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Bohren ist das neue Prickeln

Im Emsteker St.-Maria-Goretti-Kindergarten gibt es eine Werkstatt, die das Herz so mancher Hobbyheimwerker schneller schlagen lässt. Tischbohrmaschine und Dekupiersäge gehören zur Grundausstattung.

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Keine Scheu: Wie selbstverständlich geht die sechsjährige Mia mit der Heißklebepistole um und baut eine Wippe. Foto: Thomas Vorwerk

Keine Scheu: Wie selbstverständlich geht die sechsjährige Mia mit der Heißklebepistole um und baut eine Wippe. Foto: Thomas Vorwerk

Diese Ausrüstung lässt das Heimwerkerherz höherschlagen: Eine Standbohrmaschine steht links im Werkraum und rechts findet sich die Dekupiersäge. Eine Kapp- und Gehrungssäge darf ebenfalls nicht fehlen – ein Akkuschrauber als Grundausstattung ist kaum der Erwähnung wert und die Musik dudelt selbstverständlich aus dem blauen Baustellenradio. Doch weder Meister noch Gesellen toben sich hier aus, es sind Nachwuchshandwerker von höchstens sechs Jahren.

Fürs Mittagessen wurde eine andere Lösung gefunden

„Das Endergebnis ist gar nicht so wichtig, aber das Machen schon“, sagt Thomas Bahlmann. Die pädagogische Fachkraft des Emsteker St.-Maria-Goretti-Kindergartens gehört zu der Gruppe, die die vergangenen Wochen genutzt hat, zwei Gruppencontainer zur Werkstatt umzufunktionieren. Bislang wurde der Raum für das Mittagessen genutzt, aber immer nur für 30 Minunten am Tag – verschenkter Platz, war man der Meinung. Für die Mahlzeit hat man sich eine andere Lösung einfallen lassen und die gewonnene Fläche mit Regalen und Werkbänken hergerichtet. Dank der Unterstützung des Fördervereins sowie einem Metall verarbeitenden Betrieb aus dem Ort ist man für so gut wie alle Aufgaben gerüstet.

Prickeln, das war vor Jahrzehnten noch das kreative Maß der Dinge, wenn man aus Tonpapier Formen ausgestochen hat. Heute greifen die Mädchen und Jungen zu schwereren Geschützen. „Bohren ist das neue Prickeln“, scherzt Thomas Bahlmann. Und in der Tat haben auch schon Kinder das Holz perforiert, wie einst ihre Eltern eben jenes Tonpapier.

Alles wird verwendet: Aus alten Milchkartons werden Magazine für Bastelmaterial. Foto: Thomas VorwerkAlles wird verwendet: Aus alten Milchkartons werden Magazine für Bastelmaterial. Foto: Thomas Vorwerk

Und dafür wird Platz benötigt. „Wir haben unsere Beobachtungen und Erfahrungen zusammengetragen und sind zu dem eindeutigen Schluss gekommen, einen Raumtausch vorzunehmen. So schaffen wir größere, vielfältigere Arbeitsbereiche und neue ,Selbstbildungsmöglichkeiten‘ für die Kinder“, berichtet Bahlmann. „Bau dich schlau“, kann man es zusammenfassen und dieses Motto ziert auch eine der Wände. Dabei gilt immer: Sicherheit geht vor. Ohne Arbeitshandschuhe geht niemand ans Werk. Sind keine Handschuhe vorhanden, heißt dies, dass schon die maximale Anzahl der Kinder am Schaffen ist. Dann entstehen eine Engelsfigur, ganze Autos oder eine Wippe. „Kinder konstruieren, für sich oder in Gemeinschaft, um sich ein Bild zu machen, um die Welt zu verstehen“, erklärt Kindergartenleiterin Astrid Raffel den Ansatz. So entstand unter anderem auch ein Corona-Toilettenbürsten-System. Über die Wirksamkeit gibt es allerdings noch keine gesicherten Erkenntnisse.

Für den Anstrich geht es ins benachbarte „Atelier“

Zurück zur Sicherheit: „Die Geräte sind so konstruiert, dass sie maximalen Schutz bieten. Nur die Kappsäge wird ausschließlich von den Mitarbeitern bedient“, versichert Thomas Bahlmann. Wenn die Konstruktionen komplett sind, fehlt es zumeist noch am passenden Anstrich. Dafür geht es ins „Atelier“ gleich nebenan.

An Baumaterialien mangelt es übrigens nicht. „Bevor hier im Kindergarten etwas weggeworfen wird, fragen die Kollegen immer erst, ob wir es noch in der Werkstatt gebrauchen können.“ Das beginnt bei den Milchkartons, die als Magazine für Kleinteile genutzt werden, geht über Metalldeckel von Marmeladengläsern, die sich hervorragend als Autoreifen eignen, bis hin zu Schraubverschlüssen aus Kunststoff, die dem Rennfahrer aus Korken den passenden Helm bieten.

Örtliche Firmen unterstützen gerne

Die Intention, das handwerkliche Interesse der Kinder zu wecken und weiterzuentwickeln, liege ebenso im Interesse der Familien, wie auch der handwerklichen Betriebe vor Ort, so Astrid Raffel. „Dass man den Kindern das Handwerk näherbringen möchte, ist eine wertvolle Tätigkeit für die Zukunft aller Firmen in diesem Bereich. Wir möchten das Projekt deshalb auch weiterhin unterstützen“, sagt Simon Schönwald von der Firma Heuer und Vaske.

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