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Rolf Dieter Brinkmanns Hemd ist in Vechta

Unternehmer Hans Höffmann kauft berühmtes Bild. Pop-Art-Werk wird Dauerleihgabe für Forschungsstelle der Uni.

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Legendäres Werk: Hans Höffmann (links) und Professor Markus Fauser mit dem Bild „Das Hemd von Rolf Dieter Brinkmann“. Fotos: Chowanietz

Legendäres Werk: Hans Höffmann (links) und Professor Markus Fauser mit dem Bild „Das Hemd von Rolf Dieter Brinkmann“. Fotos: Chowanietz

Das legendäre Werk trägt nicht nur den Namen des Dichters, es ist auch eng mit seiner Geschichte verbunden: Das Bild „Das Hemd von Rolf Dieter Brinkmann“, eine Arbeit des Malers Henning John von Freyend aus dem Jahr 1969. Der Brinkmann-Forscher Professor Markus Fauser von der Universität Vechta nennt das Werk „eine Ikone der Pop-Art“. Nach mehr als 50 Jahren ist das Bild jetzt in Vechta angekommen – kurz vor Brinkmanns 80. Geburtstag am 16. April und dessen 45. Todestag am 23. April.

Fauser hatte den Vechtaer Reiseunternehmer Hans Höffmann gebeten, das Bild aus der Auflösung einer Sammlung zu kaufen und der Uni als Dauerleihgabe zu überlassen. Über den Kaufpreis wird öffentlich nicht gesprochen. Zumindest sei es für das „kleine Budget“ der Brinkmann-Forschungsstelle seiner Uni zu teuer gewesen, sagt der Professor. Also ging Fauser genauso vor wie bei Ankäufen von originalen Brinkmann-Schriften aus Privatbesitz: Er fragte, wer ihm finanziell unter die Arme greifen könne.

Hans Höffmann half aus – und Fauser griff schnell zu. „Das war eine einmalige Chance“, sagt der Literaturwissenschaftler. Das Bild sei begehrt.

Ab 1971 war das Bild im Eigentum des Verlegers Jörg Schröder und hing lange im Frankfurter Büro des inzwischen in Berlin beheimateten März-Verlags. Das kleine Verlagshaus hatte unter anderem die von Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla herausgegebene Anthologie „Acid“ auf den Markt gebracht und stand in einer engen Beziehung zu dem in Vechta geborenen Dichter.

Im Dezember des vergangenen Jahres meldete sich Schröder bei Fauser. Der Verleger hatte das Archiv seines Verlags an die Leipziger Universitätsbibliothek Albertina abgegeben. Jetzt suchte Jörg Schröder noch einen Abnehmer für seine Bildersammlung. Markus Fauser musste damit rechnen, nie an das „Das Hemd von Rolf Dieter Brinkmann“ zu kommen, wenn er jetzt nicht zugreife. Als würdiger Ort für das berühmte Bild kam für den Uni-Professor nur Vechta infrage. Es soll bei einer geplanten Brinkmann-Ausstellung in der Uni-Bibliothek im Mittelpunkt stehen.

Markus Fauser hat die Geschichte des Bildes aufgearbeitet: Es zeigt das giftgrüne Hemd mit großen blauen Blumen, das Brinkmann von einer Reise aus London mitgebracht und von da an zu einer Art persönlicher Uniform erhoben hatte. Henning John von Freyend, ein enger Freund Brinkmanns und dessen Nachbar in Köln, malte das Hemd. Die Kölner Künstler-Gruppe „Exit Bildermacher“, zu der der Maler gehörte, warb mit dem Motiv auch für eine Lesung Brinkmanns. Das Bild wurde zu einer Art Erkennungszeichen für die Gruppe.

Besonderheit: Markus Fauser (rechts) zeigt Hans Höffmann ein besonderes Detail auf der Rückseite des Bilds, eine Widmung des Künstlers für den langjährigen Eigentümer.Besonderheit: Markus Fauser (rechts) zeigt Hans Höffmann ein besonderes Detail auf der Rückseite des Bilds, eine Widmung des Künstlers für den langjährigen Eigentümer.

Das Original verkaufte der Maler aber an den Verleger Schröder – nur um es kurz danach, 1971, wieder abzuholen. Henning John von Freyend gab vor, er müsse die Acryl-Malerei firnissen, also mit einer Schutzschicht überziehen, um die Farbe vor äußeren Einflüssen zu schützen. Aber der Maler brachte das Bild nie zurück.

Hintergrund war wohl das Zerwürfnis zwischen dem Verlag und Brinkmann. Von Freyend soll das gestohlene Bild seinem Freund gegeben haben, der es unbedingt haben wollte. Seitdem sei das erste Original verschollen, erklärt Professor Markus Fauser. Ob es noch existiert oder ob es sich bei Brinkmanns in Köln lebender Witwe Maleen befindet, sei unbekannt.

Das Bild, dass nun in Vechta angekommen ist, gilt als das zweite Original, dem heute ein höherer Wert und höhere Bedeutung zugeschrieben wird als dem ursprünglichen Werk. Schröder hatte sich von Henning John von Freyend nach der „selbstherrlichen Zwangsenteignung“ – so schrieb Schröder selbst nach der späteren Versöhnung mit dem Maler – nämlich das Bild noch einmal malen lassen. Bei der Pop-Ausstellung 2006 in Köln, bei der das zweite Original gezeigt wurde, fügte Freyend noch eine Widmung für Schröder auf der Rückseite der Leinwand hinzu.

Der Maler 50 Jahre später: Henning John von Freyend.Der Maler 50 Jahre später: Henning John von Freyend.

„Das Hemd von Rolf Dieter Brinkmann“ ist ein Dokument: Wie Fauser erklärt, ging Freyends Malerei damals von Motiven des Alltags aus. Mit sehr präzisen und detailgenauen Bildern in expressiver Farbgebung habe der Maler zeigen wollen, was ist. Freyend habe damit ein „großartiges Pendant zur amerikanischen Popkunst“ geschaffen, eine Malerei zwischen Realismus und Abstraktion.

Fauser hat sich eingehend mit Freyends Arbeit auseinander gesetzt. Der Maler stand während Brinkmanns Reisen immer auch im Briefkontakt mit seinem engen Freund – bis zu dessen Tod bei einem Unfall am 23. April 1975 in London. Die Geschehnisse der Zeit, den Schriftwechsel mit Brinkmann, Fotos, eigene Skizzen und Entwürfe hat Freyend in Malerbüchern zusammengefasst – und die Bände 2017 an die Uni Vechta verkauft. Auch das grüne Hemd ist in den Büchern zu sehen.

Fakten

  • Rolf Dieter Brinkmann wurde am 16. April 1940 in Vechta geboren. 
  • Der Lyriker gilt als ein herausragender radikaler Erneuerer der deutschen Literatur. Kritiker nannten ihn einen zornigen, provokanten „Wort-Vandalen“. 
  • Sein Werk „Westwärts 1 & 2“ gilt als der wichtigste Gedichtband der 70er Jahre. 
  • Am 23. April 1975 wurde Brinkmann von einem Auto überfahren und starb. 
  • Sein Gesamtwerk erscheint bei Rowohlt.

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