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DGB-Vorsitzende: Der Schlachthof ist verseucht

Nach dem Corona-Ausbruch bei der Lohner Hähnchenschlachterei OGS richtet sich der Blick nun auf den Samstag. Harsche Kritik kommt unterdessen von Audra Brinkhus-Saltys.

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Verarbeitung von Geflügel: 66 Menschen sind im Wiesenhof-Hähnchenschlachthof am Coronavirus erkrankt. Foto: dpa / Gentsch

Verarbeitung von Geflügel: 66 Menschen sind im Wiesenhof-Hähnchenschlachthof am Coronavirus erkrankt. Foto: dpa / Gentsch

Gebannt dürften nicht nur die Bürger des Landkreises Vechta auf ihre Kreisstadt schauen. Dort wird das Gesundheitsamt am Samstag, so Kreissprecher Jochen Steinkamp, die Ergebnisse der zweiten Coronavirus-Reihentestung bei den Oldenburger Geflügelspezialitäten (OGS) in Lohne veröffentlichen. Am vergangenen Sonntag hatte das Kreisgesundheitsamt 66 am Coronavirus Infizierte im Hähnchenschlachthof gemeldet.

Werden die neuen Ergebnisse dazu führen, dass die Inzidenzrate, die aktuell bei 34,97 liegt, die Regelgrenze von 50 überspringt? Übersteigt die Zahl der Virus-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen diesen Richtwert, wäre Vechtas Landrat Herbert Winkel (CDU) rechtlich verpflichtet, Einschränkungen des öffentlichen Lebens zu prüfen.

Mit Stand von Dienstag meldet das Gesundheitsamt des Landkreises Vechta eine weitere bestätigte Covid-19-Infektion. Damit sind derzeit insgesamt 66 Personen mit dem Coronavirus infiziert. Aktuell befinden sich insgesamt 229 Menschen im Kreis in Quarantäne.

Winkel rechnet nicht mit "Lockdown" im Kreis Vechta

Mit Bekanntgabe der neuen Zahlen hat Landrat Herbert Winkel (CDU) versucht, den Bürgern im Kreis die Sorgen vor einem möglichen "Lockdown" zu nehmen. Angesichts der hohen Infektionszahlen bei den Oldenburger Geflügelspezialitäten (OGS) und dort anstehender neuer Testungen der Mitarbeiter sei das verständlich. "Es ist jedoch nach jetzigem Stand nicht damit zu rechnen, dass der gesamte Landkreis oder ganze Stadt- und Gemeindegebiete von einem Lockdown betroffen wären", versicherte Winkel.

Die neuen Tests beginnen am Mittwoch und enden am späten Donnerstag. Der Hähnchenschlachthof arbeitet weiter. Dass der Betrieb geöffnet ist, hatte der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten in der Region Oldenburg/Ostfriesland, Matthias Brümmer, als "lasches Handeln" des Landrates eingestuft. Winkel geht davon aus, dass die Ansteckung vor allem im außerbetrieblichen, im privaten Umfeld der infizierten Mitarbeiter erfolgte.

"Es werden aktuell verschiedene Szenarien vorbereitet"Jochen Steinkamp, Sprecher des Landkreises Vechta

Auf Anfrage teilte Steinkamp mit, dass sich der Landkreis in Abstimmung mit dem Land Niedersachsen und den Bürgermeistern auf das Überschreiten der 50er-Marke einrichtet. "Es werden aktuell verschiedene Szenarien vorbereitet." Eventuelle Maßnahmen sollen "möglichst zielgerichtet und örtlich begrenzt erfolgen“. Ob dann auch der Hähnchenschlachthof geschlossen wird, hänge von den Ergebnissen der neuen Tests ab.

Die heimische Bundestagsabgeordnete Silvia Breher (CDU) sieht in der derzeitigen Phase absoluten Vorrang für den Gesundheitsschutz: "Es gilt erst einmal Infektionsquellen zu identifizieren, die Betroffenen und die Kontaktpersonen zu isolieren, aber auch die Öffentlichkeit über den aktuellen Stand und die weiteren Schritte zu informieren." Nur so könnten eine weitere Ausbreitung und "letztlich auch mögliche Beschränkungen des öffentlichen Lebens verhindert werden“. Sie persönlich habe "vollstes Vertrauen" in das Handeln des Landkreises.

