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Die schönste Weihnachtszeit "ever" – natürlich mit schlesischer Weißwurst

Gästebuch: Bis vor zwei Generationen kannte wohl kein Mensch in Südoldenburg die spätere Weihnachtsspezialität – über abenteuerliche Umwege fand sie ihren Weg schließlich auch zu uns.

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Die schlesische Weißwurst ist eine eher blasse Wurst. Sie hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Münchner Weißwurst, ist aber länger und dünner. Sie kommt aus Schlesien („Ach was“) und ist ein traditionelles Weihnachtsessen. Durch weihnachtliche Gewürze wie Zimt, Nelken, Piment, Koriander, Ingwer und Kardamom bekommt die schlesische Weißwurst ihre charakteristische Würznote. Sie wird mit Sauerkraut und Kassler und in einer hellen Sauce (Tunke) mit Kartoffeln serviert.

Besonders ist auch die dazu empfohlene Lebkuchensauce. Sie ist ebenfalls eine schlesische Spezialität und basiert auf einer Brühe aus Pastinaken, Sellerie und Möhren, der ein eingeweichter Lebkuchen sowie Mandeln, Rosinen und Malzbier zugegeben werden. Bis vor zwei Generationen kannte wohl kein Mensch in Südoldenburg die schlesische Weißwurst. Wo war schon Schlesien? Brathähnchen, Würstchen mit Kartoffelsalat oder Schnittchen standen hier auf dem Heiligabend-Esszimmertisch.

Das änderte sich erst, als nach dem zweiten großen Angriffskrieg der Deutschen die Schulden bezahlt werden mussten. Dazu gehörte auch, dass Schlesien und Ostpreußen, die sogenannten „früheren deutschen Ostgebiete“, aus der großdeutschen Landkarte herausgeschnitten und die dort lebenden Menschen vertrieben und verjagt wurden. Ihnen blieb nur die Flucht. Die führte sie teils über abenteuerliche Umwege auch nach Südoldenburg. Eine beispiellose Integration folgte. Das war nicht einfach und fiel nicht vom Himmel. Neudeutsch würde man sagen: Ein Clash der Kulturen fand statt.

„Südoldenburger Würstchen mit Kartoffelsaat traten den geordneten Rückzug an, jedenfalls in den Mischfamilien.“Otto Höffmann

Die großstädtischen Breslauer trafen auf Südoldenburger Plattfüße, wie man sich gegenseitig gelegentlich anfrotzelte. Evangelisch auf treukatholisch. Viele heirateten unter einander. Andere wiederum verliebten sich in Plattfüße und blieben ihnen bis zum Tode treu. Konvertieren inclusive. Und wieder andere verguckten sich in den Breslauer Jungen aus der großen Stadt, der so begeisternd von Kinobesuchen schwärmen konnte.

Es waren hauptsächlich die Mütter, die den beschwerlichen Weg mit ihren Kindern auf sich nahmen. Ihre Männer waren im Krieg gefallen oder auf der Flucht abhanden gekommen. Andere waren für ihr Leben gebrochen. Die Jahrhundertfrauen sind mittlerweile im schlesischen oder südoldenburger Himmel und schauen bestimmt gerade erschaudernd auf das heutige Elend im Osten, stolz dagegen auf ihre Nachfahren in Südoldenburg. Hinterlassen haben sie neben ihren fixen schlesisch-südoldenburger Enkelinnen und Enkeln die schlesische Weißwurst zu Weihnachten.

Jahr für Jahr stapelten sich in der Cloppenburg-Emsteker Fleischerei Berndt bergeweise die Weißwurstpakete. Nächtelang hatte die Familie Berndt – ihre ostelbische Herkunft nicht verleugnend – mit zahllosen Helfern und der ganzen Familie fast den gesamten Landkreis versorgt. Südoldenburger Würstchen mit Kartoffelsaat traten den geordneten Rückzug an, jedenfalls in den Mischfamilien. Es war am heutigen Heiligabend auf den Tag genau vor 40 Jahren, als das St.-Josefs-Hospital in Cloppenburg zum ersten Mal eine solche schlesische Weißwurst kennenlernte. Das erste Baby der Familie war pünktlich wie erwartet 4 Tage zuvor geboren worden. Planmäßig sollte es für Mutter und Kind am Heiligabend nach Hause gehen.

Weißwurst, Sauerkraut und Tunke warteten im festlich geschmückten Eigenheim. Doch dann entschied der Doktor: Wegen eines Restrisikos müssten beide über Weihnachten im Hospital verbleiben. Bei aller Liebe, das war dem frischgebackenen Vater zuviel. Die neue soeben geborene südoldenburgisch-schlesische Neubürger-Tochter sollte standesgemäß ihren ersten Heiligabend auf Erden verbringen. So schaffte der Vater in vollendeter Erfüllung seiner Rolle als Ernährer einen Topf mit Weißwürsten, einen mit Tunke, einen mit Sauerkraut und Kassler und einen mit Kartoffeln in die Wöchnerinnenstation und schmuggelte für sich vollkommen selbstlos einen trockenen Grauburgunder on top.

Es war der schönste Heiligabend im fast leeren, aber festlich geschmückten Krankenhaus. Und ein unvergesslicher dazu. Selig schlief das Neugeborene. Aus dem normalen Dezemberkind war ein Christkind geworden. Vor 4 Tagen feierte nun das Baby von damals wieder Geburtstag – gesund und munter. Was Wunder nach Jahrzehnten Weißwurst-Weihnachtszeit. An seinen ersten Heiligabend erinnert sich das Geburtstagskind nicht. Dafür seine Eltern umso mehr, als gemeinsam mit dem ersten Kind die schönste Weihnachtszeit „ever“ mit schlesischer Weißwurst stattfand in einem Krankenhaus mitten in der Stadt Cloppenburg.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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