Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Virtuelle Reise in die Zukunft und in neue Welten

Die "Bühnentalente" legen in Lohne eine perfekte Premiere ihres "Virtuellen Musicals" hin. Weitere Aufführungstermine gibt es bis zum 23. Dezember.

Artikel teilen:
Der "Kopf hinter dem Projekt": Vincent Kaufmann freute sich über die perfekte Premiere des „Virtuellen Musicals“.  Foto: Röttgers

Der "Kopf hinter dem Projekt": Vincent Kaufmann freute sich über die perfekte Premiere des „Virtuellen Musicals“.  Foto: Röttgers

Wer am Samstagabend bei der Premiere des "Virtuellen Musicals" der "Bühnentalente" auf der neu eingerichteten Kleinkunstbühne "Chaméleon" an der Bahnhofstraße in Lohne dabei sein durfte, erlebte nicht nur eine perfekte Vorstellung, sondern ist Zeuge von Zukunft geworden: Dank neuester Kameratechnik konnten die Zuschauer, die eine sogenannte "VR-Brille" und Kopfhörer aufgesetzt bekamen, in eine atemberaubende virtuelle Welt eintauchen. "Virtuelle Realität" gehört zur sogenannten Immersion und meint das "Eintauchen in eine virtuelle Umgebung".

Dieses "Eintauchen" vollzogen die Premierengäste dadurch, dass ihre Augen vollkommen von der realen Welt abgeschottet waren. Das heißt, der Betrachter sah nur noch das stereoskopische Bild der Linsen in der VR-Brille, sodass den Augen wie in der Realität räumliches Sehen mit Tiefenwahrnehmung ermöglicht wurde. "Zum anderen übertragen die 'VR-Brillen' alle Ihre Kopfbewegungen, also Kippen, Schwenken, Neigen, nahezu latenzfrei in die virtuelle Welt, sodass Sie keinen Unterschied zu Bewegungen in der realen Welt bemerken", erklärte der "Kopf hinter dem Projekt", Vincent Kaufmann, gegenüber OM Online.

Aula des Gymnasiums Lohne war der Ausgangspunkt, in "Eine neue Welt" einzutauchen

Kaufmann studierte Theater- und Veranstaltungstechnik und schrieb bereits seine Bachelorarbeit über den Einsatz von virtuellen Realitäten im Theater und wurde damit in das deutschlandweite Forschungsprojekt "Im/Materiel Theatre Spaces" der digital.DTHG (Deutsche Theatertechnische Gesellschaft) aufgenommen. Seit Sommer 2021 arbeitet er als Fachberater für Digitalisierung im Bundesprogramm "Neustart Kultur" und vermittelt sein Wissen über immersive Technologien am Theater. Neben der Idee und Produktionsleitung für das "Virtuelle Musical" ist er der erste Vorsitzende des Vereins "Bühnentalente".

"Mit dem 'Virtuellen Musical' möchte ich die neuen, teils experimentellen Vermittlungsformen von Kultur und die spannende Verknüpfung von Kunst und Technik in meine Heimat bringen, damit diese Art von Veranstaltungen nicht nur in großen Städten, sondern auch im Landkreis Vechta angeboten werden kann", sagte Kaufmann zum völligen Neuland in der Theaterlandschaft. Seine Begeisterung für die Bühne habe er bereits zur Schulzeit am Gymnasium Lohne entdeckt. Die Aula des Gymnasiums Lohne war auch der Ausgangspunkt in "Eine neue Welt" des Projekts. Hier präsentierten die Schauspieler und Sänger Luisa Fangmann, Mailin Krone, Stefan Middendorf, Max Möhlmann, Johanna Schmoll, Carolin Schewe-Middendorf und Johannes Vallo Auszüge aus dem Musical "Lieder für eine neue Welt".

