Druck wächst: Depression ist Alltag geworden
Schon Jugendliche stehen unter gewaltigen Erwartungen. Bis zu 190 Whatsapp-Nachrichten am Tag werden zur Last.
Hubert Kreke | 22.04.2020
Schon Jugendliche stehen unter gewaltigen Erwartungen. Bis zu 190 Whatsapp-Nachrichten am Tag werden zur Last.
Hubert Kreke | 22.04.2020

Hereinspaziert: Erziehungswissenschaftlerin Darja Miller (links) und die Leiterin der Kontaktstelle, Rita Otten, öffnen die Tür zum neuen Quartier in der Stadttor-Passage 11. Drinnen ist mehr Raum als bisher für Gespräche, Treffen und die Antragsordner. Foto: Kreke
Wie ständige Erreichbarkeit und enge Vernetzung das Leben einengen, hat Rita Otten in der eigenen Familie beobachtet. Der junge Mann aus ihrer Verwandtschaft zählte abends 190 Whatsapp-Nachrichten auf seinem Smartphone – an einem einzigen Tag eingegangen. „Diesen Wust durchzuarbeiten und vielleicht zu beantworten, dauert mindestens zwei Stunden“, schätzt die Leiterin der Kontaktstelle für Selbsthilfe in Cloppenburg – Zeit, die für echte Gespräche und Begegnungen verlorengeht. Otten (63), die mit einem kleinen Team über 110 Selbsthilfegruppen kreisweit unterstützt, beschränkt das Problem nicht auf Jugendliche. In ihrem neuen Büro in der Passage Altes Stadttor 11 gehen regelmäßig E-Mails ein, denen schon nach 30 oder 45 Minuten ein ungeduldiger Anruf folgt: „Ich habe Ihnen doch eine E-Mail geschickt!“ Die Erwartung, dass der oder die Angeschriebene sofort reagiert, kennen Beamte in Behörden genauso wie Angestellte in der Wirtschaft. „Unser Alltag wird immer stärker getaktet“, meint Otten. Und der soziale Druck, sofort zur Verfügung zu stehen und zu „funktionieren“, wächst mit jedem Smartphone. Psychische Erkrankungen, meist Depressionen durch Überforderung und Erschöpfung, sind inzwischen nach Rückenbeschwerden die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Jeder sechste Berufstätige fällt damit mindestens einmal im Jahr aus. Die Folge: Selbsthilfegruppen zum Thema wachsen im Kreis rasant. Ein gerade erst gegründete Gesprächskreis in Barßel, den Otten begleitet, hat sich erst zweimal getroffen und ist mit 16 Betroffenen schon überfüllt In Cloppenburg oder Löningen sieht es nicht besser aus: „Das wächst weiter“, sagt die 63-jährige Garrelerin, die seit 27 Jahren die Kontaktstelle leitet. Als die studierte Ernährungswissenschaftlerin anfing, damals unter dem Dach der VHS, ging‘s Nachfragenden meist um chronische körperliche Erkrankungen wie Diabetes oder Neurodermitis. Heute suchen vor allem Menschen, die in einer psychischen oder sozialen Notlage feststecken, die Unterstützung Gleichgesinnter. Vor allem Eltern gehen in die Offensive. Wer die Ausgrenzung mit einem behinderten Kind durchbrechen will, wer gegen eine Lernschwäche seines Kindes „anfördert“, der findet inzwischen in einer ganzen Palette von spezialisierten Gruppen einen Austausch auf Augenhöhe. Otten greift inhaltlich nicht ein, sondern organisiert und besorgt Zuschüsse, etwa für Einladungsschreiben, aber auch für Ausflüge: So trauen sich Menschen, die unter einer Sozial-Phobie leiden, gemeinsam in die Großstadt oder bezahlen das Honorar eines kundigen Referenten zu ihrem Problem. Doch die Experten bleiben immer die Betroffenen selbst. „Ich kann mir alles Mögliche anlesen“, sagt Otten, „aber da sitzen die eigentlich kompetenten Menschen. Und die brauchen keine Belehrung, sondern Verständnis.“ Dazu gehört die Einschätzung, was nötig ist als Unterstützung. Bei den Angehörigen von demenzerkrankten Menschen leistet die Kontaktstelle zum Beispiel mehr Organisationshilfe als üblich. Denn: „Die Angehörigen sind meist so ausgepowert, dass sie kaum noch die Kraft haben, selbst etwas auf die Beine zu stellen“, erklärt die Leiterin. Andere Treffen sind fast Selbstläufer – zum Beispiel, das „Stammtisch“ für Menschen mit und ohne Handicap. „Da sitzen manchmal 30 Leute locker zusammen in einer Kneipe“, berichtet die Fachfrau. Eine zweite Gruppe kocht zusammen und macht Ausflüge. Die neueste Runde betreut Darja Miller, die jüngste Mitarbeiterin der Kontaktstelle. „Ungewollt kinderlos“ ist für die jungen Paare, die von einer Familie träumen, eine Belastung. Ratlose Paare wandten sich sogar an die Schwangerschaftsberatung des Vereins Donum Vitae und an die Frauenbeauftragte der Stadt Cloppenburg. Aus den Hinweisen ist eine Neugründung geworden, unterstützt von Darja Miller, die Erziehungswissenschaften studiert hat. Die 23-Jährige soll sich stärker um junge Rat Suchende kümmern. „Da ist sie einfach dichter dran als ich mit meinen 63 Jahren“, sagt Otten, die selbst vier Kinder großgezogen hat. Mit dem Umzug – raus aus dem VHS-Hauptgebäude, hinein in die offene Passage – soll die Kontaktstelle nach der Vorstellung der Chefin noch offener und öffentlicher werden. Hineinschnuppern und Nachfragen wünscht sich das Team, das die Bürokauffrau Elena Wagner unterstützt. Die Öffnungszeiten sollen auf alle Vormittage ausgedehnt werden. Ein erstes Geschenk zum Einzug steht gerahmt auf einem Regal. Aus einer Runde psychisch belasteter Menschen stammt der ironisch-selbstbewusste Spruch: „Bin gerade neben der Spur. Ist schön hier!“
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