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Dinklages Altenwohnhaus ist vom Lagerkoller weit entfernt

Die Corona-Pandemie trifft auch die Dinklager Pflegeeinrichtung der St. Anna Stiftung. Die Heimleitung erzählt, wie sich der Alltag für Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter verändert hat.

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Heimleiterin Martina Uchtmann (links) und Pflegedienstleiterin Annette Meyer-Bothe. Foto: Böckmann

Heimleiterin Martina Uchtmann (links) und Pflegedienstleiterin Annette Meyer-Bothe. Foto: Böckmann

Im Eingang stand ein Spender mit Desinfektionsmittel. Ein Stopp-Zettel machte Besuchern unmissverständlich klar, dass es für sie hier nicht weiter geht. Ein größeres Plakat erklärte, dass der Eingangsbereich jetzt eine Art Besuchertreff ist: Exakt zehn Minuten durfte sich jeder Angehörige mit seinem Vater oder seiner Mutter, seiner Oma oder seinem Opa, seinem Nachbarn oder Freund unterhalten. Und nur nach vorheriger Anmeldung. Das waren die Regeln. 

Wer Verwandte oder Bekannte in den Anfangszeiten der Pandemie im Dinklage Altenwohnheim besuchen wollte, für den war mehrere Wochen allerspätestens in der Schleuse zwischen Ein- und Ausgang, zwischen Flur und Hof, Schluss. Die Krise hatte und hat natürlich auch die Pflegeeinrichtungen der St. Anna Stiftung an der Dechant-Plump-Straße erfasst. Seit ein paar Tagen gibt es für Bewohner und Angehörige aber zumindest diese gute Nachricht: In drei Räumen in der Tagespflege besteht die Möglichkeit, sich für eine halbe Stunde mit Abstand auszutauschen. Immerhin.

Viele Bewohner kommen mit der Isolation gut klar

Die üblichen Abläufe in dem Altenheim und den Senioren-Hausgemeinschaften ein paar Meter weiter - sie sind trotz Corona auf ihre eigene Art und Weise so strukturiert wie vor dem Ausbruch des Sars-CoV-2-Erregers. Doch die Pandemie hat den Alltag natürlich verändert. "Es hat unser Arbeitsleben auf den Kopf gestellt", sagt Heimleiterin Martina Uchtmann.  Das, was für einen Tag im Terminkalender stehe, könne 24 Stunden später schon wieder überholt sein. Die Auswirkungen spüren Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende direkt oder indirekt.

Spaziergänge mit den Liebsten, die eigene Tochter umarmen, sich für eine längere Zeit unterhalten - das ist für die 75 Bewohner im Alter bis zu 99 Jahre im Altenheim und in den Senioren-Hausgemeinschaften zurzeit nicht möglich. Denn sie dürfen die Einrichtungen nicht verlassen. Der direkte Kontakt mit den Angehörigen war deshalb zunächst nur im Besuchertreff, jetzt immerhin in der Tagespflege möglich. Vermehrt werden aber auch Telefonate oder Videochats via Skype gehalten.

Wenn Martina Uchtmann als Heimleiterin und Annette Meyer-Bothe als Pflegedienstleitung über die neue Situation sprechen, dann sind sie trotz aller staatlichen Einschränkungen und Veränderungen überrascht darüber, wie gut die allermeisten der Bewohner die Zwangsisolation verarbeiten. Nur vereinzelt gebe es Senioren, die etwas deprimiert seien. Aber ein Lagerkoller, das erzählen Uchtmann und Meyer-Bothe erfreut, der sei definitiv nicht ausgebrochen.

Kölsch und Klüngel sorgen für gute Laune

Dabei hat sich die tägliche Struktur im Heim durchaus verändert. Frühstück, Mittag, die Kaffeestunde und das Abendbrot sind feste Ankerpunkte im Tagesrhythmus. Doch die meisten Aktivitäten dazwischen, die Gruppenangebote - sie fallen weg. Ein Kurz-Konzert, das die Band Kölsch und Klüngel unlängst gab, haben die Bewohner sehr genossen. Es war eine willkommene Abwechslung. Aber die Ausnahme.