Die Musical-Darsteller: Carolin Schewe-Middendorf (vorne, von links), Luise Fangmann, Stefan Middendorf (hinten, von links), Mailin Krone, Johanna Schmoll und Johannes Vallo.   Foto: RöttgersDie Musical-Darsteller: Carolin Schewe-Middendorf (vorne, von links), Luise Fangmann, Stefan Middendorf (hinten, von links), Mailin Krone, Johanna Schmoll und Johannes Vallo.   Foto: Röttgers

Diese neue Welt erlebte der Zuschauer in einem gemütlichen und nach allen Seiten drehbaren Stuhl, erhielt schnell das Gefühl, in die Drehorte mit abzutauchen und erlebte so ein Musical aus einer gänzlich neuen Perspektive. "Für die Filmaufnahmen haben wir eine professionelle 360-Grad-Kamera verwendet, die unsere Bilder stereoskopisch, also dreidimensional, aufnimmt", erklärte Video- und Fotograf Jannis Krone von der Technikcrew. Diese Kamera sei mit acht einzelnen "Fisheye-Linsen" ausgestattet, die jeweils mit einer Auflösung von 4K filmen. "In einem aufwändigen Prozess, das Stitching, haben wir die Bilder zusammengefasst, sodass wir ein 360-Grad-Video erhalten, das eine sehr hohe Auflösung von 10K aufweist", so Krone weiter.

Eine Minute des 360-Grad-Films „verschlingt“ allein in der Rohfassung rund 50 GB Speicherplatz. Aus diesem Grunde war bei der Premiere auch ein Highend-Render-PC mit sage und schreibe zwölf Terabyte im Einsatz. "Für das räumliche Klangerlebnis haben wir zuvor die Sänger und Musiker im Tonstudio aufgenommen", informierte Johanna Schmoll, die für die Musikproduktion verantwortlich zeichnete. Das fertige "VR-Video" präsentierten die "Bühnentalente" schließlich mit 8K Auflösung. "Damit gehört es zu den wenigen VR-Erlebnissen mit einer sehr hohen Auflösung in ganz Deutschland", freute sich Kaufmann bei der gelungenen Premiere.

Kirche St. Josef in Lohne war zweite Station des Musicals

Die Idee zu diesem Musical-Erlebnis der besonderen Art entstand im Frühjahr 2020. "Da befanden wir uns auch alle plötzlich in einer neuen Welt", erinnerte Kaufmann an den Beginn der Pandemie und den damit verbundenen Lockdown, was auch Theatermenschen vor eine völlig neue Situation gebracht habe. "Was für Profis eine existenzielle Bedrohung bedeutete, war für uns Amateure mindestens mental eine harte Zumutung, die wir jedoch als kreative Herausforderung verstanden haben", erklärte Kaufmann die Ursprünge seines Projekts. "Hier entstand die Idee des Virtuellen Musicals. Wann, wenn nicht jetzt wäre es reizvoll, für Inszenierungen und Shows die faszinierenden Möglichkeiten der Immersion zu nutzen?", fragte sich Kaufmann und ging vor eineinhalb Jahren mit seinem 24-köpfigen Team ans Werk. "Wir setzen eine Brille auf und tauchen ein in eine andere, neue Welt", blickte der Vorsitzende auf die Anfänge zurück.

"Das Virtuelle Musical ist eine Bereicherung, eine weitere Möglichkeit, eine spektakuläre neue Facette handgemachter Kultur."Vincent Kaufmann

Die Verlegenheit, Zuschauer nicht wie gewohnt in der Masse bedienen zu können, treffe hier auf die "Begeisterung für eine neue, atemberaubende Technologie", die es Einzelnen erlaube, sich "mitten hinein in ein Geschehen zu begeben", das überall stattfinden könne. Das unvergleichliche Ereignis einer Live-Vorstellung vor ausverkauften Sitzreihen könne und solle das natürlich nicht ersetzen. "Das Virtuelle Musical ist eine Bereicherung, eine weitere Möglichkeit, eine spektakuläre neue Facette handgemachter Kultur", betonte Kaufmann. Denn die Realität, die der Betrachter wahrnähme, sei zwar im Ergebnis ein digitales Format, aber vor allem "das Produkt kreativer Handwerkskunst" – im Tonstudio, vor der Kamera oder am Computer hätten echte Menschen echte Arbeit geleistet.

