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Eine Dominikanerin in Vechta

Sie kommt mit dem Rad: Schwester Kerstin-Marie liebt die Bewegung an der frischen Luft. Am Kolleg St. Thomas arbeitet sie in der Schülerseelsorge - und sondiert die Gründung eines Konvents in Vechta.

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Schwester Kerstin-Marie lebt seit einem halben Jahr als Ordensfrau in Vechta. Die Nonne ist schon weit rumgekommen - und das meist auf 2 Rädern. Foto: Ebert

Schwester Kerstin-Marie lebt seit einem halben Jahr als Ordensfrau in Vechta. Die Nonne ist schon weit rumgekommen - und das meist auf 2 Rädern. Foto: Ebert

Aufbrechen, nicht stehenbleiben - wer mit Schwester Kerstin-Marie Berretz OP spricht, bekommt den Eindruck, das könnte eine der Überschriften über dem Leben der 41-Jährigen sein. OP - das steht für ordo praedicatorum, Predigerorden. Schwester Kerstin-Marie ist Dominikanerin. Seit einem halben Jahr lebt die Ordensfrau in Vechta - als Speerspitze ihres Ordens. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, eine mögliche künftige Konventsgründung der Arenberger Dominikanerinnen in Vechta zu sondieren und vorzubereiten.

Seit August lebt Schwester Kerstin-Marie in einer Wohnung auf dem Gelände des Kollegs St. Thomas (KST). Gottesdienste feiert sie mit den Patres des Dominikanerklosters, gegessen und gelebt wird aber getrennt. Dem Füchteler Kirchenpublikum ist sie indessen schon aufgefallen: Wie die Brüder steht auch Kerstin-Marie auf dem rotierenden Predigtplan der Füchteler Klosterkirche.

Eine gute Dosis Anarchie

Das ist durchaus bemerkenswert, denn das katholische Kirchenrecht lässt die Predigt von Laien in der Heiligen Messe eigentlich nicht zu. Laien - das sind alle, die nicht mindestens eine Diakonenweihe empfangen haben. Da aber selbst Ordensfrauen nach geltendem katholischen Verständnis nicht geweiht werden können, dürfen sie eigentlich auch nicht im Gemeindegottesdienst predigen.

Doch Theorie ist das eine, Praxis das andere. Orden, insbesondere "Bettelorden" wie die Dominikaner stehen seit ihrer Gründung für eine Erneuerung der Kirche von unten. Das ist ihnen gewissermaßen in die DNA eingeschrieben. So sagt auch Sr. Kerstin-Marie, dass sich zuerst der Vollzug in der Gemeinschaft der Gläubigen ändere, bevor die Kirche solche Veränderungen auch formal nachvollziehe. Darin zeigt sich: Orden bringen immer auch eine positive Dosis Anarchie in das Leben der von Seiten der Bistümer stark formalisierten Kirche.

Als sie von den Vechtaer Dominikanern gefragt worden sei, ob sie ebenfalls predigen wolle, da habe sie "gerne" zugesagt, erklärt sie jetzt; aufdrängen würde sie sich aber niemals. Dass Predigen ihr am Herzen liegt, das wird alleine mit Blick auf ihre Biographie schnell klar: Schließlich ist sie nicht nur Schwester im Predigerorden; sondern sie betreibt auch noch ein nebenberufliches Studium in dieser Richtung, und zwar an einer amerikanischen Universität der Dominikaner: einen "Doctor of Ministry and Preaching", also einen Abschluss in "Dienst und Predigen".

Die 41-Jährige liebt das Fahrradfahren - auch über weite Distanzen. Mit der Gazelle legt die Ordensschwester allerdings nur kurze Strecken vor Ort zurück. Foto: EbertDie 41-Jährige liebt das Fahrradfahren - auch über weite Distanzen. Mit der Gazelle legt die Ordensschwester allerdings nur kurze Strecken vor Ort zurück. Foto: Ebert

Predigen - das heißt für Sr. Kerstin-Marie nicht nur zu sprechen, sondern vor allem "mit den Leuten ins Gespräch zu kommen" und "zuzuhören", sagt sie. Zugleich treibt sie die Frage um: Welche Form der Verkündigung Gottes gibt es eigentlich jenseits des Gottesdienstes - also auch mit Blick auf jene, die nicht in die Messe kommen? Eine Antwort lautet für Sr. Kerstin-Marie offenbar: Fahrradfahren. Doch dazu später mehr.

