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Anja Kramer hofft auf bessere Zeiten: Lockdown schränkt Bücherei sehr ein

Seit November ist die Bücherei in Damme wegen des Corona bedingten Lockdown wieder geschlossen. Immerhin: Eine Ausleihe von Medien ist weiter möglich. Allerdings geht das nur noch kontaktlos.

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Eingeschränkter Lesealltag: Anja Kramer und ihre Mitarbeiterinnen haben den Büchereibetrieb eingeschränkt. Die Ausleihe von Medien ist nur noch kontaktlos möglich.  Foto: Lammert

Eingeschränkter Lesealltag: Anja Kramer und ihre Mitarbeiterinnen haben den Büchereibetrieb eingeschränkt. Die Ausleihe von Medien ist nur noch kontaktlos möglich.  Foto: Lammert

Seit Wochen ist die Dammer Öffentliche Bücherei St. Viktor an der Gartenstraße in Damme wie alle anderen Büchereien auch geschlossen. Geschuldet ist das dem Corona-Lockdown. Wann Anja Kramer, die Leiterin der Einrichtung wieder öffnen kann, weiß derzeit niemand. Es besteht die Möglichkeit, trotz der Schließung Bücher und andere Medien auszuleihen. Davon machen die Bürger auch Gebrauch.

Erlebt das Lesen von Büchern eine Corona-bedingte Renaissance?
Seit November arbeiten wir leider nur mit einer kontaktlosen Ausleihe. Die Buchbranche erlebt zurzeit einen Aufwind. Jedoch sind die Verkaufszahlen nicht mit den Ausleihzahlen vergleichbar, denn nicht jedes gekaufte Buch wird auch gelesen.

Aber die Ausleihe findet auch unter anderen Vorzeichen als vor dem Lockdown statt?
Die Ausleihe unter den jetzigen Voraussetzungen entspricht in der Tat nicht dem gewohnten Büchereiaufenthalt, bei dem sich zum Beispiel Eltern mit ihren Kindern Medien aussuchen können, oder wir als Mitarbeiter den Besuchern im Gespräch den passenden Roman oder Krimi empfehlen. Die Nutzung der virtuellen Ausleihe www.lies-e.de hat seit dem Frühjahr zugenommen. Laut einer Sonderanalyse zur Frankfurter Buchmesse 2020 greifen 21 Prozent der Menschen häufiger zum Buch als vor Corona; allerdings auch 8 Prozent seltener, sodass sich ein saldierter Zuwachs von 13 Prozent ergibt.

Was ist mehr nachgefragt, gedruckte oder elektronische Medien?
Ein Drittel der Leser nutzt nur gedruckte Medien, 40 Prozent sind Multiformat-Nutzer (Print oder Online), 5 Prozent der Leser nutzen ausschließlich E-Medien. Auch wenn diese Zahlen zunächst nicht in den Bibliotheken aufgrund der Schließung relevant sind, so bieten sie auch Rückschlüsse für die Öffentlichen Bibliotheken.

Und wie ist es in Damme?
In Kleinstadtbibliotheken wie der unseren in Damme werden jedoch hauptsächlich Printmedien entliehen, da hier der Schwerpunkt auf junge Familien gelegt wird. Übrigens: Wohn- und Kochzeitscheitschriften sowie Hobbyratgeber sind zurzeit sehr beliebt, während Reiseführer im Regal stehen.

Die Bücherei ist seit Wochen geschlossen. Wie wirkt sich das auf das Ausleihen von Medien aus?
Die Ausleihe der Medien kann leider nur kontaktlos erfolgen. Der Bürger kann telefonisch oder per E-Mail Medien vorbestellen oder sich mit einem Wunschpaket überraschen lassen. Der Aufenthalt in der Bücherei mit der Familie zum eigenständigen Aussuchen und Verweilen in der Bücherei fällt aber eben leider weg. Der telefonische Kontakt, besonders mit unseren älteren Stammlesern, kann das nicht ersetzen.

