An Sitzfleisch mangelt es Ralf Finders und seiner Frau Astrid offenbar nicht. Am frühen Morgen macht sich das Paar aus Heinsberg auf den Weg in den Norden. Unterwegs schließen sich die Motorradfreunde mehreren Mitgliedern der "Street Ghosts" aus Mönchengladbach an. Nach fünf Stunden auf der Autobahn, unterbrochen von zwei Pausen, trifft die Gruppe in Vechta ein. Auf dem Stoppelmarkt sind die Rheinländer unter Gleichgesinnten. Hier demonstrieren die Biker gegen mögliche Fahrverbote und weitere Einschränkungen gegen ihre Zunft.
"Wenn man uns das Motorrad nimmt, dann nimmt man uns ein Stück von unserem Leben, ein Stück unserer Freiheit und ein Stück unsere Seele."
Peter Hünecke, Präsident des Motorradclubs Backbone MC Germany
Die Westerheide entpuppte sich am Samstag als Mekka der Biker-Szene. Nach Angaben der Veranstalter nahmen mehr als 7000 Teilnehmer aus ganz Deutschland - die Polizei spricht von 8000 - an der Kundgebung und der anschließenden Ausfahrt teil. Ein erfolgreicher Tag für den gastgebenden Motorradclub Backbone MC Germany, der bereits im vergangenen Jahr eine ähnliche Veranstaltung mit etwa 5000 Teilnehmern auf die Beine gestellt hatte: "Wir sind voll zufrieden. Die Message ist rübergekommen", erklärte Präsident Peter Hünecke beim Blick auf die Menschenmassen.
Der Clubpräsident stellte in seiner Ansprache fest, dass eine Minderheit Stimmung gegen Motorradfahrer mache, und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen, sei es wegen Lärm, Kohlendioxidausstoß, Geschwindigkeit oder Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer. Bei der Stimmungsmache gegen das motorisierte Zweirad könne es in einer freiheitlichen und toleranten Gesellschaft nur heißen: Aufstehen!
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Peter Hünecke, Präsident der Backbone MC und Veranstalter der Demonstration. Foto: Lino Mirgelerdpa
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"Motorradfahren bedeutet Leben. Wenn man uns das Motorrad nimmt, dann nimmt man uns ein Stück von unserem Leben, ein Stück unserer Freiheit und ein Stück unsere Seele", erklärte der Oldenburger und fügte hinzu: "Ich bin Biker. Und ich finde, es ist ein Privileg, jeden anderen auf einem Moped, ganz gleich welche ethnische, politische, religiöse Zugehörigkeit er hat, zu akzeptieren."
Hünecke räumte ein, dass es in jeder Gruppe auch Menschen gebe, welche sich nicht an die Regeln hielten. Seine Mitstreiter würden auch die Sorge von Anrainern verstehen, seien aber letztlich der Überzeugung, dass einseitige Fahrverbote sowie Streckensperrungen weder dem Gleichheitsgrundsatz entsprechen würden, noch verhältnismäßig wären, insbesondere weil es speziell für Motorradlärm keine validen Erkenntnisse gebe.
Wirtschaftsfaktor Motorrad: Deutschlandweit 5 Millionen Biker
Lars Petersen von "Born to be wild MC Bremen" pflichtete seinem Vorredner mit Blick auf die vom Bundesrat im Mai vergangenen Jahres geforderten, bisher aber nicht durchgesetzten Einschränkungen bei: "Es darf nicht sein, eine ganz Gruppe mit einem Verbot zu belegen." Mitstreiter Dirk Fähnrich von "Freedom is our Religion" aus Berlin machte unmissverständlich klar: "Freiheit ist nicht verhandelbar."
Motorradhändler Klaus Börjes wies in seinem Grußwort auf die wirtschaftliche Bedeutung der Branche hin. Es gebe es fünf Millionen Motorradfahrer in Deutschland. "Wir müssen auf der Straße zeigen, dass wir eine breite Masse sind", so der Redner aus Augustfehn. Er riet allen Mitstreitern, Kontakt zu Politikern aller Fraktionen zu suchen und sie zu fragen, wie sie zum Thema stehen. Bei der Wahl im September werde entschieden, wer die Interessen der Biker vertrete.
Polizei eskortiert Teilnehmer bei der Rundreise
Nach den eindringlichen Worten lautete die Ansage der Veranstalter: "Aufsitzen, Motoren an!" Die Biker schwangen sich auf ihre Maschinen, um bei hochsommerlichen Temperaturen zu einer fast 60 Kilometer langen Rundreise aufzubrechen. Dabei wurden sie von mehreren Beamten der Verfügungseinheit und Polizeikrädern eskortiert. Laut Pressemitteilung kam es unterwegs vereinzelnd zu Verzögerungen von bis zu 30 Minuten für unbeteiligte Verkehrsteilnehmer.
Die Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta hatte Kollegen aus benachbarten Landkreisen zur Überwachung der Demonstration hinzugezogen. Sie verlebten einen ruhigen Nachmittag. Es sei eine "absolut friedlich verlaufende Veranstaltung" gewesen. Auffällig war jedoch die Missachtung der behördlichen Corona-Auflagen. Die Veranstalter gaben sich bei der Einweisung der Kräder alle Mühe und sparten dabei auch nicht an Personal. Doch trotz mehrfachen Appells hielten sich viele Gäste nicht an die Abstands- und Maskenregelung.
Weitere Demonstrationen in ganz Deutschland
Der Konvoi führte zunächst Richtung Ahlhorn, dann weiter über Wildeshausen nach Goldenstedt, wo viele Schaulustige an der Ortsdurchfahrt standen. Beim Aufbiegen auf die Vechtaer Straße konnten die Biker einen kurzen Blick auf das Vereinsheim von Backbone MC Germany werfen. Die Motorradfreunde haben seit Oktober 2020 ihren Sitz in der ehemaligen Diskothek Pendel, die Räume wegen der Pandemie aber bisher kaum nutzen können.
Anfang September soll es einen "Tag der offenen Tür" geben. Bis dahin wollen die europaweit vernetzten Biker aus dem Raum Vechta noch einige Touren unternehmen. In den nächsten Wochen stehen weitere Demonstrationen in ganz Deutschland auf dem Programm. In Oldenburg, Köln und Berlin wollen Hünecke und Co. auf jeden Fall am Start sein. An Sitzfleisch dürfte es auch ihnen nicht mangeln. "Wir fahren tauende Kilometer. Da steckt viel Herzblut drin."
Fakten
- Konkret richtet sich die Biker-Demo gegen Vorschläge des Bundesrats zur Vermeidung von Lärm. Es hatte schon vergangenes Jahr Proteste dagegen gegeben.
- Der Bundesrat setzt sich dem Beschluss zufolge etwa dafür ein, dass Lärmpegel neuer Maschinen pauschal auf 80 Dezibel begrenzt sind.
- Strafen für technische Manipulationen sollen verschärft sowie Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen leichter ermöglicht werden.
- Grundsätzlich sollten die Fahrverbote aber lokal begrenzt sein, um Anwohner von Straßen vor Lärm zu schützen, die von Bikern gerne für Ausfahrten genutzt werden.