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Die Polizei, die Justiz und die Helfer von "Hellseherin Anna"

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – Am Dienstag sind drei Männer verurteilt worden. Sie waren die Helfer einer dubiosen Hellseherin. Der Fall ist ideal für einen Blick hinter die Kulissen.

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Fall gelöst, Täter verhaftet und verurteilt. Das ist das Fazit der Strafsache "banden- und gewerbsmäßiger Betrug", über den ich unlängst berichten konnte. Es ist aber auch ein Fall, bei dem man genauer hinsehen sollte, um die Arbeit von Polizei, Justiz, aber auch das Verhalten der Verteidiger/innen und der Angeklagten verstehen zu können. Der Fall taugt für einen Blick hinter die Kulissen.

Die drei Angeklagten waren am 21. Juli 2021 festgenommen worden und befinden sich nach wie vor in der Justizvollzugsanstalt in Vechta. Sie am 25. Januar zu Haftstrafen verurteilt. Die Haftbefehle blieben bestehen und ein Weg in ihre Heimat versperrt.

Zu Beginn der Verhandlung führten die zwei Strafverteidigerinnen und der Verteidiger aus Köln und Osnabrück mit dem anklagenden Staatsanwalt und dem Schöffengericht (Vorsitzender Richter Thomas Heitmann und zwei Schöffinnen) ein Rechtsgespräch. Ziel: Sollten die  Angeklagten sich geständig zeigen, wird die Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt. Gut gedacht, aber nicht gelungen: Gericht und Staatsanwalt blickten durch.

Die Angeklagten gaben nur wenig zu

Die Angeklagten gaben nur das zu, was sie ohnehin nicht bestreiten konnten. Alles über die Hintergründe „wussten“ sie nicht. Ob das stimmte? Ich glaube, sie wussten zwar eine ganze Menge, konnten und wollten diese Menge aber nicht zugeben. Verteidiger müssen sich für ihre Mandanten einsetzen. Aber auch das kann man übertreiben, sodass man es sogar als Zuhörer merkt.

Die drei Angeklagten aus der Ukraine und Weißrussland ließen erzählen, dass sie durch Zufall nach Deutschland gekommen seien, um sich ein Auto zu kaufen oder um Urlaub zu machen. Da habe man sie angesprochen, ob sie nicht 300 Euro verdienen wollten. Sie müssten nur etwas abholen. Was denn? Ein Päckchen. Mehr habe sie nicht zu interessieren.

Nun: Die drei Männer reisten laut Anklage über das Dreiländereck ohne Visum ein. Sie bekamen eine Unterkunft in Düsseldorf gestellt und dazu ein Auto. Sie erhielten Handys, einen E-Roller, einen Notizblock, auf dem später die abgeholte Geldsumme eingetragen wurde. Die Schlüssel der Apartments lagen im Handschuhfach und im Kofferraum befanden sich Kisten mit bunten Steinen. Wobei: Die habe man gar nicht gesehen, hieß es vor Gericht.

"Die Polizei wusste genau, wo sich die Täter aufgehalten hatten, wo das Auto hingefahren und wo getankt wurde."Klaus Esslinger

Nach der Festnahme der Täter räumte die Polizei das Auto richtig auf und legte dem Gericht einen Spurenkatalog vor, zuzüglich Handydaten. Die Polizei wusste genau, wo sich die Täter aufgehalten hatten, wo das Auto hingefahren war und wo getankt wurde. Trotz der Ermittlungsakte, die den Verteidigern/innen vorlag, sollte das Gericht glauben, man wisse das alles nicht. Man habe nur was abholen sollen.

Dann war da noch das Opfer. Die Frau musste sich nach einer 3-stündigen Wartezeit auf dem Flur die Frage einer Verteidigerin gefallen lassen, ob sie nicht zu „gutgläubig“ gewesen sei. Die Frau wurde wochenlang von „Hellseherin Anna“ bis zu 10-mal am Tag per Telefon bearbeitet. Manchmal bestand die Verbindung 30 Minuten, ohne das etwas gesagt wurde.

Das ging los mit gymnastischen Übungen bis hin zu religiösen Aufgaben, das Einpacken von Kerzen, das Verbrennen von Lorbeerblättern. Die Frau wurde bearbeitet, sie durfte nichts erzählen, um ihren Familienmitgliedern nicht zu schaden und um nicht selbst leiden zu müssen.

Das alles gut verpackt in mitfühlender Art und Weise von „Anna“, die das wahrscheinlich seit Jahren gekonnt macht. Sie sucht und telefoniert so lange, bis sie jemanden findet, wie das Opfer aus Damme, das Russisch spricht und dem die Wahrsagerei nicht unbekannt ist. Mir hat die Frau nur leidgetan.


Zur Person: 

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Kontakt zum Autor über: redaktion@om-medien.de

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