Das Wichtigste in der Zeitung
Notizen vom Nachbarn: Mit dem Tod leben – vielleicht war das früher selbstverständlicher. Wobei: Es gibt Zeichen für mehr Lebendigkeit im Umgang mit dem Verlust.
Antonius Schröer | 23.07.2020
Notizen vom Nachbarn: Mit dem Tod leben – vielleicht war das früher selbstverständlicher. Wobei: Es gibt Zeichen für mehr Lebendigkeit im Umgang mit dem Verlust.
Antonius Schröer | 23.07.2020

Ein Frühstück ohne morgendliche Zeitung, ohne das feste Ritual, welche Seiten man zuerst liest, können Sie sich das vorstellen? Der Blick in einen leeren Briefkasten, wenn jemand die OV gemopst hat, der Sprint zum Bäcker durch die City für den Notkauf, auch bei Regen, denn ohne Zeitung schmeckt der Kaffee irgendwie nicht. Und mittags trage ich die Vechtaer Zeitung mit zu Oma und Opa nach Emstek. Und wehe, ich habe sie vergessen. Pünktlich um 12.30 Uhr bekomme ich dann im Tausch die MT – sauber zusammengelegt. Letzte Woche hatte ich unverschämterweise eine Seite der OV unterschlagen und Oma murrte energisch „Das geht nicht. Auf der Rückseite steht das Wichtigste.“ Ich weiß, das Wichtigste für Oma und Opa sind die Todesanzeigen. „Dei Inschlöge kummp immer näher“, den Spruch von Opa beim Lesen der Trauermeldungen kenne ich schon seit zehn Jahren. „Aower ick will 100 wern“, prustet er hinterher, das werden für uns noch elf spannende Jahre. "Der Tod und die Trauer gehörten für uns dazu ..." Zugegeben, ich studiere am Morgen die Seiten der Trauer auch ziemlich intensiv, längst vor dem politischen Allerweltsteil. Als ehemaliger Messdiener war uns das Ableben nie ganz fremd. Früher, als die Särge bei den Beerdigungen noch offen in der Leichenhalle standen und wir dem Verstorbenen ins Gesicht blickten und daneben den Weihrauch schwenkten. Heutige Psychologen würden so eine Nähe zum Tod für junge Messdiener wahrscheinlich kaum noch erlauben, es hat uns aber nicht geschadet. Der Tod und die Trauer gehörten für uns dazu, genauso wie das Kleingeld fürs Eis danach. Totenbildchen haben wir damals zig gesehen bei den Beerdigungen und immer blickte uns ein graues Passbild im aufklappbaren Kärtchen an und wir ahnten, wie der Verstorbene im Leben ausgesehen hat. Viel vom Leben verriet uns das Bildchen leider nicht. Und auch den Trauerseiten in der Zeitung fehlte über Jahrzehnte oft jede sichtbare Persönlichkeit, graue und schwarze Kränze mit Ranken und Namen, das war meistens alles. Irgendein großes Genie muss in Südoldenburg als Erster den Mut gehabt haben, ein farbiges Foto vom Verstorbenen in die Traueranzeige zu bringen. Was für eine geniale Idee. Das Bild aus dem Leben, mit blauem Himmel, mit einem Lächeln, kein langweiliges Passfoto – die Traueranzeigen sind so wunderbar lebendig geworden. "Jeden Morgen werden die Trauerseiten in der Zeitung bunter und ich habe manchmal den Eindruck, sie leben noch oben im Himmel." Ich freue mich wirklich, wenn ich weiß, wie der Verstorbene aussah, wie er lachen konnte, wie er entspannt auf dem Fahrrad saß oder seinen Lieblingstrecker steuerte. Jeden Morgen werden die Trauerseiten in der Zeitung bunter und ich habe manchmal den Eindruck, sie leben noch oben im Himmel. Und wenn dann im Text neben den lebendigen Bildern und unter dem Namen noch der Spitzname steht, unter dem jeder den Verstorbenen kannte, dann sind die Seiten wirklich die wichtigsten am Morgen. Nicht nur für Oma. Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser im Oldenburger Münsterland. Er verkörpert das Vechtaer Original „Straßenfeger“ im Karneval.
Zur Person:
Danke, OM für 10.000 Digital-Abos! Lesen Sie jetzt OM-Plus ein Jahr lang für nur 8,99€ / Monat und sparen Sie so bis zu 40%. Hier geht es zum Angebot.