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Wie der Ringelschwanz dran bleiben kann

Seit dem Sommer 2019 gilt in Niedersachsen der Aktionsplan zum Kupierverzicht in der Schweinehaltung.

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Gesetzlich vorgeschrieben: Schweine müssen den Ringelschwanz behalten. Das gilt seit vielen Jahren. Der Verzicht auf das Kupieren kommt aber erst jetzt in Gang. Foto: dpa /Gentsch

Gesetzlich vorgeschrieben: Schweine müssen den Ringelschwanz behalten. Das gilt seit vielen Jahren. Der Verzicht auf das Kupieren kommt aber erst jetzt in Gang. Foto: dpa /Gentsch

Dass „die Hütte voll“ sei, das freue ihn, sagte Dr. Friedrich Willms, Geschäftsführer des Kreislandvolkverbandes Vechta, bei der Begrüßung von etwa 150 Zuhörern im Gasthaus Sextro in Oythe am Mittwochvormittag. Überrascht über die hohe Zahl der Landwirtinnen und Landwirte, die sich eingefunden hatten, war Willms aber nicht. Es sei klar gewesen, dass das Interesse an der Veranstaltung groß sein würde. Um „Schwanzbeißen, Ohrnekrose und Kupierverzicht“ ging es. So speziell diese Themen klingen, über die es drei Expertenvorträge gab – es ging hier nicht nur um Fachliches, sondern auch um eine bedeutende agrarpolitisch Aufgabe zum Tierschutz.

Denn: Schweine in der Nutztierhaltung sollen ihre Ringelschwänze behalten. Das Amputieren des Körperteils ist verboten. So legt es eine EU-Rechtsvorschrift fest – seit 2008. Das haben Deutschland und andere EU-Staaten aber lange ignoriert. Die Regel ist: Die Borstenviecher haben nur einen Stummel am Hinterteil. Denn den Ferkeln wird kurz nach der Geburt das Ringelschwänzchen gestutzt, damit während der Mastzeit keine Artgenossen hineinbeißen. Dieser Kannibalismus, der meist durch Stress ausgelöst wird, kann zu Verletzungen und Entzündungen führen, die tödlich enden. Doch: Das Risiko des sogenannten Schwanzbeißens kann deutlich gesenkt werden. Etwa, indem das Stallklima stimmt, keine Luftzüge bei den Tieren für Unwohlsein sorgen. Auch Beschäftigungsmaterial wie Holzlatten, Seile zum Knabbern oder Stroh zum Wühlen sind hilfreich. Der Ausstieg aus dem Schwänzekupieren ist also auch eine Frage des Stallmanagements und der Haltung. Die EU-Kommission hat derweil ihren Druck erhöht: Diverse Mitgliedsstaaten mussten Aktionspläne vorlegen, wie sie das Kupierverbot einhalten.

Der deutsche Entwurf eines solchen Aktionsplans lag Anfang 2018 vor, seit dem 26. Juni 2019 gilt ein niedersächsischer Erlass zur Umsetzung des Aktionsplans. Die Veterinärämter der Landkreise haben daraufhin alle Schweinehalter in ihrem Zuständigkeitsbereich angeschrieben. Nähere Erläuterungen zur Vorgehensweise gab es von Dr. Heiko Janssen von der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen. „Der Aktionsplan ist ein dynamischer Prozess“, erklärte er. Es gehe um eine schrittweise Verbesserung. Der Ringelschwanz solle dranbleiben, wenn das nicht so ist, dann müsse der Halter erklären, warum das so ist. Diese zwei Optionen gebe es.

Reiner kritisiert Zucht auf immer höhere Leistung der Tiere

Allerdings seien alle Betriebe aufgefordert, mindestens einmal im Jahr eine Risikoanalyse zu unternehmen und bewusst Optimierungen zu veranlassen. All das gilt es zu dokumentieren. Und wer in den Kupierverzicht bereits einsteige, der müsse Verletzungen zwei Mal jährlich zählen, auf Formularen festhalten – und ebenfalls für Verbesserungen sorgen anhand eines Kriterienkatalogs. Dazu gehören auch das Stallklima und die Struktur der Haltungsbuchten. Es gelte: Wer mehr als zwei Prozent verletzter Tiere habe, der dürfe das Kupieren der Schwänze fortsetzen. Der Dokumentationsaufwand sei zwar „erheblich“, aber die Behörden würden mehr darauf achten, und: „Die Vorgehensweise macht aus fachlicher Sicht wirklich Sinn“, sagte Janssen.

Als Moderator Karl-Heinz Tölle von der ISN-Projekt GmbH das Publikum fragte, wer denn bereits mit dem Kupierverzicht begonnen habe, da hoben nur wenige die Hand. Das zeigt wohl auch, wie groß die Sorge davor ist, dass das Schwanzbeißen im Stall losgehen kann.

Ganz neue Einsichten zum Thema gab es von Professor Dr. Gerald Reiner von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Das Schwanzbeißen sei „nur die Hälfte des Problems“, erklärte er. Und: Es gebe auch Entzündungen im Bereich der Ohren sowie der Klauen. Beides spiele eine „ganz große Rolle“ in dem Geschehen, seien aber vergessen worden. Seine Botschaft: Auch wenn an allen bekannten Faktoren gearbeitet werde, sei das Schwanzbeißen nicht auszuschließen. „Da ist noch mehr dahinter“, sagte er. So gebe es einerseits das Schwanzbeißen durch aggressive, gestresste oder verhaltensgestörte Tiere. Aber es gebe auch ein „sekundäres Schwanzbeißen“. Da lasse sich ein Schwein beknabbern, weil es aufgrund einer Durchblutungsstörung einen Juckreiz verspüre. Wenn dann Blut fließe, gehe die Beißerei im Stall los.

Außerdem gebe es Verletzungen ohne das Zutun anderer Tiere – am Schwanz, an den Ohren oder an den Ballen. „Das kommt von innen“, sagte Reiner. In Forschungsprojekten hat er festgestellt, dass viele Ferkel bereits von solchen inneren Entzündungen betroffen sind, die nach außen „durchbrechen“ und sich auch auf das zentrale Nervensystem auswirken. „Bakterielle Abbauprodukte sind ins Blut gekommen, da gehören die nicht hin“, erklärte Reiner. Er mahnte ein profundes Umdenken an: Bereits bei der Jungsauenaufzucht sei die Darm- und Lebergesundheit zu gewährleisten. Weitere Faktoren seien die Haltung und Fütterung, aber besonders auch die Genetik. Es sei ein Fehler, dass die Tiere auf immer höhere Leistung gezüchtet worden seien.

Im Vortrag von Dr. Philipp Ellert, Tierarzt aus Visbek, ging es insbesondere auch um die Bedeutung der Lüftung im Stall, um das Schwanzbeißen zu verhindern. „Häufig komme ich in den Stall und da ist Wind drin“, berichtete er. „Das mögen die Schweine gar nicht.“ Es sei aber „meistens nicht nur ein Faktor“, der für das Schwanzbeißen oder aber für Nekrosen (entzündete oder abgestorbene Körperpartien) verantwortlich sei. Auch er hob auf die Genetik ab, die Fütterung und den Gesundheitsstatus. Aber: Jeder Betrieb sowie jedes Beiß- und Nekroseproblem sei anders. Es zu beseitigen, könne Monate dauern. Ellert: „Da muss man durchhalten.“

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