Vor dieser Doppel- und Dreifachbelastung würden etliche Männer wahrscheinlich das Handtuch werfen: Barbara Voet Cornelli (56) hat 3 Kinder erzogen, zwei Studiengänge mit Prädikat absolviert, "nebenbei" ein Fachbuch geschrieben und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Vollzeit an der Goethe-Universität in Frankfurt. Das vorläufige Ergebnis aller Anstrengungen: Die gebürtige Cloppenburgerin hat gerade ihre Dissertation im Fachbereich Neuere Philologien verteidigt. Die Note der angehenden Doktorin: Magna cum laude, mit großem Lob.
"Man braucht schon einen eisernen Willen und eine Familie, die mitzieht."
Barbara Voet Cornelli
Gestresst wirkt Voet Cornelli trotz alledem nicht. Im Gegenteil. Auf die Frage, ob sie einen Abschluss ohne Auszeichnung oder Bestnoten vorweisen kann, lacht die Wahl-Frankfurterin. "Man braucht schon einen eisernen Willen", sagt die Germanistin und Erziehungswissenschaftlerin, "und eine Familie, die mitzieht". Die Beharrlichkeit, um ihre Ziele zu erreichen, hat Voet aus Südoldenburg mitgebracht in die Main-Metropole.
"Mitgift" aus der alten Heimat: Beharrlichkeit
Ihre Disziplin und die "gewisse Starrköpfigkeit", auf sich zu vertrauen, ohne "jedem modischen Trend" zu folgen, hält die Tochter des Lehrers und Politikers Günther Voet für "ein gutes Geschenk" ihrer alten Heimat. Die mentale "Mitgift" wirkte gleich nach dem Abitur 1984 an der Liebfrauenschule. Voet setzte ihren Kopf durch und trat eine Schneiderlehre an, was nicht ganz die Erwartungen ihres Vaters traf. "Ich wollte mal ausbrechen, etwas Neues, Kreatives probieren", sagt sie heute.
Die Freude, dazuzulernen und ein Fachgebiet ganz zu erfassen, strahlt die Forscherin und Autorin im Gespräch aus: Voet Cornelli erzählt lebhaft und anschaulich, oft amüsiert über die Wendungen, die sie eingeschlagen hat – als ob Leistung keine Mühe, sondern ein Vergnügen ist, das aus der Neugierde an einem Thema entsteht. Mit dieser Haltung nahm sie die erste Sprosse der Karriereleiter. Voet Cornellis Diplomarbeit zur Ingenieurin für Textil- und Bekleidungstechnik wurde 1992 in Frankfurt mit dem Förderpreis der Wilhelm-Lorch-Stiftung ausgezeichnet. Als Bekleidungsgestalterin arbeitete sie jahrelang in dem Beruf. Bis sie zu Hause in ihrer jungen Familie auf eine lebenslange Berufung stieß.
Ihre Kinder wachsen zweisprachig auf
Denn Voet Cornelli und ihr italienischer Ehemann haben ihre 3 Kinder zweisprachig erzogen. „Das hat mich fasziniert“, sagt die 56-Jährige: "Es war wunderbar anzusehen, wie gut das klappt." Er sprach mit den Kindern Italienisch, sie Deutsch. Doch 2 neue Fragen gingen ihr immer wieder durch den Kopf: Wie lernen Kinder 2 Sprachen gleichzeitig? Und warum klappt das in einigen Fällen nicht so reibungslos? Mit 38 Jahren tagte der Familienrat: "Mama will noch mal studieren." Diesmal Germanistik und Erziehungswissenschaften bis zum Magister, beides mit den Schwerpunkten "Mehrsprachigkeit" und "Frühkindlicher Spracherwerb". Die Familie zog mit.
Voet Cornelli sammelte erste praktische Erfahrungen als Sprachförderkraft in einer Frankfurter Kita. In wissenschaftlichen Projekten hat die Germanistin mit erforscht, was Kindern den Übergang zwischen Kita und Grundschule erleichtert, wenn Deutsch ihre Zweitsprache ist. Zwischendurch wurde sie zum dritten Mal Mutter. 7 Jahre hat die späte Studentin an ihrer Dissertation gearbeitet. Für ihre Arbeit "Die Qualität der Sprachentwicklungsdiagnostik bei mehrsprachigen Kindern – Pädiatrische Früherkennungsuntersuchungen auf dem Prüfstand" hat die Cloppenburgerin 36 Kinderärzte befragt und beobachtet.
Denn die Ärzte spielen eine Schlüsselrolle bei der Beurteilung , ob bei einem mehrsprachigen Kind eine Sprachentwicklungsstörung vorliegt oder es lediglich Sprachförderung benötigt. Das ist entscheidend, weil nur Kinderärzte eine sprachtherapeutische Behandlung verordnen dürfen, betont die Wissenschaftlerin.
Ihr Buch gibt Erziehern und Lehrern Tipps
Ihren Fokus richtet Voet Cornelli jedoch vor allem auf die Unterstützung und Fortbildung von Erzieher*innen und Grundschulehrer‘*innen. Für sie hat die Autorin mit Kolleginnen gerade das Buch "Vom Sprachprofi zum Sprachförderprofi" im Beltz-Verlag veröffentlicht. Fördermaterial gibt‘s im Download passend dazu. Eine ihrer Erkenntnisse: Förderlehrer und Erzieher sollten die Sprache nicht aus falsch verstandener Rücksicht vereinfachen, sondern in voller Breite anbieten.
"Kinder erwerben Sprache sehr selbstgesteuert. Die suchen sich aus dem Sprachangebot das heraus, was sie brauchen. Da darf man ihnen auch etwas zutrauen."
Barbara Voet Cornelli
"Kinder erwerben Sprache sehr selbstgesteuert. Die suchen sich aus dem Sprachangebot das heraus, was sie brauchen", sagt Voet Cornelli: "Da darf man den Kindern auch etwas zutrauen. Man sollte ihnen zum Beispiel die Nebensätze nicht vorenthalten, wenn sie gerade erst anfangen, Hauptsätze zu bilden". Klar ist: "Natürlich muss man genau schauen, wo sie stehen, und sie durch Interaktion gezielt zum Sprechen anregen."
Inzwischen ist die Cloppenburgerin an einem Ziel angelangt, das sie anfangs gemieden hat: im Lehramt, allerdings nicht an der Schule, sondern in der universitären Ausbildung und Fortbildung der hessischen Deutschlehrer*innen. Ihr Vater hat den Umschwung noch mitbekommen vor seinem Tod. "Er fand‘s spannend", sagt die Tochter – sie auch: "Die alte Prägung hat sich doch irgendwie durchgesetzt." Voet Cornelli ist mehr als zufrieden, dass sich der Kreis geschlossen hat: "Ich hab‘ das Gefühl, ich bin da angekommen, wo ich hin will. Und es macht mir unglaublich viel Spaß."
Cloppenburger können ihre Dissertation nach der Veröffentlichung noch in diesem Jahr online lesen. Sobald der Text einsehbar ist, darf Voet Cornelli den Titel Dr. phil. führen.