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Wissenschaft will Tierwohl messbar machen

Die Forscher sammelten Daten aus über 200 Mastbetrieben. Das "Bauchgefühl" reicht aus ihrer Sicht nicht aus, um festzulegen, wie zum Beispiel Schweine gehalten werden sollten.

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Kleine Stellschraube: Eine Sprühanlage kann Schweinen an heißen Tagen gut tun und damit das Tierwohl erhöhen. Foto: dpa

Kleine Stellschraube: Eine Sprühanlage kann Schweinen an heißen Tagen gut tun und damit das Tierwohl erhöhen. Foto: dpa

In der Diskussion ums Tierwohl geht es selten objektiv zu. Forscher der Tierärztlichen Hochschule Hannover und der Landwirtschaftskammer wollen das ändern. In einem gemeinsamen Projekt haben sie Daten gesammelt, die Schweinemästern helfen können, ihre Haltungsbedingungen wirksam zu verbessern.

Die Forscher rückten dafür auf über 200 Schweinemastbetrieben und Schlachthöfen an. Sie fanden dort zahlreiche Indikatoren, die mitbestimmen, wie sich die Tiere im Laufe ihres Lebens fühlen. Treten zum Beispiel immer wieder Verletzungen auf und ist die Sterblichkeit höher als anderswo, deute das auf ein grundsätzliches Problem hin, sagen die Experten. Die Informationen wurden verglichen und schließlich in einer Gesamtbewertung zusammengefasst. Tierhalter sollen daraus Rückschlüsse für ihren Betrieb ziehen und bei Bedarf Verbesserungen einleiten können, ist die Idee der Forscher.

Der Endbericht liegt inzwischen vor, wurde vom Auftraggeber, dem Bundeslandwirtschaftsministerium, aber noch nicht freigegeben. So viel kann Projektleiter Professor Dr. Lothar Kreienbrock aber trotzdem schon verraten: "Den komplett guten und den schlechten Betrieb gibt es so nicht." Das gelte ganz unabhängig von der Haltungsform. Probleme beim Tierwohl seien zumeist auf betriebliche Fehler zurückzuführen, die allerdings auch abgestellt werden können, etwa durch eine intensivere Betreuung.

Studienleiter bemängelt "Büllerbü-Bild"

Bei der Bewertung des Tierwohls herrsche in weiten Teilen der Bevölkerung eine Art "Büllerbü-Bild", bemängelt der Wissenschaftler. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass viele Landwirte bei dem Thema eher dickfällig reagierten. "Ihr Problem sind natürlich die Kosten und der höhere zeitliche Aufwand."

Ziel der Untersuchung war es, ein System zu entwickeln, das es ermögliche, die Tierwohlindikatoren zuverlässig und vergleichbar zu erfassen. Von der Wissenschaft bis zur Gesellschaft werde darüber viel gestritten, sagt Professor Kreienbrock. "Um aber eine verlässliche Aussage über das Wohlbefinden von Tieren treffen zu können, reicht das Bauchgefühl nicht aus. Vielmehr müssen belastbare Daten so zur Verfügung gestellt werden, dass diese im landwirtschaftlichen Alltag praktikabel erfasst und fachlich korrekt weiterverarbeitet werden können."

Wie kompliziert es manchmal werden kann, erläutert der Forscher am Beispiel Antibiotika. Deutschland habe dessen Einsatz binnen kurzer Zeit um die Hälfte reduziert. Kreienbrock: "Das hat kein anderes Land geschafft." Was  grundsätzlich gut sei, verkehre sich im Sinne des Tierwohls aber ins Gegenteil, wenn erkrankten Schweinen benötigte Medikamente vorenthalten würden. Kreienbrock ärgert sich auch darüber, dass der Landtag die Zuständigkeit für die Antibiotikaüberwachung in der Tierhaltung vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) wieder auf die Kommunen übertragen hat. "Jetzt macht jeder Landkreis etwas anderes. Das war nicht weise und wird den Landwirten langfristig wieder auf die Füße fallen."

In wissenschaftlichen Blättern wurde die Studie bereits publiziert. Welche praktischen Auswirkungen sie haben wird, hängt nun von der Politik ab. "Wir machen ihr damit ein Angebot und stehen zur Diskussion bereit", betont Professor Kreienbrock.

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