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Serum gegen Lockdown: Freunde und die Familie

Ralf Lake verbreitet Kunst auf allen Kanälen, kombiniert mit Gedichten über Bilder und Klangcollagen. Die Ideen liefern seine Kinder und seine Freunde. „Ich war total gerührt“, sagt der 56-Jährige.

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Zufrieden trotz Lockdown: Galerist Ralf Lake (56). Foto: Kreke

Zufrieden trotz Lockdown: Galerist Ralf Lake (56). Foto: Kreke

Der zehnte Geburtstag der Galerie ähnelte eher der „Reise nach Jerusalem“ als einer Vernissage: Weil nur vier Personen gleichzeitig den Raum betreten durften, floh Ralf Lake, wenn‘s eng wurde, mit wechselnden Gästen immer wieder vor die Tür, hinaus auf den Herbartgang, um den nächsten Interessenten Platz zu machen. „Das hat genervt, weil kaum ein richtiges Gespräch zustande kam“, sagt der 56-Jährige.

Der harte Lockdown wird die laufende Ausstellung „Zehn Jahre - zehn Künstler“ komplett schließen. Trotzdem beängstigt den Cloppenburger die kommende Quarantäne-Qual nicht mehr. Denn seine Kinder und seine Freunde haben das Jubiläum ins Netz verlegt: Kunst auf allen (digitalen) Kanälen, kreativ und professionell inszeniert.

Sohn Gilbert (28), studierter Kommunikationswissenschaftler, hat kurzerhand einen Blog in die Website programmiert, der jetzt als Plattform dient. Tochter Gwendolin (25) steuert die Veröffentlichungen. In der Kreativ-Abteilung ist Tochter Ricarda (23) trotz ihres Studiums in Potsdam unterwegs: In einer lyrischen Klangcollage mit dem Oldenburger Schauspieler Yannik Heckmann umkreist das Paar sinnend eine Statuette aus dem Galerie-Schaufenster: Zwei Liebenden, die der Künstler Volker März mit offenen Armen aufeinander zustürmen lässt, bläst Gegenwind ins Gesicht – beinahe ein Sinnbild der pandemisch verhinderten Nähe.

Wort trifft Bildkunst: Lyriker bespricht Bilder mit eigenen Gedichten

Freund und Schriftsteller Marco Sagurna, der sich einst in Vechta als Reporter gleichermaßen um Tagesthemen und den Nachlass von Dichter Rolf-Dieter Brinkmann bemühte, hat drei Gedichte zu Kunstwerken geschrieben, die ihn besonders beeindrucken. Mit seiner Wort-und Sinnsuche im Gemälde „Zebrabeschwörerin“ von Ariane Boss hat der heute in Hannover lebende Publizist praktisch eine neue Kunstform geschaffen: Wortkunst verbindet sich mit Bildsprache – ein heiteres Gipfeltreffen für Lyrik-Fans und Kunstliebhaber.

Von der Solidarität der eigenen Familie und der Freunde ist Lake beeindruckt. „Damit habe ich nie gerechnet“, sagt er über die Schützenhilfe seiner Kinder: „Ich dachte immer: Dieses ständige Auf und Ab im Leben eines Galeristen, das wollen die nicht.“ Als sie ungefragt ihre Ideen anboten, „war ich echt gerührt“, sagt er.

Blau schwebend: Frau über Sofa von Michael Ramsauer. Foto: KrekeBlau schwebend: Frau über Sofa von Michael Ramsauer. Foto: Kreke

Ricarda Lake ist in Berlin ein filmischer Coup gelungen. Nach einem abendlichen „Brainstorming“ mit der „Berlin-Botschafterin“ des Galeristen klebte sich Maler Lars Theuerkauff mit Krepp eine Kamera ans Handgelenk und schritt zur Leinwand: Selten hat ein Künstler, während er malt, ritzt, Pigmente auf seine unfertige Arbeit stäubt, so intim Auskunft über seine Gedanken im Arbeitsprozess gegeben. „Wenn ich das sehe, krieg‘ ich jedes Mal Gänsehaut“, sagt Lake, als er die Aufnahme am Monitor abspielt.

Daneben kommen vertraute Protagonisten zu Wort: Dr. Martin Feltes etwa. Der Vorsitzende des Cloppenburger Kunstkreises bespricht ein Gemälde von Leif Trenkler. Dr. Anna Heinze, Kuratorin für Bildende Kunst am Landesmuseum Oldenburg, analysiert vor Kamera eine Gemeinschaftsarbeit von Michael Ramsauer und Jochen Mühlenbrink. Sagurna, der Lyrik-Freund, ist kaum noch zu bremsen. Seine nächsten Gedichte zu Bildern von Endy Hupperich und Ramsauer sind schon gesprochen.


Fakten:

  • Der Maler Lars Theuerkauf erzählt während des Malens über den Unterschied zwischen dem Moment des Schaffens und dem Erstarren zum endgültigen Produkt:
  • „Es gibt einen Aspekt in der Malerei, den ich besonders liebe, und zwar wie verschiedene Zeitphänomene aufeinanderprallen...
  • Ein Foto bildet zumeist die Sekunde ab, in der es geschossen wird. Ein Gemälde besteht aus Hunderten von klitzekleinen Entscheidungen, Gelegenheiten, dem Wunsch einzugreifen oder etwas stehenzulassen. Alles passiert durch Zufall und Gelingen. Es ist manchmal, als würde ich viel mehr dem Entstehen eines Gemäldes beiwohnen, als dass ich selbst meine Finger im Spiel hätte. Wenn das Bild fertig ist, hat man es mit einem ganz anderen Aspekt von Zeit zu tun. All die Farbschichten, Kleckser, Spritzer, die über Wochen, manchmal Monate einen Wettstreit auf Leinwand ausgefochten haben, sind erstarrt. Jetzt bilden sie einen Moment ab...

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