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Sugar Baby Love

Kolumne: Das ganz normale Leben – Ein alter Song von The Rubettes weckt bei unserem Autor alte Erinnerungen. Besonders eine Stelle im Lied beeindruckt ihn bis heute.

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In Zeiten des pandemischen Elends, des Lockdowns und bizarrer US-Präsidentenwahlen höre ich auf dem biedermeierlichen Rückzug ins Private zuweilen ganz gern NDR eins, Asche auf mein greises Haupt. Unlängst plärrte der Sender bei strahlender Herbstsonne den alten Rubettes-Hit „Sugar Baby Love“ und beschwor damit herrliche Erinnerungen an den November 1975 hinauf.

Damals war fast schon Winter, der Thomasmarkt gerade 12 Tage vorbei, ich trug peinliche Strickstrumpfhosen und räkelte mich auf dem Sofa mit Flohmarkt-Beutestücken der Luxusklasse. Schräg gegenüber von Radio Zuske verkaufte seinerzeit eine finster dreinschauende Lederjacke mit Sonnenbrille abgegrabbelte Singleplatten aus den Jukeboxes regionaler Kneipen und Diskotheken. Die kosteten im Fachgeschäft nagelneu immerhin 6 Mark, er bot die Ware für lächerliche 99 Pfennig das Stück feil und glänzte mit verführerischen Staffelangeboten: Für 5 Mark bekamen Jäger und Sammler ungeheuerliche 6 Singles aus seinen Kartons, in denen gefühlt 2.000 Platten vor sich hin mufften.

"Ich spielte die Single 10 Mal am Tag, wenn auch eigentlich immer nur das Intro."Christian Bitter

Ich blätterte rund dreieinhalb Stunden und ergatterte 6 dolle Dinger: Middle of the Road war dabei („Sacramento“), Manfred Mann, drei Les-Humphries-Scheiben und eben die Rubettes mit „Sugar Baby Love“, einem nichtswürdigen Hit der Bubblegum-Pop-Ära, der damals erst ein Jahr alt und mithin als einzigartige Schnäppchen-Trophäe zu betrachten war.

Ich spielte die Single 10 Mal am Tag, wenn auch eigentlich immer nur das Intro. In der 14. Sekunde singt da jemand ein bis heute beeindruckend hohes „Naaaaa“, ein viergestrichenes G, fast schon die letzte Taste auf dem Klavier, wenn Sie mal schauen möchten. Damals wussten auf dem Schulhof vor allem die Experten höherer Jahrgänge, dass so etwas nur von einer ausgebildeten Opernsängerin oder einem echten Kastraten erledigt werden könnte. In einer Sache indes war man sich einig: Die Rubettes hatten diesen Ton mit Sicherheit nicht selbst eingesungen, auch wenn das in den ZDF-Disco-74-Auftritten immer so aussah.

Heute wissen wir: Der heimliche Sänger hieß Paul da Vinci, bekam für seinen sensationellen Session-Einsatz im Studio 100 englische Pfund und verließ die Teenagerkapelle, bevor der Millionenseller überhaupt in die Läden kam. Das viergestrichene G aber macht bis heute einen schlanken Fuß. Üben Sie es mal. Man hat ja genug Zeit in diesen Zeiten.


Zur Person:

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage. Er studierte Germanistik und war Leiter der Werbe-Redaktion der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter: info@om-online.de.

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