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Heimatkunde mit Ackersenf und Ölrettich

Kolumne: Batke dichtet

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Heimatkunde gehörte damals, als die Grundschulen noch Volksschulen hießen, zu meinen Lieblingsfächern. Ich will nicht prahlen, aber wenn ich mich richtig erinnere, fuhr ich im dritten und vierten Schuljahr neben Religion in diesem Fach in schöner Regelmäßigkeit ein „sehr gut“ ein. Ich kannte mich bestens aus in der heimischen Geografie und wusste beispielsweise, dass Vestrup noch im Kreis Vechta, Elsten aber schon im Kreis Cloppenburg liegt. Oder ich konnte ein Roggen- von einem Weizenfeld unterscheiden.

Nun gut, einige Entwicklungen werde ich im Laufe der Jahre verschlafen haben. Auf unserer kleinen Landpartie letzten Sonntag mit der Frau, die den Mut hat, das Leben mit mir zu teilen, gibt es reichlich heimatkundliche Nachhilfe. So wundere ich mich auf dem Weg von Dinklage nach Quakenbrück über die gelb leuchtenden Felder. „Warum blüht denn im Oktober der Raps“, will ich von meiner Beifahrerin wissen. Sie greift behände zum Smartphone, gibt „Raps“ und „Herbst“ ein und teilt mir mit: „Das ist Ackersenf“.

Als versierter Botaniker hätte ich auch antworten können: „Ach so, Sinapis arvensis, diese beliebte Zwischenfrucht, die Nährstoffe im Boden bindet und dessen Fruchtbarkeit fördert.“ Da ich aber kein Botaniker bin, murmele ich nur: „Und daraus wird dann Löwensenf?“ „Quatsch“, erhalte ich als Antwort, „hier steht, dass der schnell wachsende Senf nicht geerntet wird, sondern auf dem Acker erfriert und im Frühjahr untergepflügt wird.“ Damit wäre das Rätsel der herbstlichen gelben Felder gelöst, das der weißen freilich noch nicht. Doch auch hier gibt es schnelle Aufklärung: „Das ist der weißblühende Ölrettich, der eine ähnliche Funktion erfüllt wie der gelbe Ackersenf.“

„So schnell kann ein Sonntagsausflug in heimischen Gefilden zur Bildungsreise werden.“

Alfons Batke, Journalist

So schnell kann ein Sonntagsausflug in heimischen Gefilden zur Bildungsreise werden. Nach dem Besuch des Erntedankmarktes auf Gut Vehr verschlägt es uns zum Bauernmarkt beim Haus im Moor in Goldenstedt, auch auf der Tour dorthin kreuzen wir durch gelb und weiß blühende Landschaften. Einigermaßen erstaunt stellen wir fest, dass es hier, tief im Arkeburger Moor, einen – Ehre, wem Ehre gebührt - Uwe-Bartels-Weg gibt und wundern uns darüber, dass zwischen Torf und Töffel ein Händler aus dem Großraum Hannover Geräuchertes aus Tirol und Schweizer Schimmelkäse feilbietet. Auch die Welt im Moor ist globalisiert.

Der Report über die heimatkundliche Exkursion wäre unvollständig, würden wir nach der Flora nicht kurz auch noch die Fauna streifen. Und was passt dabei besser in diese Zeit als eine Stippvisite in der Diepholzer Moorniederung, wo die Kraniche auf ihrer Herbstreise aus dem Norden ins muckelige Andalusien einen Boxenstopp einzulegen pflegen. „Was meinst du, wie alt werden die Kraniche im Schnitt?“ fragt die Fachfrau an meiner Seite. „Sechskommasieben Jahre“, antworte ich wie aus der Pistole geschossen, ohne wirklich eine Ahnung von der tatsächlichen Lebenserwartung der geschmeidigen Großvögel mit der lateinischen Artbezeichnung „Grus grus“ zu haben. „Falsch, falsch“, klingt es triumphierend von nebenan, „die Kraniche werden durchschnittlich 15 bis 20 Jahre alt.“ Wieder was gelernt.

Erst auf dem Rückweg, der uns über die Bundesstraße 69 führt, kann ich wieder punkten – im Autokennzeichen-Raten. Auf der Gegenfahrbahn hat sich ein hübscher Stauumfahrer-Stau (die A1 ist zwischen Cloppenburg und Holdorf wie an jedem Sonntagnachmittag ziemlich dicht) gebildet. Reisende aus HBS (Halberstadt), BKS (Bernkastel-Kues), KIB (Kirchheimbolanden), PS (Pirmasens), HGW (Greifswald) oder AB (Aschaffenburg) müssen sich in Geduld üben. Hoffentlich fahren sie keine Schleichwege. Sie könnten die Kraniche stören!

Zur Person

  • Alfons Batke (63) ist Journalist und lebt in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie unter: info@om-online.de

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