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Zukunftsmacherin: Irene Lammers will "das Image des Handwerks hochhalten"

Die Maler- und Lackierermeisterin ist Inhaberin des Malerbetriebes Fuxen in Steinfeld und engagiert sich ehrenamtlich als Vizepräsidentin der Handwerkskammer Oldenburg.

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Engagiert sich für das Handwerk, unter anderem als Vizepräsidentin der Handwerkskammer Oldenburg: Irene Lammers. Foto: privat

Engagiert sich für das Handwerk, unter anderem als Vizepräsidentin der Handwerkskammer Oldenburg: Irene Lammers. Foto: privat

"Die Wege in den Beruf sind manchmal nicht berechenbar", lacht Irene Lammers. Handwerk? "Damit hatte ich erst einmal so gar nichts am Hut – jedenfalls offiziell nicht", erklärt die 55-Jährige. In ihrem Leben stand zunächst nach der Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten – wie für viele Frauen ihrer Generation – die Familie im Vordergrund. "Kinder zu bekommen, sie großzuziehen, das war eine ganz bewusste Entscheidung", blickt sie zurück. "Und sie wird für mich auch immer eine richtige Entscheidung bleiben. Auf meine drei Kinder bin ich sehr stolz", sagt die Lohnerin, und verweist auf die nächste Generation, in der Tochter Ann-Kathrin sie wohl besonders stolz machen dürfte, hat diese doch inzwischen denselben Berufsweg der Mutter eingeschlagen, ist Maler- und Lackierermeisterin. Beide arbeiten gemeinsam im Unternehmen der Mutter, dem Malerbetrieb Fuxen in Steinfeld.

"Wie ich zum Malerhandwerk gekommen bin?" Die Denkpause auf die Frage ist nur kurz: "Mir wurde zu Hause schließlich ein wenig langweilig und ich begann zu tapezieren. Etwas Schönes selbst zu verarbeiten, um noch Schöneres zu schaffen, das lag mir. Und wenn Männer mir sagen, sie empfinden das Tapezieren als ein Graus, dann bin ich das ganze Gegenteil: Ich liebe das. Wahrscheinlich auch deshalb, weil mir diese Arbeit recht einfach von der Hand geht. Ein Naturtalent sozusagen", fasst sie ihre handwerklichen Anfänge zusammen.

Mit der Leidenschaft für schöne Tapeten beginnt ein ungewöhnlicher Berufsweg

Apropos Tapeten: Die stets etwas ausgefallenen Wünsche seiner Kundin ließen Malermeister Gottfried Moormann in Steinfeld aufmerksam werden. "Es kam ja nicht oft vor, dass eine Frau sich bei ihm Tapetenrollen im Laden kaufte und sie selbst an die Wand klebte", erinnert sie sich an ihren ehemaligen Chef. "Und wenn auch die Tapetenwünsche öfter einmal etwas ausgefallen waren, war auch mein Farbempfinden wohl nicht das schlechteste, sodass er sich eines Tages entschloss, mich anzusprechen. Ob ich nicht Lust hätte, in seinem Malergeschäft zu arbeiten? Obwohl ich nicht wusste, worauf ich mich da einließ, habe ich schnell zugesagt."

Die Zusage brachte sie 1995 in das Büro und das Ladengeschäft des Handwerksbetriebes. Farben, Tapeten und weiteres Material im beratenden Kundengespräch zu verkaufen, war ihr tägliches Tun. Im Laufe der Zeit vertiefte sich die kaufmännische Arbeit, die Irene Lammers bei Moormann schließlich leitete. "Wer so viel weiß, will dann noch mehr wissen", erinnert sie sich zurück. Der Titel als technische Betriebswirtin sowie der Ausbildereignungsschein waren erste Schritte im Rahmen einer profunden Weiterbildung, um "den Betrieb auch vernünftig führen zu können".

Moormann bot ihr schließlich die Übernahme seines Geschäftes an, was sie "auch fast ohne Zögern annahm. Schließlich kannte ich den Betrieb sehr gut". Mit dem Schritt in die Selbstständigkeit im Jahr 2005 wurde der Meisterlehrgang im Maler- und Lackiererhandwerk "fast schon zur Pflicht, obwohl dessen Absolvierung im hohen Alter von 40 Jahren – und insbesondere als Frau – schon ungewöhnlich war".

