spricht von einem „großen Schlag gegen mögliche Wirtschaftskriminelle“. Sie durchsuchte gleichzeitig in fünf Bundesländern und nahm insgesamt sieben führende Köpfe im Alter zwischen 26 und 63 Jahren der Unternehmensgruppe Holt Holding fest. Die Beschuldigten sollen nach Auffassung der Ermittler mit fingierten Windparkprojekten banden- und gewerbsmäßig betrogen haben.

Drohender Schaden soll im mehrstelligem Millionenbereich liegen

Die Beschuldigten sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft dringend tatverdächtig, „zukünftige Investoren insbesondere mittels des massiven Einsatzes gefälschter Urkunden über die Realisierungsfähigkeit der von ihnen konzeptionierten Projekte zu täuschen, um die Vorhaben sodann zu weit überhöhten Preisen zu verkaufen“. Der drohende Schaden soll im mehrstelligen Millionenbetrag gelegen haben. Durch die Polizeiaktion seien laut Staatsanwaltschaft weitere mögliche Betrugsopfer vor finanziellen Schäden bewahrt worden. Wie hoch der tatsächliche Schaden ist und ob die Beschuldigten bereits Betrugstaten verübt haben, sollen weitere Ermittlungen der nächsten Tage und Wochen zeigen.

Sind Hendrik Holt und in Hausstette wohnende Familienangehörige Wirtschaftskriminelle? Über Jahre gelang es dem heute 30-Jährigen, sich nach außen als erfolgreicher Jungunternehmer zu präsentieren, der mit seiner Firma als sogenannter Frühphaseninvestor für Windparks agiert. „Im Gegensatz zu fast allen anderen Investoren sind wir bei passenden Projekten bereit, schon vor Erhalt der Genehmigung mit Risikokapital einzusteigen“, teilte er 2017 über das Medienbüro Keukom vollmundig mit. Doch Keukom, so steht es auf der Webseite der Holt Holding, gehört selbst zur Unternehmensgruppe. Viele Medien übernahmen die PR-Beiträge offensichtlich kritiklos. Die Holding wiederum nutzt die Veröffentlichungen für die Reputation.

Eine Seite voller Erfolgsmeldungen: So präsentiert sich Holts Holding im Internet. Foto: ScreenshotEine Seite voller Erfolgsmeldungen: So präsentiert sich Holts Holding im Internet. Foto: Screenshot

In den Jahren 2016 und 2017 gab es zunächst Erfolge zu vermelden. So lieferte die Hamburger Nordex Group nach eigenem Bekunden Anlagen für einen von der Holt Holding entwickelten Windpark „Felsberg“ bei Kassel. Alles sei „gut“ gewesen, teilt Sprecher Felix Losada auf Anfrage mit. In einem Imagevideo auf der Webseite der Holding lobt ein Nordex-Manager Holt in höchsten Tönen.

Holt veröffentlichte weitere Erfolgsmeldungen, beispielsweise über ein geplantes Großprojekt in Andorra und über den Verkauf einer 135 Megawatt großen Projektpipeline für 120 Millionen Euro an den schottischen Energiekonzern Scottish and Sothern Energie (SSE). 2018 gab Holt bekannt, mit dem Hersteller Nordex einen Rahmenvertrag über die Lieferung von Windkraftanlagen für einen Betrag von einer halben Milliarde Euro abgeschlossen zu haben. Vor allem im Landkreis Rotenburg/Wümme sollten nach Angaben von Holt im Internet viele Anlagen errichtet werden. Holt wollte hierfür große Grundstücksflächen gekauft und gesichert haben. Der Landkreis Rotenburg kann das aber nicht bestätigen. Kontakte zu Holt habe es nie gegeben, teilt Sprecherin Christine Huchzermeier auf Anfrage von OM-Online mit. Die Holt Holding sei dort unbekannt.

Partner gehen auf Distanz

Auch Nordex geht mittlerweile auf Distanz. Als Hersteller sei man an Projektierungen der Holt Holding nicht beteiligt gewesen und habe nur die Anlagen für den Windpark bei Kassel geliefert, erklärt Sprecher Losada. Danach sei es zu keinen weiteren Aufträgen gekommen. „Internationale Projekte der Holt Holding haben wir nicht weiter verfolgt“, sagt der Sprecher. Auch der schottische Energieanbieter SSE, der nach Informationen dieser Zeitung bereits hohe Vorschusszahlungen für Windparks in Nordwestdeutschland an Holt gezahlt haben soll, hat die Zusammenarbeit gestoppt. Sprecherin Alexandra Malone teilt mit, dass das Unternehmen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Osnabrück unterstütze.

Holt rühmt sich mit 250 Millionen Euro Vermögen

Warum haben interessierte Investoren nicht hinterfragt, ob Holts Großprojekte überhaupt realistisch sind? Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft sollen Hunderte Dokumente gefälscht worden sein. Legte Holt deshalb die Geschäftsführung seiner Firmen zwischenzeitlich nieder und übertrug sie formal an eine andere Person? Zugleich rühmt sich Holt im Internet damit, angeblich über ein Vermögen von 250 Millionen Euro zu verfügen.

Seit 2017 schmückt sich der Unternehmer mit einem Doktortitel. Der ist nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Osnabrück falsch. Deshalb sollte sich Holt Anfang des Jahres vor dem Amtsgericht Meppen wegen des „Missbrauchs von Titeln“ verantworten. Er soll aber nach Informationen von OM-Online nicht zum Termin erschienen sein.

Entzog sich Holt so einer möglichen Festnahme? Er und führende Köpfe seiner Holding müssen jedenfalls Strafverfolgung befürchtet haben. Nach Information dieser Zeitung sollen sie sich bei Handy-Telefonaten höchst konspirativ verhalten haben. Zwei der Beschuldigten sollen nach Auskunft der Staatsanwaltschaft zudem mit Bestechung versucht haben, ausländische Diplomatenausweise zu erhalten, um den Status diplomatischer Immunität zu erlangen. Die Flucht ins Ausland soll nach Informationen dieser Zeitung bereits geplant gewesen sein. Vorher hätte aber noch ein Geschäft in dreistelliger Millionenhöhe abgeschlossen werden sollen.

Villa im Grünen: Ermittler haben Familienmitglieder auf dem Grundstück in Hausstette verhaftet. Foto: M. NiehuesVilla im Grünen: Ermittler haben Familienmitglieder auf dem Grundstück in Hausstette verhaftet. Foto: M. Niehues

Die Staatsanwaltschaft kam dem zuvor und verhinderte nach eigenen Angaben Schlimmeres. Bei Durchsuchungen von Niederlassungen entdeckten die Ermittler in der vergangenen Woche hinter prächtigen Empfangsräumen leere Büros, in denen offensichtlich nicht gearbeitet wurde. In Hausstette standen gestern Nachmittag drei Autos der Luxusmarke Bentley vor der Villa Holt

Von der Verhaftung von vier Familienmitgliedern wollte die junge Frau, die das Tor öffnete, nichts mitbekommen haben. Dann schloss sich die Zufahrt schnell wieder.

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