Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen
Kolumne: Notizen vom Nachbarn
Antonius Schröer | 21.02.2020
Kolumne: Notizen vom Nachbarn
Antonius Schröer | 21.02.2020

Unten an der Treppe steht ein großer Sack Kartoffeln, viel größer als sonst und zwei Taschen voll mit frischem Gemüse. Oma hat eingekauft und die Mannschaftsladung wartete darauf, von mir in die Küche transportiert zu werden. Die Zeichen stehen auf Sturm, die Enkel kommen, die Großstadtkinder aus dem fernen Berlin. „Oma schnibbelt wedder Gemäus“, ruft Opa mir zu und sein leichtes Unbehagen, in den kommenden Tagen etwas vernachlässigt zu werden, kennen wir schon. Kohlrabi, Blumenkohl, Broccoli, Kartoffeln, Frühlingszwiebeln, Wurzeln, alles häuft sich auf dem Küchentisch und wird von Oma ordentlich zersägt. „Erbsen darf ich nicht, die mögen sie nicht“, blickt sie hoch, während ihr Messer auf und nieder braust. Es ist wirklich wahr, Ida, Marlene und Anton, die Viert- und Fünftklässler aus der Bundeshauptstadt, mitten aus Kreuzberg, wo sich an jeder Ecke die Döner drehen, freuen sich auf Omas riesengroße Eintopfschüssel. Die drei Großstadtbalgen tragen keine selbstgestrickten Pullover aus Sojapflanzen, auch sind sie dem veganen Genuss weniger verfallen, nur Omas Eintopf schmeckt ihnen einfach. Bis zum letzten Rest und garniert mit zwei strammen Bockwürsten pro Teller vom Metzger gegenüber. Mich erinnert das an früher, Eintopf war gang und gäbe am Mittagstisch, immer mit allem Gemüse, das im Garten reif war und ohne verschifftem Exotenkraut aus Übersee. Dicke Bohnen, grün oder weiß mit Speck, „Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen“ lernten wir früh. Erbseneintopf am Freitag mit Hering, Wirsing oder Fitzebohnen mit einer ordentlichen Pulle Essig auf dem Tisch. Die Auswahl für alle samt Mitarbeiter und Lehrlinge war riesig. Himmel und Erde – für alle modernen Menschen: Kartoffeln mit Äpfeln durcheinandergekocht – habe ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gegessen. Und jetzt kratzen die mit allen coolen Sprüchen der Großstadt ausgestatteten Enkel jeden Tropfen von Omas Gemüse aus dem Topf, ohne richtig zu wissen, wo dieses bunte Zeug überhaupt herkommt. Die drei Berliner kennen keinen Garten wie wir früher, haben nie Mutter und Kind gespielt und dafür selber das Essen aus den Beeten gepflückt, Erbsen aus den Schoten gedrückt, Kirschen zum Nachtisch aus den höchsten Wipfeln geangelt. Wir wussten sogar, welcher Löwenzahn schmeckt: der Sauerampfer. Versteckspielen in den Büschen der Spargelbeete, Erdbeeren direkt vom Busch und nicht im Winter, wenn sie wie Wasser schmecken, wir durften ziemlich viel im Garten. Außer an dem Tag, als sich ein Huhn aus den Ställen des Nachbars zu uns verlaufen hatte und wir beschlossen, auch mal Ei und Fleisch zu probieren. Die Strafe war hart, das gesamte Kirmesgeld ging an den Nachbarn und wir saßen drei Tage tatenlos am Autoscooter. Diese Geschichten glauben mir meine Nichten und Neffen weniger, dafür führen sie mich aber mit selbstverständlicher Sicherheit durch die U-Bahn- Schächte des Kottbusser und Halleschen Tores in Kreuzberg vorbei an Döner- und Pommesbuden. Nur bei Omas Gemüse, da sind wir ohne modernes Ge- rede über gesundes Essen gleich. Und auch Opa genießt den großen Teller Gemüse, wo er doch sonst bei frischem Salat stets knurrt: „Salat is wat för Kanickel.“„Himmel und Erde habe ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gegessen“Antonius Schröer, Autor
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