"Wir hoffen, dass der Zuschauer euphorisch in die virtuelle Realität eintaucht", wünschte Kaufmann gute Unterhaltung auf dieser "Reise in eine neue Welt". Die Kirche St. Josef in Lohne war zweite Station des Musicals. Hier war die Botschaft „Nichts kann Dir geschehen“ aus dem Musical „Sweeney Todd“. Ein Premierenbesucher bemerkte dazu: "Ich dachte, ich falle gleich vom Orgelboden" – so intensiv erlebte der Gast das Geschehene. "Frei und schwerelos" ging es ebenfalls zum Dammer Bergsee und auf den Aussichtsturm am Mordkuhlenberg, wo Schauspielerin Carolin Schewe-Middendorf in schwindelerregenden 147 Metern Höhe nach eigenen Angaben keinerlei "Höhenangst" verspürte, sondern bei Sonnenuntergang einen "sehr angenehmen Drehtag" erlebte.

Die Zukunft hatte am Samstagabend Einzug in Lohne genommen: Gäste bei der Premiere des Virtuellen Musicals“ der 2Bühnentalente. Fotos: Röttgers
Fotos: Röttgers
Enorme Technik in Terabytes: Vincent Kaufmann (von links), Kjell Jaeger und Jannis Krone passten auf, dass alles funktionierte.
Fotos: Röttgers
Vincent Kaufmann (vorne links) mit Johanna Schmoll und Stefan Middendorf sowie das ganze Team von Bühnentalente feierten eine gelungene Premiere.
Fotos: Röttgers

Schaurig und gruselig wurde es zur "Mitternachtsstunde", der vierten Station im Musical, das auf eine verlassene Hofstelle in Bünne bei Dinklage zusammen mit den Klängen von "Ab in den Wald" des Liedermachers Stephen Sondheim entführte. Mittendrin als Gast und Geburtstagskind erlebte der Besucher das "Restaurant Melchers 1715" in Vechta. Täuschend echt saß der Zuschauer plötzlich mit am Tisch in einer Feierrunde. Den krönenden Abschluss der rund 35 Minuten dauernden virtuellen Reise bildete dann wieder die Aula des Gymnasiums Lohne, wo sich alle sechs Schauspieler noch einmal ein Stelldichein zu Rainhard Fendrichs "I am from Austria" gaben.

Das Musical unter der Regie von Stefan Middendorf und der musikalischen Leitung von Alexander Eik wird mit einer kleinen Pause angeboten. Das Musical-Erlebnis sei übrigens auch für Brillenträger geeignet. Jede Aufführung wird der Gast als sehr exklusiv erleben dürfen, da es insgesamt nur zwölf Sitzplätze pro Vorstellung gibt, was auch aufgrund der aktuellen Situation der Pandemie vom Konzept her überzeugt. "Wir stehen erst am Anfang. Technisch wird da noch ganz viel in Zukunft möglich sein", gab sich Kaufmann bescheiden.


Die weiteren Aufführungstermine:

  • Termine im November: 25. November, 19 Uhr; 26. November, 16, 18, 20 und 21.30 Uhr; 27. November, 14, 16, 18 und 20 Uhr – die Veranstaltungen um 18 und um 20 Uhr sind jeweils Galaveranstaltungen mit Sekt und kleinem Buffet.
  • Termine im Dezember: 4. Dezember, 16, 18 und 20 Uhr; 10. Dezember, 18 und 20 Uhr; 16. Dezember, 18 und 20 Uhr; 23. Dezember, 18 und 20 Uhr

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Virtuelle Reise in die Zukunft und in neue Welten - OM online