Viele Vereinsvorsitzende befürchten, ihre Vereine könnten Mitglieder verlieren, weil seit fast einem Jahr die meisten Aktivitäten nicht stattfinden konnten. Befürchten Sie Ähnliches für die Zahl der Menschen, die sich in der Bücherei Medien ausleihen?
Nein. Sicherlich wird es in den ersten Wochen nach der Öffnung wieder zu sehr verhaltenen Besuchen kommen, da sich der Alltag zunächst normalisieren muss. Im Mai 2020, nach der Öffnung nach dem ersten Lockdown, war es bei uns auch besonders ruhig. Jedoch waren wir mit den Ausleihzahlen im September und Oktober wieder gut zufrieden.

Dazu dürfte das Hygienekonzept beigetragen haben?
Das Hygienekonzept mit der Zwischenlagerung oder Desinfektion der Medien bis zur nächsten Ausleihe ist zwar sehr umständlich, aber die Nutzer hatten somit tatsächlich eine gute Absicherung, wenn sie Medien ausliehen. Ob die Empfehlung Sinn gemacht hat, ist nicht bewiesen, jedoch haben wir uns daran gehalten.

Sie arbeiten ja wie die anderen beiden Büchereien im Stadtgebiet auch eng mit Schulen und Kindergärten zusammen. Lässt sich bei der Kooperation mühelos an die Vor-Corona-Zeit anschließen?
Die Zusammenarbeit mit den Erzieherinnen der Kindertagesstätte St. Viktor läuft aufgrund der räumlichen Nähe auch während des Lockdowns. Der Besuch von Kleingruppen wird nach dem Lockdown wieder beidseitig angestrebt. Die Gruppen besuchen die Bücherei außerhalb der Öffnungszeiten und sind in einem Raum, in dem es ruhiger als in der Kindestagesstätte ist.

Was erwarten Sie hinsichtlich der Kooperation mit Schulklassen?
Wie es mit den Schulklassen laufen wird, bleibt abzuwarten. Hier wird es sonst in der bestehenden Leseförderung Lücken geben, wo zum Beispiel ein Jahrgang die Bücherei nicht besuchen wird.

Welche 3 Bücher empfehlen Sie als bestens geeignete Lektüre während des zweiten Lockdowns?
Der Geschmack der Leser ist sehr unterschiedlich, sodass ich spontan Bücher aus unterschiedlichen Bereichen wähle. Das neue Buch von John Streckley mit dem Titel "Was ich gelernt habe: Erkenntnisse für ein glückliches Leben" ist ein kleines feines Buch mit wenig Seiten und viel Inhalt. Hier geht es um Lebensfragen, die zum Nachdenken anregen und auf eine leicht verständliche Weise zum Nachdenken beantwortet werden.

Und das zweite Buch?
Eine weitere Empfehlung ist die Biografie „Wie alles kam“ des Kinderbuchautors Paul Maar, der vielen Lesern als Autor der Sams-Bücher bekannt ist. Die sehr bewegenden schonungslosen Erinnerungen an seine Kindheit erklären, warum jemand sich daraufhin mit sehr humorvollen Kinderbüchern befasst.

Und Titel Nummer drei?
Wer keine Angst vor einem historischen Roman mit 716 Seiten hat, dem kann ich das neue Buch von Luca di Fulvio "Es war einmal in Italien" empfehlen. Es handelt zur Zeit der Regierungsbildung 1870 in Rom und verwebt die Geschichte drei unterschiedlicher Menschen. Der Leser erfährt nebenbei einiges über historische Stätten in der Stadt. Alle drei Bücher befinden sich selbstverständlich im Bestand der Bücherei.

Zur Person

  • Anja Kramer (55) leitet die Öffentliche Bücherei St. Viktor Damme hauptberuflich als Diplom-Bibliothekarin seit 1992.
  • Die Bücherei verfügt über 17.214 Medien in ihrem Bestand.
  • Die Zahl der Ausleihungen beläuft sich auf rund 51 .000 im Jahr.

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