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Gott kommt

Kolumne: Hauptstadtnotizen

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Eigentlich wollte ich heute eine Kolumne unter dem Titel „Menschen strömen“ veröffentlichen. Es wäre eine Hommage an das Berliner Großstadtleben unter Menschenmassen geworden. Ich hatte in diesem Winter beobachtet, das Berlin nicht nur lebt, sondern auch viel arbeitet. Das war in West-Berlin in den letzten Jahrzehnten der Mauerzeit und der Nachwendezeit nicht der Fall. Da war man – wenn man Geld verdiente – statt auf Maloche zu schuften mehr in geruhsamer Beschäftigung. Und die wurde finanziert von Geldtransfers aus dem Rest Deutschlands. Die Boom-Stadt Berlin 2020 aber stand jeden Morgen auf, schüttelte den Schlaf aus ihren Gliedern, brachte die Kinder zur Schule oder führte den Hund aus und machte sich dann ans Werk. Es war wie überall in Deutschland, nur mit größeren Fahrrad-Geschwadern, in übervollen Bussen, mit mehr Geschiebe in U- und S-Bahn. Berlin, das war Mensch an Mensch. Und ich jeden Morgen mittendrin. Ich fühlte mich behaglich; ich hätte schnurren können wie ein Kater. Und dann kam Gott.

Warum schreibe ich von Gott, wenn ich auf die Corona-Pandemie zu sprechen komme? Ich hole etwas aus. Haben Sie Sydney Pollacks Film „Jenseits von Afrika“ von 1985 mit „Meryl“ Streep und Robert Redford gesehen? Zumindest jeder über 40 wird ihn kennen: „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngong-Berge.“ 1986 bekam er sieben Oscars. Die Geschichte des Films, nur zur Erinnerung? Die Dänin Karen Blixen hat in den 1910er und 1920er Jahren eine Kaffeeplantage im heutigen Kenia. Nach kurzen Zeiten des Glücks häufen sich bei ihr die Liebes- und Lebenskatastrophen. Um am Ende bricht in der Nacht nach Einbringung der Ernte ein Feuer in der Trocknerei der Plantage aus. Karen Blixen schläft, als die Flammen hochschlagen, die die ganze Ernte des Jahres vernichten und die Farmerin ruinieren werden. Ihr somalischer Haushofmeister Farah Aden steht vor dem Bett der Schlafenden und weckt sie mit den Worten: „M'sabu – Gott kommt.“ Manchmal ist das Unglück so groß, dass es nur von Gott sein kann.

„Das macht ja auch keinen Sinn. Wer Berliner sein will, will Mensch in der Masse sein; zwar in Einsamkeit, aber gerne öffentlich.“

Hermann Pölking-Eiken, Autor

Ich kann mir Nordseewellen am menschenleeren Strand vorstellen, weidende Kühe auf einer Alm ohne Haus und Hüter, das einsame Rufen des Kuckucks im Walde; aber Berlin-Mitte, Friedrichshain, Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder Schöneberg ohne Menschenströme – das konnte ich mir bis vor einer Woche nicht vorstellen. Das macht ja auch keinen Sinn. Wer Berliner sein will, will Mensch in der Masse sein; zwar in Einsamkeit, aber gerne öffentlich.

Ich habe diese Woche weder Bus noch S- und U-Bahn genommen. Ich bin zu Fuß zur Arbeit gegangen, 40 Minuten hin, 40 Minuten zurück. Entgegenkommende Fußgänger wechselten die Straßenseite. Oder ich tat es. In den Bürohäusern brannte nicht einmal Licht am Empfangstresen, die kleinen Cafés, in denen Abstand nicht möglich ist, waren ebenso geschlossen wie die 24-Stunden-Bierschwemmen rund um die Potsdamer Straße. Es gab keine Schulschwänzer in Einkaufszentren, weil es nichts zu schwänzen gab und die Shopping Malls den Shutdown haben. An den Turngeräten einiger Kinderspielplätze machten vereinzelt Muskelmänner im Freien ihr morgendliches Workout, denn die Fitnessstudios haben Zwangspause vom Muskelprotz. Das der Devotionalien-Handel „Ave Maria“ in der Lützowstraße in höchster Not auch geschlossen ist, ist bedenklich. Es dramatisiert die Lage unnötig. Allein Friseurläden und Barbershops waren geöffnet. Wie sollen sich sonst auch die Viren verbreiten? (Darf man noch so sarkastisch sein?)

In der Hagelberger Straße sitzt ein Photograph in seinem Laden. Er darf öffnen, denn er ist Handwerker. In der Tür hängt ein Schild und warnt: „Hund in Ausbildung, nicht ansprechen, nicht anschauen, nicht streicheln.“ Wir sind alle in Ausbildung. Wir lernen hoffentlich nicht nur, nicht mehr zu streicheln, sondern auch Demut. Farah Aden sagt es: „Gott kommt!“

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