Keine Besucher, keine Freizeitangebote - es herrscht zurzeit eine andere Atmosphäre im Altenwohnheim. Einsam aber fühle sich niemand, heißt es. Der Kontakt unter den Bewohnern habe sich intensiviert. Für einige Senioren, die zuvor viele Verwandte und Bekannte empfangen hatten, sei diese "andere Art der Ruhe" (Uchtmann) vielleicht auch entschleunigend, findet die Heimleiterin. 

Das Coronavirus als unsichtbarer Feind

Dennoch: Als unsichtbarer Feind schwebt bei der tagtäglichen Arbeit die Angst vor dem Coronavirus durch die Einrichtungen. Die Sorge vor dem Sars-CoV-2-Erreger ist groß, sehr groß. Weniger bei den Bewohnern, dafür aber bei Mitarbeitern und Angehörigen, sagt Uchtmann. Die Mitarbeiter achten noch penibler als sonst auf die Hygieneregeln. Ausschließen, dass das Virus in das Heim gelangt, könne man aber nicht. Meyer-Bothe sagt: „Es gibt keine Garantie, dass wir vom Virus verschont bleiben."

Im Dinklager Altenwohnhaus und in den Senioren-Hausgemeinschaften leben rund 75 Senioren. Foto: BöckmannIm Dinklager Altenwohnhaus und in den Senioren-Hausgemeinschaften leben rund 75 Senioren. Foto: Böckmann

Das Worst-Case-Szenario haben Altenwohnhaus und die Senioren-Hausgemeinschaften deshalb in Übungen durchgespielt. Zimmer können isoliert und Schlafräume hergerichtet werden. Es würde einen Zwei-Schicht-Betrieb mit den Mitarbeitern geben, die sich bereit erklärt haben, im Fall der Fälle Covid-19-Patienten zu pflegen. Heimleiterin Uchtmann sagt: "Wir haben unterschiedliche Konzepte entwickelt, damit wir entsprechend reagieren können." Noch sei das zum Glück nur Theorie.

In der Praxis verändert hat sich seit der Coronakrise die vollstationäre Pflege zwar weniger, dafür sind andere Bereiche betroffen. In der Kurzzeitpflege werden nur noch Personen aufgenommen, wenn sie sich direkt in eine zweiwöchige Quarantäne begeben. Die Tagespflege ist bis auf eine Notgruppe geschlossen. Viele Angehörige müssen ihre Eltern oder Verwandte deshalb jetzt zu Hause pflegen und sich neu organisieren. Sie müssen Senioren betreuen, die zum Teil verwirrt und dement sind. „Die Situation ist für einige zu Hause grenzwertig geworden", hat Annette Meyer-Bothe beobachtet. Die Dauerpräsenz mit einem zu pflegenden Angehörigen schlage auf das Gemüt und gehe an die Substanz.

In Zeiten der Pandemie gibt es aber auch Mutmacher. Das soziale Engagement der Dinklager Bevölkerung sei klasse, betont Uchtmann. Es werden Masken genäht oder von Firmen gespendet, Gruppen übergeben Präsente, Kindergärten malen Karten. Diese schönen Gesten kommen bei den Bewohnern super an. Uchtmann sagt: „Die Senioren werden nicht vergessen."

Stolz sind die Heimleiterin und Pflegedienstleiterin Meyer-Bothe auf das Team. Durch die Pandemie wurden Dienstpläne verändert, Abläufe anders geregelt, die Arbeit neu organisiert. "Das war nicht immer leicht umzusetzen", sagt Uchtmann. „Aber wir können uns auf unsere Mitarbeiter verlassen." Dies sorge auch dafür, dass sich die Bewohner gut aufgehoben fühlten. Trotz Corona.

  • Info: Täglich zwischen 14 und 17 Uhr besteht für Bewohner und Angehörige die Möglichkeit, sich für 30 Minuten auszutauschen. Die Besuche müssen vorher angemeldet (Telefon 04443 / 96580) werden. Jeder Besucher hinterlässt seine Kontaktdaten und erhält eine Einweisung in die Hygienemaßnahmen. Während der Besuchszeit steht eine Mitarbeiterin aus dem Pflegeteam als Ansprechpartnerin und Koordinatorin zur Verfügung. "Das Angebot wird sehr gut angenommen", sagt Heimleiterin Martina Uchtmann.

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