Der Vechtaer Landtagsabgeordnete Dr. Stephan Siemer (CDU) sieht die derzeitige Corona-Situation im Kreis "natürlich als dramatisch" an. Mit der Inzidenzzahl von knapp über 40 Infektionen je 100.000 Einwohner "fehlen nur noch wenige Infizierte, bis wir die Grenze von 50 erreichen, bei der dann andere Maßnahmen ergriffen werden müssten". Landrat Winkel (CDU) habe richtig gehandelt, den Schlachthof in Lohne zunächst nicht zu schließen. "Nach meinen Erkenntnissen handelt es sich in Lohne um ein fest umrissenes Ausbruchsgeschehen." Lägen neue Informationen vor, werde auch neu entschieden.

Siemer appelliert an Bürger

Siemer appellierte an alle Bürger im Kreis Vechta, jetzt Verantwortung zu zeigen, sich selbst und andere weiter gegen jegliche Ansteckungsgefahr zu schützen. Insbesondere bei privaten Feiern gelte es nun, sehr vorsichtig zu sein.

Auf das Thema Werkvertragsarbeit angesprochen, dass nun auch im Zuge der Infektionen in Lohne aktuell ist, meinte Siemer, dass sich gezeigt habe, "dass die Fleischbranche die Missstände nicht selbst in den Griff bekommt. Deshalb: Der Anwendungsumfang dieser Verträge muss drastisch eingeschränkt werden“.

Die jetzt bei den OGS in Lohne festgestellten Infektionen seien "ernst zu nehmen und die Einzelfälle konkret zu verfolgen", sagt Günter Nyhuis, Sprecher des MIT-Kreisverbandes Vechta. Dass der Schlachthof weiter geöffnet ist, damit sei er einverstanden. "Die Schließung eines Betriebes ist eine sehr weitgehende Maßnahme und sollte nicht ohne Abklärung der Ursachen vorschnell erfolgen. Strenge Kontrollen, Überwachungen und Selbstdisziplin helfen allen Beteiligten die Situation zu meistern. Das gilt nicht nur für hier und jetzt – wir werden damit sicher noch einige Zeit umgehen müssen".

Die Oldenburger Geflügelspezialitäten arbeiten noch: Der Landkreis Vechta lässt weiterhin Schlachtungen zu. Foto: dpa  AssanimoghaddamDie Oldenburger Geflügelspezialitäten arbeiten noch: Der Landkreis Vechta lässt weiterhin Schlachtungen zu. Foto: dpa / Assanimoghaddam

Das Beschäftigungsinstrument der Werkverträge lehnt Nyhuis nicht grundsätzlich ab, "wohl aber in der jetzt aufgelaufenen Anzahl im Verhältnis zu fest angestellten Mitarbeitern. Hart zu kritisieren ist, dass Betriebe sich oft nicht um das Umfeld ihrer Vertragsmitarbeiter kümmern, sondern dieses den Verleihfirmen ohne Prüfung und Kontrolle überlassen". Hier sei "deutlich mehr Unternehmerverantwortung zu entwickeln".

Der Lengericher Pfarrer Peter Kossen (früher Vechta) hatte immer wieder vor massenhaften Infektionen in der Fleischindustrie und weiteren Branchen gewarnt. "Schritt für Schritt" sei nun aus Befürchtungen "Wirklichkeit geworden – eine Katastrophe mit Ansage", schrieb er am Sonntag in einer Stellungnahme zu den Infektionszahlen bei den OGS.

Die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes im Kreis Vechta, Audra Brinkhus-Saltys, zeigt sich empört, dass die verantwortlichen Stellen angesichts der "hoch dramatischen Situation" in Lohne und im Kreis nicht handeln. "Geht die Wirtschaft hier vor die Gesundheit der Menschen?" Sie beklagt als "unglaublich", dass "der Lohner Bürgermeister nur den Beobachter gibt, und der Landrat den Schlachthof nicht schließen will und sich auf seine Ermessensentscheidung zurückzieht".

