Die Tragikomödie Auerhaus berührt das Premierenpublikum
Es ist eine dynamische Inszenierung deren Kapitel mit Musik der 1980er eingeleitet werden. Die Tragikomödie erzählt ein ernstes Thema mit leichter, amüsanter Hand und einer Prise Schwarzen Humors.
Franz Diekmann spielt Höppner, der die Geschichte weitestgehend erzählt. Foto: Heinzel
Er sitzt mit einem Rubikwürfel im Schneidersitz auf dem Tisch und beginnt davon zu erzählen, dass er gar nicht da gewesen sei als die „Sache“ passierte. Denn er sei ein paar Tage abgetaucht gewesen um dem „fiesen Freund meiner Mutter“ zu entkommen. „Ein Arschloch, dumm wie ein Meter Feldweg.“ So begegnet der Zuschauer erstmals Höppner, dem Erzähler der Geschichte von „Auerhaus“.
Die Premiere des Stücks der Theater-AG des Gymnasiums Lohne nach einer Inszenierung von Stefan Middendorf war ein voller Erfolg. Standing Ovations waren neben Beifallspfiffen und starken Applaus die verdiente Würdigung einer fantastischen Ensembleleistung und des dahinterstehenden Technikteams.
Die Kostüme von Kerstin Sieve unterstrichen die einzelnen Charaktere und deren Lebensumstände. Das minimalistische Bühnenbild war perfekt, um der Fantasie der Besucher Raum zu lassen, die handelnden Personen auch dank der passenden Beleuchtung in den richtigen Kontext wie Klassenraum, Psychiatrie, Auerhaus oder Polizeistation zu versetzen.
Ein fantastisches Ensemble (von links): Franz Diekmann (Höppner), Benn Kaletta (Harry), Leni Bokern-Kersting (Cäcilia), Jule Böckmann (Vera), Finja Heitmann (Pauline) und Kjell Jaeger (Frieder). Foto: Heinzel
„Auerhaus“ nach dem Roman von Bjov Berg ist eine Tragikomödie die vom psychisch labilen Frieder erzählt. Toll gespielt durch Kjell Jaeger. Seine Figur umweht in der Regel ein Hauch von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Frieder kommt nach einem Selbstmordversuch aus der Psychiatrie und macht mit Höppner, dessen kleptomaner Freundin Vera sowie dem reichen Töchterchen Cäcilia eine WG im alten Haus seines Großvaters auf. Später ziehen die Pyromanin Pauline und der bisexuelle Stricher und Drogendealer Harry mit ein.
Ein Ziel der WG ist es, auf Frieder aufzupassen. So schwer diese Verantwortung wiegt, so verantwortungslos verhalten sich WG-Genossen. Alle sind auch mit sich selbst beschäftigt, haben eigene Probleme, versuchen herauszufinden wer sie sind und wo sie das Leben hinführen soll. Wie ist es mit Sex und der ersten Liebe. Die Inszenierung gibt den Figuren dabei Raum, sich zu entfalten, ihre Geschichte zu skizzieren und die Beziehungen untereinander zu definieren.
Höppner (rechts, Franz Diekmann) stellt Frieder (links, Kjell Jaeger) zur Rede un fragt ihn über den Selbstmordversuch aus. Foto: Heinzel
Dabei ist eines klar: Das Leben ist unberechenbar. Und dies greift die Aufführung auf, setzt den Zuschauer auf eine Fährte und biegt dann überraschend ab und nimmt doch wieder einen anderen Weg. Es ist eine sehr dynamisch erzählte Geschichte die sich aber an bestimmten Momenten die Zeit nimmt auf Punkte einzugehen und zu vertiefen. Es gibt viel zu lachen, aber auch beklemmende Momente. Man wird mit einer Bandbreite an unterschiedlichen Emotionen konfrontiert und fiebert mit den jungen Erwachsenen mit.
Das ist den sechs Darstellern zu verdanken, die ihre Figuren authentisch spielen und dank ihrer Bühnenpräsenz eine Immersion des Zuschauers erlauben, der sozusagen Teil der WG wird. Franz Diekmann spielt Höppner intensiv und nuanciert. Auch die noch nicht genannten Ensemblemitglieder Jule Böckmann (Vera), Benn Kaletta (Harry), Leni Bokern-Kersting (Cäcilia) und Finja Heitmann (Pauline) begeistern und berühren mit ihrem Spiel.
Ein enorm wichtiges Element für die Tonalität der Aufführung ist die Musik. Die Songs teilen die Geschichte in Kapitel und Erinnerungssplitter ein und setzt damit den Ton für den kommenden oder abgeschlossenen Moment. Gespielt werden beispielsweise „Bruttosozialprodukt“, „It's the end of the world as we know it", „Alkohol“, „We don't need no education“ oder „Birth, School, Work, Death“.
Silvester wird im Auerhaus ausgelassen gefeiert. Foto: Heinzel
Ein Stück, das in die bundesrepublikanischen Provinz der 1980er entführt und über die Herausforderungen erzählt, vor denen junge Erwachsene in dieser Gesellschaft stehen. Höppner meint: „Wir haben so gelebt, als wäre das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben.“ Das war es nicht und die Zeit im Auerhaus geht zu Ende. Wie, das sei hier nicht verraten. Es ist eine sehenswerte Inszenierung, die Spaß bereitet, berührt, nachdenklich stimmt und einen definitiv nicht kalt lässt.