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Altstädte können als Vorbild dienen

Menschen leben lieber in Altstädten als neuen Wohnquartieren, weil sie Gesellschaft suchen. Experten versuchen, sich den Hintergründen dafür zu nähern.

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Offene Plätze plus Rückzugsmöglichkeiten: Die Sevelter Architektin Suse Bertzbach plädiert dafür, sich an Ästhetik, geschlossener Bauweise und Durchmischung von Altstädten ein Vorbild zu nehmen.  Foto: Kaiser

Offene Plätze plus Rückzugsmöglichkeiten: Die Sevelter Architektin Suse Bertzbach plädiert dafür, sich an Ästhetik, geschlossener Bauweise und Durchmischung von Altstädten ein Vorbild zu nehmen.  Foto: Kaiser

Auf dem Land lebt es sich glücklicher, sagt der Volksmund. Das ist sicherlich von Person zu Person unterschiedlich. Das Landleben verlangt viel vom Menschen in Bezug auf die Infrastruktur. In Städten sieht es infrastrukturell besser aus, denn sie sind generell funktionaler gestaltet. Genau hier kann aber ein Pro­blem liegen. Das beschreibt der sogenannte Glasgow-Effekt – benannt nach der schottischen Metropole, in der die durchschnittliche Lebenserwartung bei 53 Jahren und somit deutlich unter dem EU-Durchschnitt liegt. Die Menschen dort sind auch ärmer und kränker als anderswo auf der Insel. Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen, einer davon soll die Stadtplanung sein.

„Die Gesellschaft hat sich verändert. Das sehe ich eher als Grund für Einsamkeit – nicht die Architektur“, meint Daniel Fuhrhop. Der ehemalige Architektur-Verleger forscht seit einem Jahr an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg zur optimierten Wohnraumnutzung. Es gibt kaum noch Großfamilien und viel mehr Singlehaushalte. Um der Einsamkeit entgegenzuwirken, müssten Häuser und Wohnviertel umfunktionert werden.

Auch Architekten und Stadtplaner leben lieber in Altstädten

„Wie viel Stadtplanung und Architektur mit Einsamkeit und geringerer Lebenserwartung zu tun hat, kann ich nicht sagen. Aber der Hype um den Glasgow-Effekt hat zumindest bewirkt, dass dazu geforscht wird“, sagt die Sevelter Architektin Suse Bertzbach. Dass sich Menschen in unglücklich geplanten Städten unwohler fühlen, könne aber gut sein. Ihr ist aufgefallen, dass Menschen sich in Altstädten generell woh­ler fühlten. Auch Architekten und Stadtplaner lebten lieber in Altstädten. „In den letzten 100 Jahren ist in Deutschland kein schönes Neubauquartier entstanden“, findet Bertzbach.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich viele Stadtplaner beim Wiederaufbau ausgetobt. „Sie hatten gute Visionen. Aber es hat nicht funktioniert. Früher sind 50 Prozent der Baukosten in ästhetische Elemente geflossen. Die moderne Architektur favorisiert das Reduzierte.“

Daniel Fuhrhop    Foto: Luise FuhrhopDaniel Fuhrhop    Foto: Luise Fuhrhop

Das sei auch ein Problem der Cloppenburger Innenstadt. Die Stadt habe durch Sanierungen und Vernachlässigung der Altbausubstanz in den 1970er Jahren ihren Charme verloren. „Als ich hier hergezogen bin, habe ich aber regelrecht aufgeatmet über die Infrastruktur der Stadt.“

Ein großes Problem in der Gestaltung von Großstädten sieht sie darin, dass die verschiedenen Beteiligten wenig zusammenarbeiten. „Jeder sieht nur seine eigene Disziplin. Der Architekt sieht die Eventarchitektur und der Verkehrsplaner fragt sich: ‚Wie kriege ich den Verkehr dazu?‘ Das war früher anders.“ Weil Stadtplanung um die Jahrhundertwende aus einer Hand kam, war sie konsequenter in einem Stil gehalten. „Von der Architekturgeschichte können wir viel lernen. Eigentlich sollte das zur Allgemeinbildung gehören, damit nicht so viele gebaute Gemeinheiten entstehen.“

„In den letzten 100 Jahren ist in Deutschland kein schönes Neubauquartier entstanden.“

Suse Bertzbach, Architektin

Bertzbach plädiert dafür, sich an Ästhetik, geschlossener Bauweise und Durchmischung von Altstädten ein Vorbild zu nehmen. Neue Viertel müssen sowohl offene Plätze als auch Rückzugsmöglichkeiten bieten. „Jeder kennt das Gefühl: Ich komme durch eine enge Gasse und da ist dann ein schöner, offener Marktplatz.“ Durchmischung bedeute aber auch, Wohnen mit ruhigem Gewerbe zu vermischen.

Der Oldenburger Wohnforscher Fuhrhop sieht das ähnlich: „In Altstädten wohnt niemand in Erdgeschossen. Da sind Cafés, Werkstätten und Büros.“ ­Dadurch, dass die Erdgeschosse offen sind und Menschen in ihnen arbeiten, werden die Straßen belebter. „Man fühlt sich wohler, als wenn man an geschlossenen Fronten vorbeigeht.“

Er plädiert sogar dafür, überhaupt nicht neu zu bauen. Es gebe genug leer stehende Häuser und Wohnungen. „Außerdem ist Neubau klimaschädlich. Bauen erfordert sehr viel Energie. Mehr als Heizungsenergie im Altbau in 50 Jahren“, meint Fuhrhop.

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