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Hatte Justitia Mitleid mit dem feierwütigen Rechtsanwalt?

Gästebuch: Wir schreiben das Jahr 1972. Für das Landgericht ist es ein gewöhnlicher Montag, Mitte August. Für einen Anwalt aus Vechta ist es alles andere als das – schließlich ist Stoppelmarkt-Montag.

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Man hat sich in Cloppenburg wirklich bemüht. So ein Fest wie den Stoppelmarkt kriegen wir doch auch hin. Wäre doch gelacht.

Und so machte man sich vor allem daran, den Montag des Mariä-Geburtsmarktes aufzuhübschen, aufzufrischen, zum Highlight werden zu lassen. Festredner wie in Kühlings Festzelt wurde geladen. Ratsdamen und -herren fühlten sich zwangsverpflichtet zum montagmorgendlichen Frühschoppen. Umtrunk und Eintopf inklusive. "Heil dir, o Oldenburg" aus voller Brust. Doch nach nur wenigen Jahren ging dem Elan die Puste aus. Gegen den Stoppelmarkt-Montag kommst du eben nicht an. Also fahren wir hin oder verdrängen ihn.

Am Stoppelmarkt-Montag vor genau 40 Jahren traf es vier Cloppenburger Rechtsanwälte. Das Landgericht Oldenburg hatte sich in grenzenloser Naivität nichts Böses dabei gedacht und für den besagten Montag zu einem Hauptverhandlungstermin in einer umfangreichen Strafsache mit vier Angeklagten geladen. Die vier Pflichtverteidiger waren ebenfalls geladen und brav erschienen. Um 9 Uhr sollte der Aufruf zur Sache erfolgen. Eigentlich ein „another bloody Monday“. Nicht aber für sämtliche Advokaten.

Für zwei der Rechtsanwälte war der Termin eine mittlere Katastrophe

Bei zwei der vier Juristen hielt sich die Panik noch in Grenzen. Der eine war ohnehin noch nie am Montag beim Stoppelmarkt gewesen. Der andere hatte schon davon gehört, aber die Seligkeit hing von der Teilnahme nicht ab. Arbeit ist eben Arbeit. Und das Gericht verlegt einen Termin mit vier Angeklagten und vier Pflichtverteidigern nicht wegen einer Feierei auf einem Stoppelfeld.

Aber für die zwei anderen Rechtsanwälte kam es einer mittleren Katastrophe gleich. Das hatte natürlich mit ihrer Biografie zu tun. Der eine, Rechtsanwalt Wedemeier, stammt aus Emstek. Das gehört, wie die meisten von uns sicher wissen, immer noch zum Landkreis Cloppenburg, liegt aber auf dem gefährlich nahen Weg in die Stoppelmarkt-Stadt. Also nur einen Steinwurf vom großen Glück entfernt.

Doch den Vierten im Bunde traf es knüppelhart. Peter Cromme, jahrelang Rechtsanwalt in Cloppenburg, aber mit Immigrationshintergrund. Er war und ist Vechta pur in jeder Pore seines Herzens. Okay Fußgängerzone Cloppenburg, okay Mariä-Geburtsmarkt, okay Museumsdorf mit Addis Dorfkrug: Aber Vechta, mein Gott was ist das alles gegen Vechta, mein Vechta und gegen Stoppelmarkt und gegen Stoppelmarkt-Montag?

"Selten sah man so viel blankes Entsetzen und Verachtung in einem Advokaten-Antlitz. Stoppelmarkt-Montag am späten Nachmittag?"Otto Höffmann

So litt er wie ein waidwundes Tier an diesem Montagvormittag im Oldenburger Landgericht. Den Kollegen ging sein Schmerz auch zu Herzen. Sie versuchten, sein Leiden bestmöglich zu lindern. Der, der am wenigsten Ahnung hatte, regte an, dass der Kollege doch am späten Nachmittag nach der Verhandlung noch genügend „Zeit zum Feiern“ habe. Selten sah man so viel blankes Entsetzen und Verachtung in einem Advokaten-Antlitz. Stoppelmarkt-Montag am späten Nachmittag? Das konnte und wollte der aus Vechta eingewanderte Volljurist dann doch nicht weiter kommentieren. Selten passte ein Fettnäpfchen besser als in diesem Moment.

Ob es nun Justitia war oder die Schutzpatronin des Stoppelmarktes oder welche himmlische Göttin auch immer es war, die ein Einsehen hatte, man weiß es nicht. Was man aber nach langem Warten und polizeilicher Nachforschung gegen 10 Uhr an diesem Montagvormittag im Oldenburger Landgericht wusste, war, dass drei der vier Angeklagten nicht erschienen waren. Die vier Advokaten glaubten von Stund an wirklich an Gerechtigkeit.

Energisch beorderte er seine Kollegen im Anschluss auf die Westerheide

Der Vorsitzende verkündete bedauernd, der Termin müsse leider aufgehoben werden. Das Gericht entließ die vier von der Pflicht zur Verteidigung befreiten Rechtsanwälte und wünschte einen guten Tag. Den hatten sie dann auch. Denn nun schlug Rechtsanwalt Crommes große Stunde. Mit einem energischen „Hic Rhodos, hic salta“ beorderte er sich und seine drei Kollegen direkt und ohne Umweg auf die Westerheide.

Beschlossen und verkündet: Robe aus und Binder ab. Bis zum Abend dauerte dieser Termin, und er hielt, was Peter Cromme als Organ der Rechtspflege und unermüdlicher Kämpfer für den Montags-Umtrunk versprochen hatte. Da waren sich vier Juristen einmal alle einig: Das machen wir jetzt jedes Mal.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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