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18 Prozent

Kolumne: Gästebuch – Nur wenige verlassen die Schule am Ende mit dem Abi-Zeugnis in der Hand. Doch woher kommt das? Eine Suche nach der Ursache.

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Mitte der 60er Jahre fand der Generationswechsel statt. Es kamen die jungen Lehrerinnen und Lehrer und sogar eine Schulleiterin. Eine „new generation“ trat an, um nichts schlechter zu machen, aber dafür vieles besser. Doch wo blieben die Schülerinnen und Schüler? Zwar stieg ihre Zahl kontinuierlich an: Aber eine Erfolgsgeschichte war das nicht.

Denn von den Schülerinnen und Schülern, die am ersten Tag ihrer gymnasialen Zeit den Unterricht antreten, verbleiben lediglich 18 Prozent, die am Ende mit dem Abi-Zeugnis in der Hand die Schule wieder verlassen. 18 Prozent, das sind fast genau die Hälfte des bundesdeutschen Durchschnitts von 35 Prozent. Andere Gymnasien, wie beispielsweise in Braunschweig, haben eine Quote von 48 Prozent.

Zufrieden kann man mit solchen Ergebnissen nicht sein. Das ist auch Frau Direktorin nicht. Aber bei der Suche nach den Ursachen ist sie zuallererst auf die gesellschaftlichen Strukturen unseres Landkreises gestoßen, dann auf das Verhalten der Eltern und natürlich auf die Schülerinnen und Schüler. Auf die Lehrerinnen und Lehrer eigentlich nicht.

Die magere Quote von 18 Prozent war bundesweit aufgefallen, und so reisten Journalisten aus Hamburg an, um Frau Anette Ovelgönne-Jansen zu interviewen. Die Schulleiterin beschreibt uns Kreiscloppenburger als ein wenig rückständig. Wenig weltoffen, als Menschen, die den Wert der Bildung nicht zu würdigen wissen, sondern eher „monetär“ (so wörtlich) denken. Sie, die Schulleiterin, habe immer wieder den Schülerinnen und Schülern erklärt, sie sollten doch mehr reisen und die Welt erobern. Sie selbst habe in jungen Jahren Afrika kennengelernt und sogar Indien. Das war noch Bildung. Und was machen ihre Schülerinnen und Schüler? Sie machen Abifahrten nach Bulgarien oder Lloret de Mar, „weil's da billig ist und man viel trinken kann“. Vielen sei der eigentliche Wert des Reisens nicht bewusst, sagt sie, „auch nicht der Wert der Bildung“.

"Man stelle sich vor, für viele Schüler sei es das erste Mal, dass sie Berge sehen, Berge mit Schnee sogar."Otto Höffmann

Auch die Klassenfahrten passen nach Einschätzung von Frau Direktorin Ovelgönne-Jansen in dieses Bild. Borkum oder Norderney wünschen die Jüngsten, da wollen sie unbedingt hin. Die Eltern fragen nie: Warum nicht mal woanders hin? Die achten Klassen fahren dann Ski auf der Klassenfahrt. Und das sei doch immer wieder ein bewegendes Erlebnis, erinnert sich die Schulleiterin. Man stelle sich vor, für viele Schüler sei es das erste Mal, dass sie Berge sehen, Berge mit Schnee sogar.

Und bei den Mädchen sei es häufig so, dass die Familiengründung einen viel größeren Stellenwert habe als Bildung. Die Schulleiterin meint, ein Kind aus dem Cloppenburger Umland müsse das Abitur schon sehr wollen, um die ganzen Strapazen auf sich zu nehmen. Das hänge auch mit der Entfernung zusammen. Von weit her müssten die Schüler anreisen, aus entlegenen Bauerschaften, wohnend in Häusern an Straßen, die keinen Namen tragen. Dann doch lieber Oberschule? An der Zahl der Aussiedler kann es nicht liegen. Die Pädagogin wörtlich: „Wir haben noch nicht so viele Kinder aus dem Milieu.“

Nach Einschätzung der Schulleiterin sei ein Wesensmerkmal von uns die starke Bindung an die Familie, die Freunde, an die „Scholle“. Die Mädchen würden angeblich die Kinder nicht in die Krippe geben wollen, mit der Begründung, „dafür kriege ich kein Kind“. Andere Schulleitungen bundesweit bekommen von den Eltern fünf bis zehn E-Mails die Woche. Das Clemens-August-Gymnasium bekommt fünf bis zehn Eltern-E-Mails in einem Schuljahr. Ja, sagt die Pädagogin, wir sind hier eben mindestens 15 Jahre zurück.

Zum Ende des Interviews mit Schulleiterin Anette Ovelgönne-Jansen widerspricht sie nicht der Journalisten-Feststellung, dass die 18 Prozent vom CAG den Elternwillen widerspiegeln. Auf Deutsch: Die Eltern haben Schuld. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen. Und auf die Frage, welche Zahl anstelle der 18 Prozent die Schulleiterin sich in 10 Jahren wünsche, erklärt sie, „vielleicht 25 Prozent?“ Bei diesen Zahlen würde anderswo der Notstand ausgerufen werden.

Wenn die Bildungstoleranz der Eltern, wenn das angeblich „Monetäre“ die Bildungsbiografie der Kinder widerspiegelt, spiegelt es nicht auch das Denken und die Einschätzung und die Beurteilung des Umfelds durch die Damen und Herren der Lehrerschaft wider? Wer möchte denn in einer so beschreibenden Rückständigkeit leben, aufwachsen und gebildet werden? Den Muff der 50er Jahre meinten wir doch eigentlich hinter uns gelassen zu haben. Und Respekt und Hochachtung und Stolz auf ihre Schule würde sich anders anhören.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Sie erreichen den Autor per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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