Drucker arbeiten immer unter Zeitdruck
Am Ostring in Cloppenburg werden die Münsterländische Tageszeitung und die Oldenburgische Volkszeitung produziert. Wer hier arbeitet, macht die Nacht zum (Arbeits-)Tag.
Heinrich Kaiser | 31.05.2024
Am Ostring in Cloppenburg werden die Münsterländische Tageszeitung und die Oldenburgische Volkszeitung produziert. Wer hier arbeitet, macht die Nacht zum (Arbeits-)Tag.
Heinrich Kaiser | 31.05.2024

Wenn's erstmal läuft: Aus 17 Kilometern Zeitungspapier entstehen in weniger als einer Stunde 12.000 MT-Exemplare. Marco Sodenkamp behält alles im Blick. Foto: Kaiser
Es ist kurz nach 20 Uhr. Torsten Irmer, Uwe Dübbelde, Klaus Tegenkamp und Ralf König klettern in engen Schächten im Labyrinth der Uniman 4/2 herum und bereiten die Maschine für den Druck der Münsterländischen Tageszeitung vor. Mit aller Kraft stemmt sich Marcel Garwels gegen eine 960 Kilogramm schwere Rolle, auf der sich 17 Kilometer Zeitungspapier befinden, hievt sie auf einen Schlitten, der in den Boden neben der Druckmaschine eingelassen ist, und schiebt sie seitlich in die Papieraufnahme. Es herrscht reges Treiben im Druckhaus zu einer Zeit, in der die meisten Arbeitnehmer ihren Feierabend genießen. Etwa 1,5 Stunden Vorbereitung braucht es, bevor die fünf Drucker und ein Produktionshelfer von OM-Druck mit ihrer eigentlichen Arbeit beginnen können: der Druck von etwa 12.000 Exemplaren der Münsterländischen Tageszeitung und danach weiterer 15.000 Ausgaben der Oldenburgischen Volkszeitung, der beiden Tageszeitungen der OM-Mediengruppe. Drucker: ein anspruchsvoller und interessanter Job, der aber große Opfer verlangt: „Der Freundeskreis wird kleiner”, sagt Marco Sodenkamp. Der 48-Jährige ist der stellvertretende Leiter des Druckhauses. Um 20 Uhr beginnt die Schicht im OM-Druckhaus am Ostring in Cloppenburg. Feierabend ist um 3 Uhr. „Wenn man dann um 4 Uhr im Bett liegt, ist man zwar am späten Vormittag ausgeschlafen und hat noch den ganzen Tag vor sich. Aber abends mit den Nachbarn grillen geht nicht“, sagt der Druck- und Medientechniker. Mittlerweile ist es 21.30 Uhr. Die Hektik steigt, aber König, Tegenkamp, Irmer, Dübbelde und Garwels müssen auch dann die Nerven behalten, wenn die Zeit wegzurennen droht. Denn sie arbeiten ständig unter Druck. Geht etwas schief und läuft die Rotation auch nur eine halbe Stunde später an, stehen 350 Zusteller von OV und MT in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg auf dem Schlauch. Kein Wunder also, dass im Ostring auch mal Nervosität aufkommen kann, wenn zum Beispiel die letzte Seite aus Emstek auf sich warten lässt. Bei OM-Medien wird das „Computer-to-Plate"-Verfahren (CtP) angewandt: Nachdem die Reporter ihre Geschichten geschrieben und die Redakteure im Newsroom die Seiten im Ganzseitenumbruch gestaltet, mit Text und Bildern gefüllt und fertig redigiert haben, gehen die Dateien an die Kollegen in der Herstellung, früher Druckvorstufe genannt. Sie arbeiten die Anzeigen ein, beseitigen Fehler und Ungenauigkeiten und legen danach die Farbformen an. Für jede Seite werden vier Druckvorlagen gebraucht, und zwar für die Farben Blau, Gelb, Rot und Schwarz. Diese in den einzelnen Farben aufgeteilten Dateien laufen in einem Computer im Druckhaus ein, von wo sie in den CtP-Belichter – eine Art riesiger Fotoapparat mit Entwickler – weitergeleitet werden. Dort werden hauchdünne Metallplatten, die mit einem lichtempfindlichen Material beschichtet sind, belichtet. Es entstehen „Zeitungsseiten“ aus Blech. Sie dienen als indirekte Druckvorlagen: Schrift und Bilder auf den Platten sind aus einem Material, das Fett annimmt. Der Rest, der nicht mitgedruckt wird, nimmt Wasser auf und weist die fetthaltige Druckfarbe ab. Die Druckplatte wird auf eine Walze gespannt, beim Druckvorgang mit der entsprechenden Farbe getränkt und gegen eine Walze