Nach dem Schritt in die Selbstständigkeit nimmt auch die ehrenamtliche Arbeit zu

Den Lehrgang schloss Irene Lammers, die vor einem Jahr erneut geheiratet hat, und damit den Nachnamen Fuxen ablegte, als Prüfungsbeste ab. Der sehr gute Abschluss erweckte sofort auch Aufmerksamkeit in der Handwerksorganisation. Schnell war sie, und ist es bis heute, Mitglied der Meisterprüfungskommission in ihrem Berufsbild im Land Niedersachsen. Als Chefin eines klassischen Maler- und Lackiererbetriebes mit heute 12 Mitarbeitern war für sie auch die Mitgliedschaft in der Malerinnung der Kreishandwerkerschaft Vechta keine Frage: "Wer etwas für seinen Berufsstand erreichen will, der muss sich organisieren." Es war naheliegend, sich auch selbst in die örtliche Verbandsarbeit aktiv einzubringen: Bis zum Jahr 2019 war sie Obermeisterin ihrer Innung.

Einer der wichtigsten und einflussreichsten Posten im Ehrenamt ist allerdings der als Vizepräsidentin der Handwerkskammer Oldenburg. Gerade hat sie die Vollversammlung der Kammer in Vertretung des Präsidenten geleitet. Höchst interessant und "nicht ohne Wirkung" sei der "direkte Kontakt mit der Politik", der dieses Amt mit sich bringt, sagt Irene Lammers. Ein wenig stolz sei sie deshalb schon auf das, was für das Handwerk in den zurückliegenden Jahren durch die Standesorganisationen erreicht wurde. "Wir haben generell die Ausbildung im Handwerk und insbesondere die Meisterprüfungen modernisiert und zeitgemäßer gestaltet. Wichtig auch, dass wir es erreicht haben, dass jeder Meister eine Prämie von 4000 Euro erhält. Damit soll die Meisterprüfung, wie ein Studium auch – mehr oder weniger – kostenfrei sein. Auch die Gleichstellung von Meistertitel und akademischer Ausbildung können wir uns auf die Fahne schreiben – obwohl wir gerade diese Gleichstellung den jungen Leuten einfach besser verkaufen müssen, sonst haben wir bald gar keinen Nachwuchs mehr für die Betriebe."

"Mädchen mischen die Truppe sehr angenehm auf."Irene Lammers, Chefin des Malerbetriebes Fuxen in Steinfeld

Die sinkende Zahl derer, die an einer Ausbildung im Handwerk interessiert sind, macht ihr große Sorge. Gerade hat die Vollversammlung festgestellt, dass bis Ende Mai in einigen Handwerksberufen im Vergleich zu 2020 fast 23 Prozent weniger Lehrvertragsabschlüsse getätigt wurden. Die Ansprache des Berufsnachwuchses im Handwerk habe in der Corona-Pandemie kaum in der gewohnten Art und im gewohnten Umfang erfolgen können. "Das haben viele Betriebe erleben müssen, die ausbilden. Wir kamen einfach nicht an die Jugendlichen ran, da zahlreiche Job-Veranstaltungen vor Ort ausfielen."

Lammers bildet in ihrem Betrieb selbst aus, stellt jedes Jahr einen neuen Azubi ein, darunter auch regelmäßig weibliche Berufsanfänger: "Die Mädchen mischen die Truppe sehr angenehm auf", sagt sie. Dennoch: "Auf unser Ausbildungsangebot hatten wir zuletzt einfach keine Resonanz", klagt sie und hofft, dass es bald "für alle Handwerksbetriebe wieder einfacher wird, die jungen Leute anzusprechen". Dazu gelte es aber vor allem, das "Image des Handwerks" hochzuhalten. Dazu müsse sich das Handwerk selbst auch bewegen: "Wir müssen Aufmerksamkeit bei den jungen Leuten erzeugen, über provokante Werbeansprache, über die sozialen Medien, die auch die Schulabgänger nutzen. Und vor allem müssen wir klarmachen, dass sich im Handwerk gutes Geld verdienen lässt – oft genauso viel wie mit einer akademischen Ausbildung."

"Liebe Frauen, nutzt die Chancen, die wir in Deutschland haben!"Irene Lammers

Rund 50 Stunden in der Woche bringt Irene Lammers neben ihrer Arbeit im und für den eigenen Betrieb für ihre Ehrenämter auf. Ein gehöriger Aufwand, "den man nur leisten kann, wenn es Spaß macht. Und das macht es zurzeit noch". Würde sie im Rückblick die beruflichen Entscheidungen in ihrem Leben wieder so treffen? "Auf jeden Fall." Gibt es einen Rat von ihr – besonders für Frauen – die, wie sie "nach vorne" gehen möchten? "Liebe Frauen, nutzt die Chancen, die wir in Deutschland haben! Bleibt unbedingt im Beruf und bildet euch weiter. Auch wenn es nicht immer so einfach ist, Job und Kinder zu verbinden."

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