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Am Fenster flieg ich durch die Welt

Kolumne: Hauptstadtnotizen

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Kennen Sie „Am Fenster“, das Lied der Gruppe „City“? City, das ist die Band aus der damaligen DDR, bei deren Liedern immer die Teufelsgeige von Georgi Gogow durchdringt. Und dann ist da die etwas rauchige Stimme von Toni Krahl. Kennen Sie bestimmt! „Am Fenster“ zählt zu den größten Hits der DDR-Rockgeschichte, 1977 auf Platte im Osten und schon im gleichen Jahr im Westen erschienen. Ich habe im damaligen West-Berlin das Lied, von dem es seit 1978 eine 17 Minuten und 40 Sekunden lange Version auf Langspielplatte gibt, jeden Tag mindestens einmal im Jugendradio „DT64“ des DDR-Rundfunks gehört.

Das war der einzige Grund, den Sender einzuschalten. Denn die „Puhdys“ mochte ich nie. „Karat“ war auch nie so meins. Die Hörer von „Radio Fritz“, einem Sender des Rundfunk Berlin-Brandenburg, haben „Am Fenster“ erst kürzlich mit viel Lokalnostalgie zum „populärster Popsong des 20. Jahrhunderts“ gewählt, die Hörer vom Berliner Großstadtsender „Radio Eins“ zum besten „Ost-Song“.

„Am Fenster“ ist ein richtiges Dezemberlied. Es passt zu tief hängenden Wolken, die die wenigen lichten Momente des Tages zusätzlich verdunkeln. Es passt zum Rabenkrächzen in der Abenddämmerung und zu schlechten Nachrichten im Morgenradio. Das Lied hat eine tiefe Melancholie. „Am Fenster“ ist Deutschrock. Der Text ist allerdings ein Gedicht. Geschrieben hat es im Jahr 1970 die damals schon 52-jährige, in Breslau geborene und in Leipzig lebende Schriftstellerin Hildegard Maria Rauchfuß. Ihr Gedicht hat drei Strophen. Ich mag zwei Doppelzeilen besonders: „Nicht die Stirne mehr am Fenster kühlen/ Dran ein Nebel schwer vorüber strich“ ist die eine, die andere lautet „Klagt ein Vogel, acht auf mein Gefieder /Nässt der Regen, flieg ich durch die Welt“.

„Der Atem beschlug das Glas, durch das die kleine Welt des Draußen nur noch milchig schimmerte“

Herman Pölking-Eiken

„Die Stirne am Fenster kühlen“ – das kannte ich. Ich bin in Vechta am Bremer Tor aufgewachsen, zehn Jahre, von 1954 bis 1964. Da war die Autobahn A1 noch nicht bis in Ruhrgebiet verlängert. Durch das „Bremer Tor“ fuhr bei Tage und fast die ganze Nacht das deutsche Wirtschaftswunder, Autotransporter von „Egerland“, Lastzüge von „Louis Neukirch/Bremen“ und Tankzüge mit Speiseöl von „Hoyer“. Vom Pferd gezogen wurde der Wagen des Milchmanns, auch der Bahnspediteur, der das in Holzwolle eingepackte Geschirr zu Gerhards brachte, hatte Pferde vorgespannt und die Bierkutsche der Haake-Beck-Niederlage ebenfalls. Freitags hatte „Reserve Ruh‘“ und die von der Bundeswehr entlassenen Wehrpflichtigen zogen mehrmals im Gänsemarsch von Gaststätte zu Gaststätte über Große Straße und Bremer Tor und sangen „Kein Heller, kein Pfennig, Arrest noch dazu. /Da kann man wohl sagen: Reserve hat Ruh.“ Unsere Küche ging zum Bremer Tor hinaus. Hinten hinaus hatten wir seit 1960 im Wohnzimmer schon einen Fernseher. Aber vorne war für mich träumend am Fenster Nahsehen. Und das hieß, die „Stirne am Fenster kühlen“. Der Atem beschlug das Glas, durch das die kleine Welt des Draußen nur noch milchig schimmerte.

1974 flog ich aus nach West-Berlin. Die Straße, in der ich seitdem die meiste Zeit gelebt habe, ist mindestens 30 Meter breit. Ich wohne mit hohen Zimmern im dritten Stock, 22 Meter über dem Trottoir. Über die Dächer kann ich schauen, in die Straßenschlucht darunter nicht. Da dringt nur der Lärm des ununterbrochenen Auto- und Busverkehrs nach oben. Auch in den Wohnungen gegenüber ist nicht viel zu erkennen, zumal die meisten nach hinten raus die längste Zeit des Tages verbringen. So machte „Nahsehen“ und die Stirn am Fenster kühlen keinen Sinn. Jetzt bin ich wegen Sanierungsarbeiten von meinem Vermieter für einige Wochen in eine Wohnung im großzügigen Hofkomplex umgesetzt worden. Da kann ich mit meinem Bewohner gegenüber, keine zehn Meter entfernt, gemeinsam seinem TV-Programm folgen, der Nachbarin im Stockwerk darunter in den Topf gucken und dem Kleinvolk aus dem Kinderladen beim Ausrücken zum Spielplatz zuschauen. Unter den Kleinen sind einige Guck-in-die-Luft. Die schauen zu mir hoch, wenn ich meine Stirn am Fenster kühle und den Nebel an das Glas hauche. Und vom vielen Verkehr am Bremer Tor träume.

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