gepresst, die wiederum mit einem Gummituch bespannt ist. Das Gummituch, das die Farbe von der Druckplatte annimmt, bedruckt schließlich das Papier. Dieses indirekte Druckverfahren heißt Offset-Druck. Eine Schwierigkeit besteht darin, die vier Farbplatten, aus denen eine Farbseite zusammengesetzt wird und die auf vier aufeinander folgende Walzen aufgespannt werden, so exakt auszurichten, dass ein sauberes Druckbild entsteht. „Ein Zehntel Millimeter Abweichung ist schon sehr viel“, sagt Sodenkamp. Mittlerweile ist auch die letzte MT-Seite eingetroffen. Während Ralf König und Torsten Irmer die Druckplatten in die Walzen einhängen und Farbe in die Behälter unter den Walzen füllen, kämpfen Klaus Tegenkamp und Marcel Garwels mit dem Papier. Je nach Seitenumfang jeweils bis zu zwei Rollen werden für MT und OV gebraucht. Es ist kurz nach 22 Uhr. Das Papier ist drin, alle Platten eingehängt, die Farbkästen gefüllt. Sodenkamp gibt das Signal zum Andruck. Eine laute Hupe ertönt. Der Lärmpegel steigt. Die Papierbahnen schlängeln sich durch die Türme mit den Walzen, auf denen die Druckplatten für die verschiedenen Seiten aufgespannt sind. Zunächst erscheint nur schwarzes Papier. Denn die Platten müssen von den Farbresten vom Vortag gereinigt werden. Dann sind die ersten aktuellen Seiten zu sehen. Aber bevor die Zeitung die Qualität erreicht hat, dass sie rausgehen kann, wandern 800 bis 1000 Zeitungen in den Papierkorb. „Makulatur“ nennen Drucker den Ausschuss, der entsteht, während die Farbdosierung bei vollem Lauf justiert wird. Hastig rennen die Drucker zwischen Maschine und Leitstand hin und her, holen druckfrische Zeitungen vom Förderband. Mit geübtem Blick suchen sie nach winzigen Ungenauigkeiten, prüfen, ob die Farbformen auch exakt übereinanderliegen und ob die Farbgebung stimmt. Während sie die Zeitung durchblättern, justieren sie per Computermaus und Knopfdruck die seitliche Ausrichtung der Walzen und stellen die Farbzufuhr nach, bis das Ergebnis stimmt. Das ist gegen 22.15 Uhr der Fall. Die Druckstraße spuckt Ausgabe um Ausgabe aus. Die bereits fertig gefalzten und gefalteten Zeitungen hängen in einer Förderkette. Jeweils 1450 Zeitungen hängen immer gleichzeitig an der etwa 200 Meter langen Kette, fast wie Wäsche auf der Leine, allerdings nicht um zu trocknen. Sie werden in Windeseile in den Nebenraum befördert, wo sie synchron zur Druckgeschwindigkeit in die Einsteckmaschine transportiert und aufgeklappt werden, damit die Beilagen eingelegt werden können. Weil nicht jeder Ort dieselbe Werbung erhält, können in beliebiger Kombination bis zu fünf Beilagen mit Druckluft in die fertige Zeitung „eingeschossen“ werden. Im Versand kümmert sich derweil ein gutes Dutzend Frauen und Männer darum, dass die Zeitungspakete in der richtigen Stückelung verpackt und etikettiert werden. Was auf dem Postweg durch ganz Deutschland geschickt wird, landet in einer Adressiermaschine. Innerhalb von 30 Minuten feuert sie mit einem elektronisch gelenkten Tintenstrahl bis zu 1000 Adressen heraus. 22.30 Uhr. Es eilt, denn vier Transporter und ein Kleinwagen stehen bereit, um die druckfrische MT über den Landkreis Cloppenburg zu verteilen und zur Post zu bringen. Wenn alle Zeitungen unterwegs sind, ist die OV dran. Dafür müssen die Druckvorlagen ausgetauscht werden, und das ganze Prozedere beginnt von vorn. Gegen 1 Uhr fährt Ralf König die Maschine langsam runter. 15.000 Oldenburgische Volkszeitungen und 12.000 Münsterländische Tageszeitungen sind gedruckt und größtenteils schon auf dem Weg zu ihren Lesern. Für die Drucker bedeutet das allerdings noch längst nicht, dass sie Feierabend haben. Denn nun muss die Maschine gereinigt und für den nächsten Tag vorbereitet werden. Das dauert nochmal eineinhalb Stunden. Erst dann heißt es für sie: gute Nacht!



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