Der Dominikanerin jedenfalls ist es wichtig, auch im Alltag als Ordensfrau erkennbar zu sein. Sie will mit dem öffentlichen Auftritt im Habit auch ein "Zeichen gegen die Entfremdung von Kirche und der Gesellschaft" setzen, frei nach dem Motto: Ich bin da.

Die Nonne ist viel herumgekommen

Doch wer ist die Frau am Füchteler Ambo und was hat sie nach Vechta geführt? Geboren wurde Sr. Kerstin-Marie 1979 in Wuppertal, sie wuchs im südlichen Ruhrgebiet in Sprockhövel mit zwei Geschwistern auf. Nach ihrem Abitur studierte sie in Bochum und München katholische Theologie. Ab 2004 wurde sie im Bistum Trier zur Pastoralreferentin ausgebildet. In diesem Beruf arbeitete sie schließlich bis Ende 2008.

Sie selbst sagt, da sei ein Suchen gewesen: danach, sich noch mehr einzulassen auf ein christliches Leben. Sie suchte, lernte Ordensgemeinschaften im Rahmen von "Kloster auf Zeit" kennen - und wurde schließlich fündig bei den Arenberger Dominikanerinnen, die ihr Mutterhaus in Koblenz haben. 2009 trat sie ins Noviziat ein, im Jahr 2015 legte sie die ewige Profess ab, mit der sie sich dauerhaft für das Ordensleben entschied.

Sprockhövel, Bochum, München und die Pfalz waren die bisherigen Lebensstationen gewesen - seit ihrem Ordenseintritt kamen noch Koblenz, das Noviziat in der Schweiz und eine langjährige Station im Oberhausener Konvent der Dominikanerinnen dazu. Und jetzt Vechta.

Mobil sein - das spielt für Sr. Kerstin auch im wörtlichen Sinne eine große Rolle. Wer ihre Einträge auf dem Blog der Dominikanerinnen verfolgt, der sieht: Die 41-Jährige liebt das Fahrradfahren, auch über weite Distanzen. Doch das ist für sie nicht nur willkommener Ausgleich oder Sport, sondern eine essentielle Art, mit Menschen in Kontakt zu kommen - und, sofern diese das wollen, auch über das Leben und den Glauben an Christus ins Gespräch zu kommen. Da passt es, dass sich ihr Abschlussprojekt zu ihrem berufsbegleitenden Studiengang genau damit beschäftigt: Radfahren und Predigen.

Die Schwester lebt ein vielfältiges Leben

Sr. Kerstin-Marie arbeitet unter anderem als Berufungscoach; sie ist unter anderem auch als systemischer Coach zertifiziert. Was sie anbietet, ist dabei nicht ein Karrierecoaching, sondern es geht darum, Menschen dabei zu begleiten, ihre Berufung zu finden: "Was ist mein Lebenstraum? Wie sieht mein persönlicher Lebensweg aus?", diese Fragen stehen im Mittelpunkt. Mit den Einnahmen aus dem Coaching trägt Sr. Kerstin-Marie zum Lebensunterhalt ihrer Gemeinschaft bei - doch Geldfragen sollen nicht verhindern, dass jemand über ein Coaching nachdenkt.

Und nun Vechta: Hier engagiert sich Sr. Kerstin-Marie besonders in der Schulseelsorge. Die Idee dafür kam von den Brüdern, erzählt sie; schließlich gibt es schon seit einigen Jahren auch Schülerinnen am KST. Langfristig werde überlegt, ob noch eine oder mehrere Schwestern zu ihr nach Vechta kommen sollten. Was aus der Vechtaer Speerspitze wird, wird die Zeit zeigen.

Ist sie also auf Erkundungsmission und die Gründung eines Konvents in Vechta erscheint als Möglichkeit am Horizont? "Auf jeden Fall", antwortet die Ordensfrau. Das sei eine bewusste Entscheidung ihres Ordens, der in den vergangenen Jahren viele Konvente aufgrund von Überalterung schließen musste. Gerade da sei es wichtig, jungen Ordensfrauen auch Aufbruch bieten zu können - und die Arbeit mit jungen Menschen.

Schwester Kerstin-Marie ist der Überzeugung, dass die Mitgliedschaft im Dominikanerorden "Möglichkeiten für ein vielfältiges Leben bietet" - Wer mit der lebendig wirkenden Ordensfrau spricht und ihre ansteckende positive Energie erlebt, kriegt eine Ahnung davon, was sie meint.

  • Info: Mehr Informationen zur Arbeit von Sr. Kerstin-Marie Berretz OP gibt es im Internet auf dieser Seite.

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