In Lohne gebe es mit 66 Infizierten derzeit schon weit mehr als im vor Kurzem sofort geschlossenen Geestland-Putenschlachthof in Wildeshausen. Dass es nachweislich Corona-Fälle in allen Abteilungen der OGS gebe zeige, dass "der Betrieb verseucht ist".

DGB-Kreischefin erhebt Vorwürfe

Tatenlos zuzuschauen, dass sich "das Corona-Geschehen jetzt im gesamten Landkreis ausbreitet", sei unverantwortlich. Eine Schließung des Schlachthofes wäre erforderlich, sagt die Gewerkschafterin, "oder hat die Untätigkeit des Landrates damit zu tun, dass die Schlachterei Tönnies aktuell Schadensersatzklagen gegen den Landkreis Gütersloh prüft, weil dieser wegen der hohen Coronavirus-Infektionszahlen den Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück geschlossen hat? Befürchtet der Landrat ähnliches Vorgehen von den OGS?".

Wenn jetzt die Testungen begännen, müsse strikt darauf geachtet werden, auch "wirklich alle Mitarbeiter zu erreichen", fordert Brinkhus-Saltys. Werkvertragsarbeit muss "unbedingt beseitigt werden", erklärt sie. "Alle Vorteile dieser Verträge liegen beim Arbeitgeber, alle Nachteile bei den Arbeitnehmern."

FDP-Abgeordneter Bertelt zeigt sich besorgt

Der FDP-Kreistagsabgeordnete Heiko Bertelt ist ob der aktuellen Situation sehr besorgt. Er fordert "schnell und umfassend alles zu tun, dass sich die Infektion nicht weiter verbreitet“. Bertelt sieht eine Schließung des Schlachthofes kritisch: "Weil das eine Kette weiterer Reaktionen auslöst, wie zum Beispiel einen extrem hohen Arbeitsanfall in anderen Schlachthöfen, was die dort bestehenden Hygienekonzepte gefährdet. Auch haben die landwirtschaftlichen Erzeuger keine Möglichkeit, die Tiere viel länger in den Ställen zu halten."

Er will, dass "immer und immer wieder Infektions-Tests durchgeführt werden müssen und Kontaktpersonen in Quarantäne geschickt werden". Generell seien in Deutschland "viel zu wenig Tests in Betrieben gemacht worden, wo viele Menschen in geschlossenen Räumen zusammen arbeiten müssen".

Auch zu den Werkverträgen in der Fleischbranche bezieht Bertelt Stellung: "Werkverträge dieser Art sollten verboten werden, aber europaweit und nicht im deutschen Alleingang. Sonst verlagert sich diese Arbeit mit ihren Problemen schnell in Nachbarländer".

"Es kann nicht sein, dass Profitinteressen von Wiesenhof wichtiger sind als Gesundheitsschutz"Christian Meyer, Landtagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen

Auch Bündnis 90/Die Grünen kritisieren den Umgang im Kreis mit dem Ausbruch des Coronavirus. Filiz Polat, Bundestagsabgeordnete aus Bramsche und regional zuständig für den Kreis Vechta, forderte im Fall von Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz Konsequenzen. Christian Meyer, ehemaliger grüner Landwirtschaftsminister, zieht aus dem "Fall Lohne" die Lehre, "dass wir dringend strengere Anforderungen an den Wohnraum für Mitarbeiter der Fleischindustrie brauchen". Bis das Infektionsgeschehen geklärt sei, sollte der Schlachtbetrieb gestoppt werden.

"Es kann nicht sein, dass Profitinteressen von Wiesenhof wichtiger sind als der Gesundheitsschutz." Grünen-Kreissprecherin Annette Hanken ergänzt: "Der Gesundheitsschutz muss an erster Stelle stehen. Wir können uns keine Nachlässigkeiten erlauben." Das sei man Mitarbeitern wie Bürgern schuldig.

AFD-Kreisvorsitzender Holger Teuteberg aus Lohne antwortete auf Anfragen der Redaktion nicht.

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